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7.3.3 Analyse inhaltlicher Sinnzusammenhänge

Die Typenbildung zielt jedoch nicht nur auf eine bloße Beschreibung der herausgearbeiteten Kategorien, sondern auf deren Zusammenhänge ab (Kelle & Kluge, 2010). Insofern sollen „soziale Strukturen“ (ebd., S. 101) aufgedeckt werden, die durch die betrachteten Merkmalskombinationen repräsentiert werden. Praktisch erfolgte dies ebenso auf Grundlage von permanenten Vergleichen und Kontrastierungen. Im weiteren Auswertungsprozess flossen die aus den Vergleichsdimensionen definierten Merkmale in die Typenbildung mit ein, sodass sich eine neue Ordnung der Fälle ergab. Laut Kelle und Kluge (2010) kann dies dazu führen, dass

Ÿ Fälle anderen Gruppen zugeordnet werden, denen sie ähnlicher sind,

Ÿ stark abweichende Fälle zunächst aus der Gruppierung herausgenommen und separat analysiert werden,

Ÿ zwei oder auch drei Gruppen zusammengefasst werden, wenn sie sich sehr ähnlich sind oder

Ÿ einzelne Gruppen weiter differenziert werden, wenn starke Unterschiede ermittelt werden. (ebd., S. 102)

Diese methodischen Hinweise waren für den erfolgten Auswertungsprozess elementar. Nachdem im Laufe der Erhebung weitere – insbesondere männliche Fälle – in die Erhebung eingegangen waren, erfolgte eine vertiefende Gegenüberstellung von Fallpassagen weiblicher und männlicher Agents. Auf Grundlage der Analyse inhaltlicher Sinnzusammenhänge wurde dann entschieden, welche Aspekte mit Blick auf die externe Vergleichsdimension Geschlecht zusammengefasst werden (z. B. Rolle und Funktion im Betrieb, Studierendenstatus). Durch den Vergleich konnten schließlich abweichende Fälle separat analysiert werden und Unterschiede auch innerhalb einer Geschlechterkategorie identifiziert werden. Kelle und Kluge (2010) kommen in diesem Zusammenhang zu dem Schluss, dass hierbei auch abduktive Schlussfolgerungen an Bedeutung gewinnen. [1] Dies erfolgt insbesondere dann, wenn sich aus der Auswertung der Interviews überraschende Phänomene ergeben, die den bisherigen Annahmen über die Bedeutung von Geschlecht im Kontext der Stressund Bewältigungskonzepte widersprechen oder sie erweitern. Diese Verfahrensweise ermöglichte es, eine vorschnelle Interpretation der Aussagen in Form von geschlechtsspezifischen Zuschreibungen zu vermeiden.

7.3.4 Charakterisierung der gebildeten Typen

Abschließend erfolgte eine umfassende Charakterisierung der Typen anhand der vorangegangenen Vergleichsdimensionen und Merkmalskombinationen. Oftmals werden dabei exemplarisch Personen – etwa in Form eines Prototyps – als grundlegende Elemente für die Typenbildung betrachtet (Kelle & Kluge, 2010). Im Rahmen der vorliegenden Forschungsfrage nach der Bedeutung von Geschlecht im Kontext der Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress war es jedoch nicht sinnvoll, einzelne Personen als Prototypen heranzuziehen. Vielmehr wurden Konzepte und Thematisierungsmuster gegenübergestellt, um jeweils unterschiedliche Fälle in der Darstellung eines Typs abzubilden. In der konkreten Typenbildung wurde unter Einbezug exemplarischer Interviewpassagen damit der Blick auf Handlungskonzepte und Strategien gerichtet, anstatt die Ergebnisse personifizierend darzustellen. Diese methodische Besonderheit der Typenbildung ermöglicht nachfolgend eine Ergebnisdarstellung, in der unterschiedliche Merkmalsausprägungen diskutiert werden, ohne dabei etwa weibliche oder männliche Idealtypen zu produzieren.

  • [1] Corbin und Hildenbrand (2011, S. 126) beschreiben abduktive Schlüsse als „[…] zentrale Forschungsstrategie des Erkennens von Neuem“.
 
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