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10 Fazit: theoretische und anwendungsbezogene Schlussfolgerungen für die geschlechtsreflektierte Gesundheitsforschung

Zur systematischen Vorbereitung der theoretischen und praktischen Schlussfolgerungen ist es zunächst sinnvoll, die empirischen Ergebnisse überblickhaft zusammenzufassen. Aus der Typologie und deren Diskussion gehen folgende Befunde hervor, die die Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress anhand von vier Kernaussagen beantworten:

Ÿ Callcenter-Tätigkeit zwischen Flexibilität und Perspektivlosigkeit

Im Rahmen der von den Frauen thematisierten Vereinbarkeitsanforderungen von Familie und Beruf werden nicht lediglich Stressbelastungen formuliert. Vielmehr ergeben sich zwei unterschiedliche Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress: Zum einen wird ein erfolgreicher Vereinbarkeitsprozess vor dem Hintergrund der zur Verfügung stehenden Bedingungsressourcen – wie die Unterstützung durch Familienangehörige – formuliert. Zum anderen entsteht eine grundlegende Stressbelastung nicht im Rahmen einzelner Vereinbarkeitsbemühungen der befragten Mütter, sondern begründet sich aus einem Prozess der allgemeinen beruflichen und sozialen Perspektivlosigkeit, der der CC-Tätigkeit zugeschrieben wird.

Ÿ Ausgleichspräferenzen zwischen Funktionalität und persönlicher Erfüllung Sport, soziale Kontakte und ehrenamtliches Engagement werden sowohl von Frauen als auch von Männern als Strategien der Stressbewältigung angeführt. Allerdings verweisen die Ergebnisse auf Gechlechtsunterschiede in der Funktionsweise der Ausgleichsfaktoren im außerberuflichen Kontext. Während die Darstellungsweisen männlicher Agents auf eine zweckbezogene Nutzung des sportlichen Ausgleichs zur Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress deuten, beziehen sich die Befragten aus der Gruppe der Frauen auf die erfüllende Funktion sozialer, psychischer und physischer Aktivitäten.

Ÿ Verortungsweisen im Kontext sozialer Unterstützung

Während für die befragten Frauen soziale Interaktion als existenznotwendige Unterstützungshilfe beschrieben wird, verstehen sich die Befragten aus der Vergleichsgruppe der Männer als Schlüsselpersonen zur Herstellung von Kollegialität und sozialer Unterstützung. Unter Berücksichtigung der individuellen und betrieblichen Rahmenbedingungen verweisen die Ergebnisse jedoch auf eine Ausdifferenzierung von explizit männlichen und weiblichen Verortungsweisen. So ist davon auszugehen, dass die Rolle als gewerkschaftliche Vertrauensperson oder Teamsupervisorin die Darstellungsweisen der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress mit beeinflusst.

Ÿ Verlust und Gewinn von Handlungsund Leistungsfähigkeit

In Bezug auf die technisierte Kontrolle und Fremdbestimmung innerhalb der CC-Tätigkeit deuten die zugeteilten Passagen der befragten Frauen auf eine konstruktive und konfliktfreie Umgangsweise mit der erlebten Stresssituation. Demgegenüber zeichnen sich die Darstellungsweisen in der Gruppe der männlichen Agents durch eine aggressiv vorgetragene Ignoranz gegenüber der als fremdbestimmt wahrgenommen Tätigkeit aus, sodass Strategien der Rückgewinnung von Handlungsfähigkeit deutlich werden. Gleichwohl geht aus einem Teil der Darstellungsweisen männlicher Agents ein Gefühl der Handlungsund Leistungsunfähigkeit hervor. Dieses wird allerdings weniger innerhalb der CC-Tätigkeit verortet als vielmehr auf die persönliche und individuelle Funktionsunfähigkeit im lebensweltlichen Kontext bezogen.

Als grundlegende, konzeptionelle Orientierung für die theoretischen und anwendungsbezogenen Schlussfolgerungen eignet sich die Strategie des Gender Mainstreaming. Diese wurde auf der vierten Weltfrauenkonferenz in Peking als Ansatz für die Entwicklungszusammenarbeit vorgeschlagen und zielte ursprünglich darauf ab, sozio-ökonomische Lebensbedingungen von Frauen stärker zu berücksichtigen (United Nations, 1995). Gegenwärtig dient das Konzept nicht mehr nur als frauenpolitisches Instrument, sondern hat sich in verschiedenen Politikfeldern und Organisationen als strategische Grundlage etabliert, um zu Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern beizutragen (Cordes, 2010). Übertragen auf den gesundheitswissenschaftlichen Kontext meint Gender Mainstreaming,

„bei allen gesundheitsbezogenen Aktivitäten zu prüfen, ob das Geschlecht als Strukturkategorie relevant ist (und falls ja: wie es angemessen zu berücksichtigen ist)“ (Kolip, 2011, S. 514). Dabei sind Entscheidungen darüber zu treffen, wie die Herstellung einer horizontalen und vertikalen Chancengleichheit ermöglicht werden kann. Gemäß der Strategie gilt es, bei Geschlechtsunterschieden in den Stressund Bewältigungsmustern differenzielle Ansätze der Prävention und Gesundheitsförderung zu entwickeln (vertikale Chancengleichheit). Demgegenüber sind bei gleichen Umgangsweisen auch gleiche Angebote bereitzustellen (horizontale Chancengleichheit) (ebd.).

Zwar lässt sich aus der Definition nicht direkt entnehmen, ob das Konzept für die Weiterentwicklung von Theorien herangezogen werden kann. Gleichwohl gilt es gemäß der Übersetzung von Gender Mainstreaming, die soziale, gesellschaftliche und biologische Relevanz von Geschlecht in den Hauptstrom aller politischen und wissenschaftlichen Implikationen zu stellen. Demzufolge eignet es sich ebenso als Leitprinzip, um eine Erweiterung der rezipierten Konzepte und Modelle vor dem Hintergrund der Vergleichsdimension Geschlecht zu ermöglichen. Daran anlehnend sollen im abschließenden Kapitel die Ergebnisse der Studie in diejenigen Konzepte integriert werden, die im Mittelpunkt des theoretischen Rahmens und der Diskussion standen (Kapitel 10.1). Zum anderen werden mit Hilfe der Befunde anwendungsorientierte Überlegungen zur Planung von Maßnahmen der BGF formuliert (Kapitel 10.2). Das ausführliche Fazit wird mit einem theorieund anwendungskritischen Ausblick auf zukünftige Herausforderungen geschlechtsreflektierter Gesundheitsforschung abgerundet (Kapitel 10.3).

 
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