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4.5 Zwischenfazit III: Arbeitsbedingter Stress und Geschlecht: theoretischer und empirischer Forschungsstand

Zur weiteren Bearbeitung der Forschungsfrage, welche Bedeutung der Dimension Geschlecht bei der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress am Beispiel der CC-Tätigkeit zukommt, empfiehlt sich abschließend eine Diskussion des theoretischen und empirischen Forschungsstands zum Zusammenhang von arbeitsbedingtem Stress und Geschlecht.

Zunächst wurde in diesem Kapitel deutlich, dass die dargestellten Stressund Bewältigungsmodelle keinen direkten Bezug zur Dimension Geschlecht vornehmen. Vielmehr zeigt sich unter Berücksichtigung der Formen des GenderBias (Kapitel 2), dass sich die hier rezipierten klassischen Theorien zum einen durch einen Androzentrismus – also eine männerzentrierte Sichtweise – auszeichnen. So orientiert sich die empirische Überprüfung des Modells beruflicher Gratifikationskrisen an reinen Männerstichproben (Männer als Norm). Zum anderen sind die Stressund Bewältigungstheorien durch eine Geschlechtsinsensibilität gekennzeichnet, indem lediglich der Kontext Arbeitswelt einbezogen wird. Andere Bereiche des Lebens – wie etwa Familie, Freizeit und Ehrenamt –, aus denen möglichweise geschlechtsunterschiedliche Ressourcen und Stressoren hervorgehen, werden nicht berücksichtigt (Dekontextualisierung von Lebensund Arbeitswirklichkeiten). Als für den späteren Theorie-Empirie-Transfer nützlich kann sich jedoch das multiaxiale Copingmodell nach Hobfoll (1998) erweisen. Insbesondere die Vorstellung, dass „[…] ein Individuum seine Lebensumstände so gestaltet, dass es seine eigene Integrität, aber auch die seiner Familie […] schützt und unterstützt“ (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 12), kann in der Analyse von Strategien der Stressbewältigung eine zentrale Rolle einnehmen. Als Ergänzung der dargestellten theoretischen Modelle sind daher ebenfalls außerberufliche Faktoren einzubeziehen, um eine Bewertung zusätzlicher Belastungen oder zur Verfügung stehender Ressourcen zu ermöglichen. Da die dokumentierten Theorien keine negative oder positive Wechselwirkung von Lebensund Arbeitswirklichkeiten abbilden, ist auf Grundlage der qualitativen Erhebung eine Erweiterung der Modelle erforderlich. Als hilfreich dafür erweisen sich die theoretischen Implikationen von Hobfoll und Buchwald (2004), die das soziale Umfeld durch Geschlecht, Klasse und Kultur näher charakterisieren. Hier sind im Rahmen des späteren Theorie-Empirie-Transfers die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern einander gegenüberzustellen.

Der empirische Stand der Forschung zum Zusammenhang von arbeitsbedingtem Stress, Gesundheit und Geschlecht bietet schließlich zentrale Anknüpfungspunkte für die Forschungsfrage. Die Befunde bestätigen zunächst die hohe Relevanz der Erwerbsarbeit für Männer. Wie bereits aus Kapitel 3.3.2 hervorgeht, wird angenommen, dass positive wie negative Aspekte der Erwerbsarbeit in der heutigen Gesellschaft Männer stärker als Frauen tangieren, da sie dem Beruf – im Vergleich zu anderen Lebensbereichen – aufgrund ihrer gesellschaftlich zugeschriebenen Rolle eine höhere Wertigkeit beimessen (Siegrist, 2010). In Anlehnung an die von Peter (2009) durchgeführten und diskutierten Studien ist davon auszugehen, dass der Aspekt der Statuskontrolle, der sich im Modell beruflicher Gratifikationskrisen über berufsbiografische Erfahrungen des verwehrten beruflichen und sozialen Aufstiegs, Statusinkonsistenz und Arbeitsplatz(un)sicherheit definiert, bei Männern eine höhere Relevanz im Vergleich zu Frauen zukommt. Dies wird sowohl aus Verpflichtungen des oftmaligen Hauptverdieners der Familie als auch aus normativen Erwartungen an die männliche Geschlechtsrolle begründet. Letztere basiere insbesondere auf sozialem Statuserwerb und sozioökonomischer Existenzsicherung (ebd.). Für die qualitative Analyse wird daher die Frage relevant sein, welche Bedeutung die gesellschaftlich zugeschriebenen Rollenbilder in den Darstellungsweisen der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress bei Frauen und Männern einnehmen. Auffällig ist zudem, dass nur ein Teil der internationalen Befunde den Arbeitsplatz als alleinigen Ausgangspunkt von Stressoren fokussiert. Vielmehr beziehen sich zahlreiche Studienergebnisse auf die zusätzliche Belastung durch „life “ (Matud, 2004, S. 1401) und stellen berufsübergreifende Umgangsweisen dar. Demzufolge ermöglichen die rezipierten Studien Bezüge zu den Interdependenzen von Arbeit und außerberuflichen Anforderungen. Hier haben bereits die Befunde in Kapitel 3.1.4 deutlich gemacht, dass einerseits klassische Familienkonzepte und Arbeitsteilungen den familialen Alltag prägen. Während Frauen auch nach der Geburt eines Kindes überwiegend die Hausund Familienarbeiten ausführen, übernehmen Männer häufig die Aufgabe des Familienernährers (Statistisches Bundesamt, 2014). Andererseits deuten die bisher dargestellten Befunde auf eine Steigerung der Erwerbsarbeitsquote von Frauen in den vergangenen Jahren hin (Bundesagentur für Arbeit, 2012). Dass Frauen durch die oftmals angeführte „double shift“ (Lorber & Moore, 2002, S. 29) per se stärker durch chronischen Distress belastet sind, kann allerdings auf Grundlage der in diesem Kapitel dargestellten empirischen Datenlage nicht ohne Weiteres bestätigt werden. Wie Bethge et al. (2009) annehmen, wirkt sich beruflicher Stress nur dann negativ aus, wenn dieser auch als Belastungsfaktor wahrgenommen wird. Möglicherweise verändert sich aus diesem Grund aber die Relevanz der Erwerbsarbeit, sobald andere, emotional bedeutendere Bereiche – wie die Beziehung zu den Kindern oder zu den KollegInnen – in den Vordergrund rücken. Befunde von Watai et al. (2008, S. 324) bekräftigen zunächst diese These, indem sie auf den Einfluss eines positiven „spillover“ von Familie und Beruf rekurrieren. Möglicherweise ergeben sich demzufolge aus dem außerberuflichen Lebenskontext Ressourcen und Kompetenzen, die die Umgangsweise mit erwerbsarbeitsbedingten Stressoren positiv oder negativ beeinflussen.

Gleichwohl zeigen die Ergebnisse von Lindfors et al. (2006), dass Frauen positive Effekte der Familienarbeit – wie beispielsweise die Persönlichkeitsentwicklung – wahrnehmen. Demgegenüber zeigen Analysen der Bedeutung bezahlter und unbezahlter Arbeit („total workload“ Lindfors et al., 2006, S. 131) für das Stresserleben, dass sich die in den Studien befragten Mütter stärker durch einen Konflikt zwischen beruflichen und außerberuflichen Anforderungen beeinträchtigt fühlen (Krantz et al., 2005; Berntsson et al., 2006). Hingegen verorten die befragten Männer ihre Belastungen häufiger im arbeitsweltlichen Kontext. Offensichtlich liegen bei Frauen und Männern Unterschiede in den subjektiven Präferenzen in Bezug auf bezahlte und unbezahlte Arbeit vor. Diese führen ggf. dazu, dass positive wie negative Effekte der Arbeitsformen Frauen und Männer unterschiedlich tangieren. Hier ist im Rahmen der qualitativen Analyse darauf zu achten, Vereinbarkeitsbemühen nicht lediglich als Ausgangspunkt von Belastungen zu begreifen. Vielmehr erscheint vor dem Hintergrund der Studienlage die Frage zentral zu sein, welche Relevanz die von den CC-Beschäftigten benannten außerberuflichen Ressourcen einnehmen und inwiefern sie sich zwischen Frauen und Männern unterscheiden.

Schließlich lassen sich auf Basis des Forschungsstands Geschlechtsunterschiede in der Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress ableiten. Zunächst fällt auf, dass sich ein Teil der Studien der klassischen Annahme widmet, dass Frauen zu einem emotionsorientierten Bewältigungsverhalten tendieren, demgegenüber Männer zu rationalen, problemlösungsfokussierten Verhaltensstrategien neigen (Matud, 2004). Gleichwohl verweisen die AutorInnen der Studien auf eine Veränderung gesellschaftlicher Rollenbilder von Frauen und Männern, die eine Ausdifferenzierung der klassischen Theorien erfordern. Eine Benennung konkreter empirischer Befunde bleibt allerdings aus. Wie die Ausführungen zeigen, empfehlen Zwicker und DeLongis (2010) aber, Bewältigungsmuster vor dem Hintergrund des jeweiligen gesellschaftlichen und situativen Kontexts zu interpretieren. Hier ermöglichen die qualitativen Ergebnisse, die klassischen, geschlechtsspezifischen Bewältigungsmuster mit Blick auf unterschiedliche Merkmale – wie betriebliche Funktion, organisationsstrukturelle Bedingungen sowie außerberufliche Bedingungen – zu diskutieren und auszudifferenzieren. Einen Anknüpfungspunkt dazu bietet der Aspekt der sozialen Unterstützung. Hobfoll et al. (1994) gehen mit Blick auf das multiaxiale Copingmodell davon aus, dass Bewältigungsaktivitäten von Frauen in einem Prozess der sozialen Interaktion eingebettet werden. Männer tendieren den Befunden zufolge hingegen eher zu einem aggressiven und antisozialen Stressbewältigungsverhalten, das als weniger konstruktiv und durchsetzungsfähig beschrieben wird (ebd.). In diesem Zusammenhang argumentieren Gonzales-Morales et al. (2006), dass Männer aufgrund ihrer gesellschaftlich zugeschriebenen Rolle eine emotionale und soziale Unterstützung zur Bewältigung der Stresssituation nicht anerkennen. Unklar bleibt anhand der rezipierten Studien allerdings, wie sich die gesellschaftlich zugeschriebene Rolle der Männer in Bezug auf den Aspekt der sozialen Unterstützung äußert und aus welchen Gründen diese weniger davon profitieren. Auf Grundlage der qualitativen Ergebnisse ist es hier möglich, das hinter den quantitativen Befunden stehende subjektive Relevanzsystem herauszuarbeiten und der Frage nachzugehen, welche Bedeutung der Aspekt der sozialen Unterstützung als Stressbewältigungsmuster für die befragten Frauen und Männer einnimmt.

Abschließend sei zu erwähnen, dass sich – trotz der Anknüpfungspunkte für die qualitativen Ergebnisse – ebenfalls Grenzen aus den theoretischen und empirischen Befunden ergeben. So stellt sich angesichts der in Kapitel 4.4 rezipierten internationalen Studienergebnisse zum Zusammenhang von arbeitsbedingtem Stress, Gesundheit und Geschlecht die Frage nach deren Übertragbarkeit auf die Verhältnisse in Deutschland. Neben europäischen Studien wurden ebenso Befunde aus Japan oder Korea berücksichtigt, die ggf. aufgrund anderer gesellschaftlicher (z. B. unterschiedliche Ausprägung von Individualisierung und Selbstbestimmung) und kultureller (z. B. Bedeutung der Familie) Rahmenbedin gungen unterschiedliche Ergebnisse produzieren. Aus diesem Grund ist in der späteren Diskussion sowie in der Formulierung von Schlussfolgerungen darauf zu achten, internationale Befunde nicht unreflektiert auf die eigenen Ergebnisse zu übertragen.

Auffällig ist darüber hinaus, dass sich die Diskussion von Geschlechtsunterschieden häufig auf eine verkürzte Erklärung gesellschaftlicher Rollenbilder reduziert (Melchior et al., 2007). Männern wird aufgrund ihrer angenommenen Alleinverdienerrolle in der Regel zugeschrieben, dass der Beruf und die damit einhergehenden Stressoren eine größere Bedeutung für sie einnehmen (Park et al., 2011; Peter, 2009). Demgegenüber wird bei Frauen oftmals konstatiert, dass sie wegen der ihnen gesellschaftlich zugeschriebenen und zum Teil faktischen Erziehungsrolle stärker von Stressoren belastet sind, die sich aus den Vereinbarkeitsanforderungen ergeben. Hier bleibt unklar, ob und inwiefern sich ggf. Ausdifferenzierungen in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress innerhalb der Gruppe der Frauen und Männer abzeichnen. Zudem bleibt die Frage unbeantwortet, welche Relevanz der von Siegrist und MöllerLeimkühler (2012) angenommene „Wandel der Frauenrolle im Prozess gesellschaftlicher Individualisierung“ (ebd., S. 130) einnimmt. Hier wird im Rahmen der qualitativen Ergebnisdarstellung die Frage von Bedeutung sein, ob und wie sich Rollenzuschreibungen in der Darstellungsweise abbilden und ggf. ausdifferenzieren.

Bevor die hier ausgeführten Fragen im empirischen Teil aufgegriffen werden, soll in einem letzten Schritt das Feld der CC-Tätigkeit beschrieben werden. Eine Verknüpfung der bis dato erfolgten Befunde mit den spezifischen personellen und strukturellen Besonderheiten der CC-Tätigkeit ermöglicht eine Ausgangsbasis zur empirischen Bearbeitung der Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress am Beispiel dieses Arbeitsfeldes.

 
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