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7.4.3 Typ C: Selbstbestimmung über Lebensund Arbeitsentwürfe im Konflikt mit Stressoren

Typ C ist aus der Gegenüberstellung von Interviewpassagen entstanden, die einen Konflikt zwischen erlebter Fremdbestimmung und einem Bedürfnis nach Autonomie abbilden (vgl. Abb. 15).

Typ C: Selbstbestimmung über Lebensund Arbeitsentwürfe im Konflikt mit Stressoren

Benennung von Stressoren:

Beruflich: technisierte, reglementierte und monotone Arbeitsvorgänge; Fremdbestimmung der Arbeitsformen und -inhalte; „Überwachung“; emotionale Dissonanz.

Außerberuflich: keine.

Deutungsweisen der Entstehung von Stress:

Arbeitsbedingte Stressoren als Widerspruch zu Arbeitsund Lebensidealen; Benennung von Stressoren erfolgt auf einer strukturellen Ebene; Verlust von Handlungsmacht.

Benennung von Bewältigungsfaktoren:

Beruflich: soziale Interaktion am und außerhalb des Arbeitsplatzes; Solidarität und Zusammengehörigkeit.

Außerberuflich: keine.

Deutungsweisen der Bewältigung von Stress:

Durchsetzung arbeitsund lebensweltlicher Ansprüche; funktionale Einstellung und körperbezogene Ressourcensicherung; Selbstermächtigung im Rahmen der Arbeitsund Lebensideale; Rückgewinnung von Handlungsmacht.

Persönliche und strukturelle Rahmenbedingungen:

Berufsinhaltliches Interesse/Motivation; aktive Gewerkschaftsmitglieder; Feldzugang über Betriebsrat.

Abbildung 15: Überblick der Charakteristika des Typus C.

Der Spagat zwischen Selbstund Fremdbestimmung zeichnet sich dadurch aus, dass einerseits konkrete Stressoren aufgezeigt werden, die sich aus den stark technisierten und reglementierten Arbeitsvorgängen ergeben. Andererseits verweisen die Interviewergebnisse auf individuelle Gestaltungsspielräume innerhalb sowie auf ein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung außerhalb der CC-Tätigkeit. Auf dieser Grundlage können im Rahmen dieses Typs Muster aufgezeigt und vor dem Hintergrund der Vergleichsdimension Geschlecht diskutiert werden. Dabei fällt auf, dass zwar sowohl Frauen als auch Männer den durch die enge Gesprächstaktung wahrgenommenen Verlust von Handlungsfähigkeit beklagen. Allerdings zeigt sich hierbei, dass insbesondere die interviewten Männer zu einer ausdrucksstarken Beschreibung der Stressoren tendieren und sich zum Teil als Durchboxende im Rahmen der CC-Tätigkeit inszenieren. Demgegenüber wählen Frauen offensichtlich den konfliktfreieren Weg, indem sie über persönliche Umwege die Inhalte und Abläufe der CC-Tätigkeit nach ihren Bedürfnissen selbst bestimmen, ohne sich dabei allerdings als Widerständlerinnen darzustellen. Gleiches gilt für den Aspekt der sozialen Unterstützung im Kontext dieses Typs. Hierbei existieren zwar keine Geschlechtsunterschiede in der subjektiven Relevanz von Kollegialität und sozialer Unterstützung. Allerdings zeigen die nachfolgenden Ausführungen im Abschnitt Von Nutzerinnen und Repräsentanten sozialer Unterstützung, dass die Herstellung und Funktion beruflicher Unterstützungsnetzwerke zwischen Frauen und Männern divergieren.

Selbstbestimmung der Inhalte und Abläufe der CC-Tätigkeit

Wie bereits in Kapitel 7.1 angeführt, deuten die Interviewergebnisse auf eine starke Fremdbestimmung der Tätigkeit aufgrund der engen Gesprächstaktung. Hier verweisen die Befragten sowohl auf die Schwierigkeit, innerhalb der vorgesehenen Gesprächszeit auf die Bedürfnisse der KundInnen adäquat eingehen zu können, als auch auf die fehlende Möglichkeit, kurze Pausen in Anspruch zu nehmen. Die dem Typ zugeteilten Interviewpassagen zeigen allerdings, dass sich die Befragten mit dieser technischen Vorgabe nicht widerspruchslos arrangieren, sondern Wege finden, den Inhalt und Ablauf der CC-Tätigkeit aktiv mitzubestimmen. Um diese Umgangsweise zu dokumentieren, soll exemplarisch auf ein Interview einer weiblichen Befragten verwiesen werden. Zunächst beschreibt diese kurz den Ablauf der täglichen Arbeit. So sei die Tätigkeit „ja eigentlich immer nur getaktet. (3) selbst die Toilettenpausen“ (I_2, Abs. 38, ♀46-50). Die durch die Technik resultierende Bindung an den CC-Arbeitsplatz führt ebenfalls zu einer Verhinderung von kurzen Toilettenoder Kaffeepausen:

„Man kann also nicht, wenn man jetzt zum Dienst kommt, sich einen Kaffee als Beispiel holen. Weil in dem Moment, wo man sich am Rechner anmeldet, musst du ja angemeldet werden (.). Und dann kommt sofort der Anruf oder der erste Work [1].“ (I_2, Abs. 38, ♀46-50)

Die Zitate offenbaren zunächst den durch Fremdbestimmung geprägten Ablauf der Arbeit, der sich in dieser Passage auch sprachlich manifestiert. Hierbei fällt zunächst auf, dass mit Hilfe der Agency-Analyse die gefühlte Fremdbestimmung der Tätigkeit als anonyme Agency beschrieben werden kann. So führt die Interviewte aus, für den Empfang von Anrufen angemeldet zu werden, ohne den Vorgang in irgendeiner Weise steuern zu können, um ggf. Bedürfnisse (Kaffee) im Vorfeld zu erfüllen. Allerdings zeigen die weiteren Darstellungen, dass die Befragte der strikten Technisierung eigenmächtig Grenzen setzt. So werden die empfundenen umgebungsbezogenen Belastungen zum Anlass genommen, selbstbestimmt über die als erforderlich angesehene Auszeit zu bestimmen:

„Und die Lautstärke kommt natürlich noch hinzu. Und die Luft kommt hinzu. Also zwischendurch ist die Luft dermaßen schlecht und verbraucht (1) wo man einfach das Gefühl hat, jetzt geht gar nichts mehr. Ich nehm mir dann aber auch die Freiheit raus, geh zu meinem Teamleiter und sag ‚ich muss jetzt 10 Minuten raus' und gut.“ (I_2, Abs. 18, ♀46-50)

Die Kontinuität des Verhaltensmusters zeigt sich anhand der Umgangsweise mit den Folgen der engen Gesprächstaktung in der KundInnenberatung. Hier erläutert die Befragte, dass „man sich da schon daran halten muss, dass man in einer gewissen Spanne den Kunden (2) mehr oder weniger betreut“ (I_2, Abs. 12,♀46-50). Gleichzeitig räumt die Interviewte in den weiteren Ausführungen ein, dass sie diese Vorgaben nicht nach den Vorstellungen des Unternehmens erfüllt:

Wo ich natürlich schon dazu neige, öfter mal länger mit dem Kunden zu sprechen. Was ich mir dann auch nicht nehmen lass. Weil ich denk mir einfach in dem Moment ist es wichtig, dass er es jetzt versteht und er weiß, worum es geht. Damit er auch zufrieden ist und nicht abgefertigt wird.“ (I_2, Abs. 12, ♀46-50)

Wie das Zitat zeigt, ist die Befragte jedoch nicht bereit, die Vorgaben einzuhalten. Vielmehr ist es ihr ein Anliegen, das Gespräch nach ihrem berufsinhaltlichen und professionellen Selbstverständnis zu führen. Von Bedeutung ist das Zitat ebenfalls vor dem Hintergrund der verwendeten Wortwahl. Die Befragte stellt hier das Bedürfnis der KundInnen (Zufriedenheit) in den Mittelpunkt ihres Handelns und kritisiert dabei indirekt die Abfertigung als Folge der engen Gesprächstaktung. Hier fällt insgesamt auf, dass sie zwar die technischen Vorgaben durch den Arbeitgeber kritisiert. Gleichwohl kommt die Interviewte zu pragmatischen Lösungen und versucht, innerhalb der fremdbestimmten Tätigkeit eine für sie zufriedenstellende Strategie der Tätigkeitsausübung zu entwickeln.

Inszenierung als Durchboxende im Rahmen fremdbestimmter Erwerbsarbeit

In Abgrenzung zur pragmatischen Selbstbestimmung der Abläufe und Inhalte der CC-Tätigkeit lassen sich Interviewpassagen der befragten Männer zusammentragen, die zu einer ausdrucksstarken Beschreibung der tätigkeitsspezifischen Stressoren tendieren. In der Darstellung werden – im Gegensatz zu den vorangestellten Ausführungen – der Verlust von Handlungsfähigkeit teils aggressiv kommentiert und rigide Strategien der Bewältigung formuliert. Zur Illustration sei zunächst auf eine Passage verwiesen, in der die Kontrolle durch den Abteilungsleiter als belastende Stresssituation wahrgenommen wird:

„Mittlerweile ist es wirklich stressig. Also (.) damit umzugehen. Also auch der Abteilungsleiter. Sehr oft hier. Jetzt war ich gerade unten gewesen, der ist schon wieder da. Also der sitzt da oben auf so ner Insel und hört natürlich immer zu. Rennt immer dann zum Teamleiter hin. Der Teamleiter muss dann wieder zu demjenigen hinrennen und muss ihn maßregeln. Also ist n bisschen krank. Also (1) auch, wenn man auf Toilette geht also ist egal. Also dann kommt man sich vor, wie son kleines Kind.“ (I_16, Abs. 14, ♂46-50)

Der Darstellung nach löst bereits die Anwesenheit des Abteilungsleiters bei dem Befragten Stress aus, der sich in der wahrgenommenen Kontrolle begründet. Auffällig ist, dass der Interviewte hier die Rolle des Beobachters einnimmt und eine Situation beschreibt, von der er nicht explizit betroffen scheint. Gleichwohl fühlt er sich deutlich von dem Verhalten der Führungskräfte beeinflusst, da er sich „wie son kleines Kind“ (ebd.) vorkomme. Offensichtlich steht die Bezeichnung „kleines Kind“ metaphorisch für die erlebte Fremdbestimmung und die dadurch empfundene Entmündigung. Auch in anderen Interviews mit männlichen Agents fällt ein ähnliches Muster in der Wahrnehmung der Technisierung und Kontrolle durch die Arbeitsabläufe in CCn auf. In den Ausführungen des nachfolgenden Beispiels zeigt sich etwa, dass die Kontrolle der Pausen durch die Eingabe eines so genannten Reason Codes – der festhalten soll, aus welchen Gründen ein Arbeitsvorgang unterbrochen wird – von dem Befragten als deutliche Einschränkung der Handlungsfreiheit wahrgenommen wird:

„Also das sind so Dinge, die einfach(.) ist wie n Knebel halt. Man hat keine Freiheit. Man spricht zwar von Selbstbestimmung, bekommt sie aber nicht (atmet hörbar tief aus).“ (I_15, Abs. 76, ♂51-55)

Unter Berücksichtigung der Agency-Analyse erwecken die Passagen den Eindruck, als seien die Darstellungen von einem stetigen Verlust der individuellen Handlungsmacht geprägt. Die Bezeichnung „Knebel“ (ebd.) im Kontext der CCTätigkeit bebildert die Wirkung der als einschränkend wahrgenommenen Maßnahmen der Unternehmensleitung. Hier gleichen die Erzählungen den vorangestellten Ausführungen der weiblichen Agents, die zu dem Aspekt der Fremdbestimmung kritisch Stellung beziehen (vgl. Kategorie: Selbstbestimmung der Inhalte und Abläufe der CC-Tätigkeit). Gleichwohl bilden sich bei genauerem Blick auf weitere Interviewpassagen Geschlechtsunterschiede in den vorgetragenen Handlungsund Bewältigungsstrategien ab, wie das nachfolgende Zitat eines männlichen Agents exemplarisch verdeutlicht.

„Es ist aber mein Job halt, ne. Ich hab auch im Grunde genommen nichts dagegen. Ich (2) ich kann auch wieder zurück verteilen. Also das auch ganz gekonnt halt, ne. Aber das sind so Dinge, ich sag mal, sodass das Zahn in Zahn geht. Also das ist son Prozess, der wirklich nach unten geht. Und wenn man dann so ein Problem bekommt, so wie ich letztens hatte, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Es ging einfach nicht mehr. Ich konnte nicht mehr einschlafen ohne Tabletten. Dann (2) weiß man, dass irgendwat nicht in Ordnung ist. Und dat war nicht nur dat schlafen, sondern dat waren auch noch ganz viele andere Dinge. Schilddrüse, Zucker, Magen, Darm. Alles.“ (I_15, Abs. 54, ♂51-55)

Aus Perspektive der Agency-Analyse ist zunächst auffällig, dass der befragte männliche Agent seine Eigenmächtigkeit zu bewahren versucht, indem er die Arbeitsbedingungen nur indirekt akzeptiert. Vielmehr inszeniert sich dieser als gleichberechtigter Rivale des Arbeitgebers, der „auch wieder zurück verteilen“ (ebd.) könne. Allerdings werden hier klare Grenzen thematisiert, in dem die Schlafstörungen in Folge des Prozesses, „der wirklich nach unten geht“ (ebd.), lediglich mit Hilfe von Medikamenten behoben werden können. Zwar kritisieren auch die zum Großteil unter den Typ B subsumierten Interviewpassagen weiblicher Agents die Vorgaben bezüglich Verkaufsleistung und zeitlicher Begrenzung der Telefonate. Offensichtlich zeigen sich hier jedoch unterschiedliche Darstellungsmuster der jeweiligen Konsequenzen aus den als Druck wahrgenommenen Stressoren, wie die beiden folgenden Beispiele zeigen.

„Am Anfang hab ich äh gedacht ‚oh Gott' und inzwischen sach ich (3) nich offiziell aber ‚leck mich am Arsch ich mach die Arbeit so wie ich se mach'. Wenn se irgendwann ma das Gefühl haben, ich bin im Vergleich zu den anderen soo viel schlechter, (.) dat meine Quote oder wat auch immer nicht stimmt. Dat se mich nich mehr gebrauchen können, dann solln se (.) tschüss sagen.“ (I_23, Abs. 23, ♂41-45) „Ich mach das Beste. So wie ich kann, geb ich mir Mühe. Wat nich geht, geht nich. Fertig. Arschlecken, Rasieren, Dreifuffzich.“ (I_15, Abs. 68, ♂51-55)

Während sich die weiblichen Agents des Typus B individuell an die Vorgaben anpassen oder konfliktfreie Strategien der Umgangsweise entwickeln („das versuch ich zu umgehen“ I_4, Abs. 50, ♀41-45), inszenieren sich die dem Typ C zugeteilten Männer teils aggressiv und formulieren in der Interviewsituation eskalierende Umgangsweisen. Im Rahmen des ersten Transkriptausschnitts fällt auf, dass der Interviewte sich zunächst von der Quote beeindruckt zeigt („Am Anfang hab ich äh gedacht ‚oh Gott'“. I_23, Abs. 23, ♂41-45). Im weiteren Verlauf der Ausführung wird schließlich deutlich, dass er allerdings bereit ist, die Kritik der Leitung in Bezug auf nicht erbrachte Leistungen zu akzeptieren. In ähnlicher Weise geht aus dem zweiten Ausschnitt zwar eine konfrontative Haltung gegenüber der Leitung des CCs bzw. der an ihn gestellten Anforderungen hervor. Letztlich zeigen jedoch beide Zitate, dass auch die hier befragten Männer ihre subjektive Umgangsweise mit den erfahrenen Belastungen darstellen und das Durchboxen im Rahmen fremdbestimmter Arbeit schließlich in einer Durchsetzung der eigenen berufsinhaltlichen Ansprüche mündet.

Insgesamt verweisen die der Kategorie zugeteilten Interviewpassagen der befragten männlichen Agents darauf, dass in der Darstellung der Stressund Belastungssituation und ihrer Umgangsweise oftmals die Teamoder Abteilungsleitung als personifizierter Stressfaktor benannt werden. Die aggressiven und aufgebrachten Darstellungsweisen in den Interviews deuten darauf hin, dass die fehlende Kontrolle im Rahmen der CC-Tätigkeit im Vergleich zu den befragten Frauen intensiver und belastender wahrgenommen bzw. dargestellt wird. Gleichwohl zeigen die abschließenden deskriptiven Ergebnisse des Typus C, dass hinter der aggressiv-eskalierenden Formulierung ebenso eine Anpassung an die Stressoren erfolgt. So werden unabhängig von der Fremdbestimmung durch die Tätigkeit eigene Arbeitsweisen entwickelt. Im späteren Vergleich der Typen untereinander ist hier genauer zu prüfen, welche Bedeutung die Vergleichsdimension Geschlecht einnimmt und wie die hier dargestellten Muster theoretisch einzubetten sind.

Von Nutzerinnen und Repräsentanten sozialer Unterstützung

Als drittes prägnantes Muster konnte – ähnlich wie in Typus A – der Aspekt der Kollegialität und sozialen Unterstützung im CC-Setting herausgearbeitet werden. Dieser nimmt sowohl für die interviewten Frauen als auch für die Männer einen hohen Stellenwert bei der Bewältigung der als belastend empfundenen Arbeitsbedingungen ein. Aus quantitativer Sicht fällt auch im Rahmen des Typus C zunächst auf, dass Frauen häufiger und ausführlicher den Aspekt der kollegialen Unterstützung thematisieren. Vor dem Hintergrund einer geschlechtsreflektierenden Analyse der Interviews stellt sich jedoch die Frage, ob und inwiefern dieser als Ressource wahrgenommene Aspekt eine Rolle bei den männlichen Agents spielt, wie dieser thematisiert wird und wie sich Frauen und Männer in dem kollegialen Beziehungsverhältnis verorten. Die Auswertungsergebnisse lassen darauf schließen, dass die Beschaffenheit und Funktion der arbeitsplatzbezogenen, sozialen Netzwerke zwischen Frauen und Männern unterschiedlich bewertet werden. Während Frauen bei hoher Belastung ein Zusammengehörigkeitsgefühl als existenznotwendige Unterstützungshilfe wahrnehmen, verstehen sich einige der interviewten Männer als Schlüsselpersonen und Repräsentanten zur Herstellung der Kollegialität und sozialen Unterstützung. Diese Annahme begründet sich in den Ausführungen der Interviews mit weiblichen Agents, die in der kollegialen Unterstützung den nötigen Ausgleich zum monotonen und fremdbestimmten Arbeitsalltag sehen:

„Da wir alle diesen Stress haben, haben wir so ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Ja (.) und (2) ja wenn der eine Probleme hat, geht er zum anderen und erzählt ihm auch davon, ja. Während der Chef da so außen vor bleibt. Und das weiß auch jeder. Und es gäb also soviel ich weiß keine Kollegin, die ne andere Kollegin beim Chef anschwärzen würde. Dafür sitzen wir alle zu sehr in einem Boot.“ (I_13, Abs. 34, ♀56-60)

Hierbei wird zunächst deutlich, dass der als stark empfundene Stress zu einer Art Solidarisierung unter den Beschäftigten führt. Diese ergibt sich offenbar aus der gemeinsam geteilten Belastungssituation und konstruiert sich in Abgrenzung zum Arbeitgeber, der „da so außen vor bleibt“ (ebd.). Da die Herstellung der sozialen Unterstützung als Folge der Arbeitssituation beschrieben wird, kann dies mit Hilfe der Agency-Analyse als strukturell-konsensuales Muster interpretiert werden. Die Arbeitssituation wird als äußerliche Bedingung beschrieben, die ein Zusammenrücken der Beschäftigten zur Folge hat. Gemäß der Beschreibung des Typ C verbleibt die Befragte nicht in ihrer passiven Haltung, sondern thematisiert ein „Zusammengehörigkeitsgefühl“ (ebd.), das die Bedeutung einer kollektiven Unterstützung in Bezug auf arbeitsund lebensweltliche Stressoren unterstreicht. In den weiteren Ausführungen wird dies vor dem Hintergrund der Lebensrealitäten der Beschäftigten deutlich:

„Weil wie gesagt, wir haben diese Arbeit diesen Stress und (.) ja wir müssen uns auch einfach austauschen können bei dieser Arbeit, sonst sind wir verloren. Ja (.) sonst sind wir wirklich verloren. Und wenn jemand Probleme auch zu Hause hat. Das kommt ja auch schon mal vor. Sind ja auch viele Alleinstehende bei uns, die da Probleme haben. Ja die müssen auch davon mal erzählen können, ja.“ (I_13, Abs. 34, ♀56-60)

Aus dieser Passage geht exemplarisch hervor, dass die soziale Unterstützung am Arbeitsplatz als existenzielle Voraussetzung beschrieben wird. Dabei bezieht sich die Befragte zunächst auf die Unterstützung im Rahmen außerberuflicher Probleme und führt dabei die Situation vieler alleinstehender Kolleginnen an. Die existenzielle Bedeutung wird für die Befragte jedoch nicht nur in der Unterstützung außerhalb der Arbeit deutlich, sondern ebenfalls für die Ausübung der CC-spezifischen Anforderungen:

„Denn du musst dir ja vorstellen, du musst ja immer freundlich also mit einem Lachen am Telefon sein. Das sollte so sein. Es ist auch besser, weil der Kunde nimmt dich auch ganz anders auf. Das merkt der Kunde, wenn du schlecht drauf bist und deswegen ist das wichtig. Ja und deswegen ist es auch gut, wenn (.) der ein oder andere auch mal n bisschen was los werden kann. Das hab ich noch nirgendwo so gesehen, wie in dieser riesen Firma. Ist schon erstaunlich. Mit so vielen Mitarbeiterinnen. Und fast alles Frauen. Ist erstaunlich. Aber ich glaube wirklich, je höher der Druck, desto extremer ist der Zusammenhalt.“ (I_13, Abs. 34, ♀56-60)

Kollegiale Unterstützung wird hier als wichtige Voraussetzung dafür angeführt, der emotionalen Dissonanz als Stressor während der Ausübung der CC-Tätigkeit entgegenzuwirken. Sie wird als bewusst wahrgenommene Ressource verstanden, um den täglichen Anforderungen in der Kommunikation mit KundInnen gerecht zu werden. [2] Demgegenüber zeigt sich bei den Interviews der männlichen Agents zunächst, dass – wie bereits dargestellt – eine auffällig starke Kritik an der Fremdbestimmung und Kontrolle durch Technik und Leitungspersonal formuliert wird. Diese Kritik begründet sich unter anderem darin, dass dadurch ein kollegialer Austausch direkt und indirekt unterbunden wird. Exemplarisch dafür steht die folgende Erzählpassage eines männlichen Befragten, der in der Beschreibung der Arbeitssituation die ständige „Überwachung“ (I_16, Abs. 12,

♂46-50) der Tätigkeit kritisiert:

„Ich sag mal, wie man mit den Leuten umgeht ist also nicht mehr (.) wünschenswert. Also (1) hier wird ne Überwachung gemacht, das ist Big Brother wirklichalso Wahnsinn. Also da wird auf den PC geschaut, also was man da genau macht. Also(1) dann werden Gespräche täglich aufgenommen. Also man hat dann immer ich glaub vier oder fünf Mal oder sechs Mal im Monat werden dann pro Tag die Gespräche alle aufgezeichnet (1). Ja, also hier wird man überwacht ohne Ende. Also weil ich ja sehr gerne im Team arbeite. Weil ich sehr gerne im Team bin. Und (1) ja teammäßig ist da jetzt an für sich auch nichts mehr. (.) Es zerbricht alles.“ (I_16, Abs. 12, ♂46-50)

Bei genauerem Blick auf die zugeschriebene Funktion der Kollegialität fällt auf, dass der Befragte allerdings weniger einen Schutz in ihr sucht oder diese gar als existenzielle Voraussetzung wahrnimmt.

„Ja, ich persönlich also wie gesagt, ich geh damit um. Ich sprech natürlich auch mit den Leuten. Weil, das ist mir immer ganz ganz wichtig, dass es denen auch gut geht, ne.“ (I_16, Abs. 28, ♂46-50)

Vielmehr zeigt die Textstelle, dass sich der Befragte als Schlüsselperson und Repräsentant zur Herstellung und zur Verteidigung von Kollegialität und sozialer Unterstützung versteht. Einen eigenen Bedarf – etwa als gegenseitige Unterstützung in der Bewältigung der Stressoren – sieht der Befragte hingegen nicht. Ein ähnliches Muster zeigt sich in anderen Interviews, sobald nach der Bedeutung von arbeitsbedingtem Stress gefragt wird. So stellt ein weiterer männlicher Agent weniger die als stressig wahrgenommenen Arbeitsbedingungen in den Vordergrund als vielmehr die eigene Rolle in der Herstellung von Teamzusammenhalt:

„Nee aber ich versuche im Team so einigermaßen son bisschen ausgleichend zu wirken. Und wir ham noch n guten Teamzusammenhalt. Das muss man sagen und das ist wichtig. Wenn das Team mitarbeitet. Nicht Mitarbeit in dem Sinne sondern (1) die Stimmung im Team. Wenn das passt, könnt der sich da oben kerzengerad hinstelle und in die Luft scheiße (lacht).“ (I_22, Abs. 30, ♂56-60)

Gleichwohl wäre hier eine andere Lesart denkbar, sobald die Rolle des Befragten im Betrieb als Kontrastierungsmerkmal einbezogen wird. Während die vorangestellt zitierten weiblichen Beschäftigten über einen Arbeitgeber rekrutiert wurden, erfolgte der Zugang der hier angeführten Passagen der männlichen Agents durch den Betriebsrat. Da sich die Interviewten als Vertrauenspersonen oder Mitglieder des Betriebsrats engagieren, könnte die Darstellung ebenso vor dem Hintergrund der Rolle als aktive Gewerkschaftsmitglieder gedeutet werden. So verstehen und inszenieren diese sich womöglich entsprechend ihrer Funktion als eine Art Beschützer der Gemeinschaft, die die Beschäftigten vor den „nicht mehr menschlichen“ (I_16, Abs. 24, ♂46-50) Arbeitsbedingungen bewahren möchten.

Die hier erfolgte Kontrastierung der Darstellung von Frauen und Männern innerhalb dieses Typus zeigt jedoch, dass diese sich in Bezug auf die Funktion und Herstellung von sozialer Unterstützung unterschiedlich verorten. Während sich die interviewten weiblichen Agents direkt auf die subjektive Bedeutung der sozialen Unterstützung als konkrete Schutzfunktion beziehen, zeigen die exemplarisch dokumentierten Interviewpassagen der Männer, dass diese sich als Akteure der Herstellung einer kollegialen Atmosphäre präsentieren. Der eigene direkte Nutzen wird hingehen nicht explizit in den Mittelpunkt der Erzählung gestellt. Gleichwohl lässt sich die Vergleichsdimension Geschlecht nicht eindeutig als einzig relevante Kategorie diskutieren, da etwa die Gewerkschaftsrolle oder die betriebliche Funktion als Kontrastierungsmerkmale entscheidend sein könnten. Eine abschließende Beurteilung, welche Bedeutung dieser zukommt, kann demnach erst in der Diskussion der Typologie erfolgen. In der weiteren Deskription sind in jedem Fall die hier angeführten betrieblichen Rollen der Befragten – wie etwa die der gewerkschaftlichen Vertrauensperson oder der Supervisorin – zu reflektieren.

  • [1] Die Interviewte nutzt an dieser Stelle das englische Wort to work als Bezeichnung eines Arbeitsvorgangs.
  • [2] Interessanterweise bezieht sich die Befragte darauf, dass überwiegend Frauen in dem Unternehmen beschäftigt sind und führt hier einen vermeintlichen Widerspruch zwischen Zusammenhalt und weiblichem Geschlecht an. Da im Rahmen der Typologie jedoch ausschließlich die Passagen der Interviews gegenübergestellt werden, die keine offene Thematisierung der Vergleichsdimension Geschlecht beinhalten, erfolgt hier kein Bezug darauf. Allerdings werden in der späteren Diskussion die bereits unter Kapitel 7.2 zusammengefassten Geschlechtsbezüge in der Beurteilung berücksichtigt.
 
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