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9.1 Feldzugang – Rollenreflektion im betrieblichen Kontext

Przyborski und Wohlrab-Sahr (2008, S. 58) zufolge können ForscherInnen dem Feld gegenüber keine „antiseptische Distanz“ einnehmen. Demzufolge gestalten das Geschlecht, die sozialen Bindungen, die individuellen Eigenschaften sowie das theoretische Vorwissen der Forschenden die Situation und Kommunikation beim Eintreten in ein Feld und während des Aufenthaltes im Feld immer mit. Auch Flick (2010) konstatiert, dass die Interaktion zwischen Interviewenden und Befragten in den Forschungsprozess mit eingeht. Im Rahmen der durchgeführten Studie hat sich gezeigt, dass sich diese Rolle im Feldzugang verschieden konstruiert und auswirkt. So zeigte sich in der Interviewakquise, dass sich der zum Teil gemeinsame gewerkschaftliche Hintergrund sowohl direkt als auch indirekt auf die Interviewsituation auswirkte. Zum einen führte das Wissen darüber zu einem wechselseitigen Vertrauen von Beschäftigten und Forscher. Deutlich wurde dies etwa daran, dass bereits in der Kontaktaufnahme von den Agents oftmals das Du angeboten und dabei auf die gewerkschaftlichen Bezüge rekurriert wurde. Zum anderen beeinflusste die mit dem Feldzugang einhergehende Funktion die spätere Thematisierung, indem einzelne Interviewte zu einer kritischen Beschreibung der Arbeitsbedingungen tendierten und dies mit betriebspolitischen Forderungen verknüpften.

Um Vergleiche mit anderen Erfahrungshintergründen zu ermöglichen, erfolgte im Laufe der Erhebung daher ein zweiter Feldzugang über die Geschäftsführung eines CCs. Wie bereits im methodischen Vorgehen deutlich wurde, war allerdings nur ein einziger Arbeitgeber eines Unternehmens von sechs angeschriebenen bereit, an der Studie teilzunehmen. Möglicherweise geht dieses Desinteresse auf eine Unsicherheit vieler Leitungskräfte zurück, die sich durch die mediale Berichterstattung über Arbeitsbedingungen in CCn begründet. Im Rahmen dieses Zugangskontextes fiel zudem die Unsicherheit einzelner Beschäftigter auf, dass nicht-anonymisierte Aussagen dem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt werden könnten. Die Auswertung des erhobenen Materials zeigte schließlich, dass auffallend oft eine Relativierung der Arbeitsbedingungen vorgenommen wurde, obwohl diese zuvor noch als belastend beschrieben wurden. So war davon auszugehen, dass die Erzählungen einem im Sinne des Arbeitgebers erwünschten Anwortverhalten entsprechen, um sich etwa vor befürchteten Sanktionen zu schützen oder die eigenen Aufstiegschancen zu wahren. Dies wurde möglicherweise dadurch verstärkt, dass ein geringer Teil der Interviews auf Wunsch der Agents in den Räumlichkeiten des Unternehmens durchgeführt wurde. [1] Durch die Differenzierung der Zugänge konnten die geführten Interviews allerdings miteinander verglichen und der jeweilige „spezifische Interaktionskontext“ (Helfferich, 2011, S. 155) als Kontrastierungsmerkmal in die Auswertung einbezogen werden (Kapitel 9.4).

Aufgrund dieser anzunehmenden methodischen Verzerrung erfolgte ein dritter Zugang über eine direkte Kontaktaufnahme mit Agents durch ein Zeitungsinserat. Zunächst stellte sich diese Herangehensweise als schwierig dar, da – der Idee eines neutralen Feldzugangs entsprechend – keinerlei Schlüsselpersonen zur Herstellung eines Kontakts vorhanden waren. Allerdings zeigte sich in der Kommunikation über die in der Annonce angegebene E-Mail Adresse sowie in der Vereinbarung der Treffen, dass sich diese Neutralität positiv auf die Gesprächssituation auswirkte. Dies bildete sich beispielsweise in der abschließenden Frage nach den Motivationsgründen für die Teilnahme an der Befragung ab. Während im ersten und zweiten Zugangskontext die Teilnahme überwiegend mit der Anfrage der Interessenvertretung oder der Geschäftsführung begründet wurde, stellten die Befragten des dritten Zugangs ausschließlich ihre eigene Motivation zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Vordergrund.

Aus geschlechtsreflektierter Sicht fiel zudem auf, dass die männliche Rolle des Forschers vermutlich ebenso einen Einfluss auf den Feldzugang übte (siehe auch Kapitel 9.2). Wie in der Deskription deutlich wurde, bildete sich im Kontakt zur Geschäftsführung eine starke Stereotypisierung von Geschlecht ab, indem die hohe Frauenquote mit der stärkeren Belastungsfähigkeit weiblicher Agents begründet wurde (Kapitel 7.2). Dabei lag die Vermutung nahe, dass die Thematisierung durch das männliche Geschlecht des Forschers begünstigt wurde und unter Männern Theorien zur weiblichen Belastungsfähigkeit ausgetauscht werden sollten („Die halten viel mehr aus. Viel mehr.“ I_00, Abs. 7, ♂61-65). Neben der Bedeutung von Geschlecht für den Feldzugang lassen sich im nachfolgenden Abschnitt Erfahrungen in der Erhebungsphase zusammenfassen.

  • [1] Dieser vergleichsweise geringe Teil der Interviews erfolgte allerdings ohne Anwesenheit weiterer Personen.
 
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