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4.3.2 Das multiaxiale Copingmodell

Das multiaxiale Copingmodell wurde in Folge der „[…] dominierenden Kontrollund Kompetenzideologie, die den Einzelnen mit unangemessener Autonomie versieht“ (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 16), entwickelt. So integriert das Modell ebenfalls Dimensionen der sozialen Unterstützung als einen wesentlichen Bestandteil kollektiver Stressbewältigung, anstatt sich lediglich auf individuenzentrierte Erklärungsansätze zu beschränken. Im Einzelnen setzt sich das Copingmodell aus insgesamt drei Achsen zusammen (vgl. Abb. 9):

1. Aktives vs. passives Coping

2. Prosoziales vs. antisoziales Coping

3. Direktes vs. indirektes Coping

Abbildung 9: Das multiaxiale Copingmodell. (Quelle: Hobfoll, 1998, S. 147)

Die als aktives vs. passives Coping bezeichnete Achse beschreibt Ausmaß und Intensität von Copingaktivitäten. Hobfoll (1998) beurteilt den Grad an aktivem oder passivem Coping anhand der Frage, wie bzw. ob das Individuum beim Aufbau von Ressourcen und bei der Bewältigung von Problemen agiert. Dabei trennt er diese Dimension von problemfokussiertem Coping, wie etwa dem der transaktionalen Stresstheorie (Lazarus & Folkmann, 1984), die individualisiertes, kontrolliertes Handeln in den Mittelpunkt stellt (Hobfoll & Buchwald, 2004). Gleichwohl können bewusste Strategien des proaktiven Copings darauf abzielen, präventive Maßnahmen zu ergreifen, um die zu erwartenden Stressoren zu bewältigen. Im Rahmen der späteren Auswertung der empirischen Ergebnisse ist diesbezüglich die Frage von Bedeutung, ob und welche Geschlechtsunterschiede in den gewählten Strategien der CC-Beschäftigten innerhalb und außerhalb der Tätigkeit vorliegen.

Die Achse des prosozialen und antisozialen Bewältigungsverhaltens greift die bereits genannte kollektivistische Ressourcenorientierung auf, indem sie sich auf die soziale Dimension bezieht. Nach den Ausführungen Hobfolls (1998) erfolgen Bewältigungsstrategien oft in einem Prozess der sozialen Interaktion. Der Mittelpunkt dieser Achse bezeichnet isolierte Handlungen, bei denen das Individuum unabhängig von der sozialen Umgebung etwas leistet. Darüber hinaus sind die Endpunkte der Achsen als pround antisoziale Coping-Strategien definiert (ebd.). Prosoziales Coping meint die Suche nach sozialer Unterstützung („seeking social support“) und den Versuch, „Koalitionen oder Teams mit anderen zu bilden (social joining)“ (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 19).[1] Für die Darstellung der empirischen Ergebnisse ist die Frage bedeutend, welche Rolle sowohl der kollegialen Unterstützung in der CC-Tätigkeit als auch der außerberuflichen sozialen Unterstützung bei Frauen und Männern zukommt. Hobfoll und Buchwald (2004) nehmen darüber hinaus eine Ausdifferenzierung prosozialer Coping-Strategien vor. So sei neben dem aktiven Bewältigungshandeln auch ein geringeres Aktivitätsniveau möglich, das sich in einem vorsichtigen Handeln („cautious action“ ebd., S. 19) äußere. Hierbei ist im Theorie-Empirie-Transfer genauer zu analysieren, ob und inwiefern sich das prosoziale Coping in den Darstellungen der CC-Agents äußert und wie es sich zwischen Frauen und Männern unterscheidet.

Die als antisoziales Verhalten („antisocial action“ ebd.) bezeichnete Bewältigungsaktivität zielt darauf ab, „andere zu verletzen oder entstandene Verletzungen zu ignorieren“ (ebd., S. 19). In seiner Arbeit „Stress, Culture, and Community“ verweist Hobfoll auf den Ausgangspunkt dieses Verhaltens:

„This includes outright antisocial coping, which is used in order to gain advantage over others through exploiting their weaknesses or attacking them to better position oneself in term of achieving goals and objectives.” (Hobfoll, 1998, S. 145)

Hobfoll und Buchwald (2004) verweisen darauf, dass das antisoziale Verhalten seine Legitimität insbesondere vor dem Hintergrund der Leistungsund Konkurrenzorientierung in unseren Gesellschaften erhält. Gleichwohl kommen die AutorInnen zu dem Schluss, dass sich diese Verhaltensweisen kulturbedingt unterschiedlich ausprägen können. So werde, im Gegensatz zu aggressivem und selbstbehauptendem Verhalten („aggressive action“), „[…] vorsichtiges Handeln in der Interaktion mit anderen in westlichen Kulturkreisen oft negativ bewertet“ (ebd., S. 19).

Nach der Theorie der Ressourcenerhaltung können sich Kombinationen zwischen der aktiv-passiven und der antisozial-prosozialen Achse ergeben. Damit kann einer starren Einordnung der Bewältigungsaktivitäten entgegengewirkt werden. So ist es möglich, das Verhalten von Individuen je nach Grad der Ausprägung ihrer Aktivität und sozialen Kompetenz auszudifferenzieren. Dieses so genannte „Dual-Axis Model of Coping“ (Hobfoll, 1998, S. 156) wird nun durch eine dritte Dimension erweitert: der Achse des direkten und indirekten Copings. Dadurch sollen auch soziokulturelle Einflüsse berücksichtigt werden, um unterschiedliche Kulturkreise in die Bewertung der Bewältigungsstrategien einzubeziehen. Die Indirektheit beinhaltet dabei eher aktive, soziale Coping-Strategien im Sinne eines „strategischen, diplomatischen Vorgehens“ (Hobfoll & Buchwald, 2004, S. 20). Den Ausführungen Hobfolls (1998) zufolge kommt dem indirekten Agieren eine Art Inszenierung des Individuums für eigenes oder kollektives Interesse gleich. So sei eine solche Agitation bei der Stressbewältigung darauf ausgerichtet, Situationen so zu beeinflussen, dass eine gewünschte Reaktion forciert werde (ebd.). Anstatt also in direkter Weise den Interaktionspartner zu einem bestimmten Verhalten aufzufordern, wird auf indirekter Weise zu verstehen gegeben, welches Verhalten erwünscht wird. So könne ihm ein Gesichtsverlust erspart bleiben, „[…] denn er kann ein mögliches Fehlverhalten oder eine Unzulänglichkeit selbstständig korrigieren, ohne darauf hingewiesen worden zu sein“ (ebd., S. 20). Hobfoll und Buchwald (2004) betonen weiter, dass das indirekte Coping-Verhalten zur Harmonie innerhalb von Gruppen beiträgt. Dadurch ermöglichten diese Verhaltensweisen offen und ohne versteckte Botschaften die Lösung von Konflikten und Problemen.

Während Hobfoll (1998) zufolge die bisherigen Stressund Bewältigungstheorien das problemzentrierte Coping als effektivstes beschreiben, erfolgt durch die dem multiaxialen Modell zugrundeliegenden prosozialen Strategien eine ressourcenorientierte Interpretation von Stress. Wie die Darlegung der Grundannahmen gezeigt hat, geht er davon aus, dass der aus dem sozialen Rückhalt eines Netzwerks entstehende Nutzen „Folge des sozialen Copingstils eines Individuums ist“ (ebd., S. 18). Ein aktives Coping in Kombination mit einem positiven Bezug der sozialen Ressourcen stehe dann für eine erfolgreiche Bewältigung der Stressoren (ebd.). Bevor die theoretischen Ausführungen in einem Zwischenfazit mit Blick auf die Dimension Geschlecht diskutiert werden, erfolgt nachstehend eine Darstellung der empirischen Studien zum Zusammenhang von arbeitsbedingtem Stress, Gesundheit und Geschlecht.

  • [1] Die Ausführungen von Hobfoll und Buchwald (2004) erinnern an dieser Stelle auch an die häufig angeführte Relevanz sozialen Kapitals in den Gesundheitswissenschaften. Bourdieu (1983) zielte mit diesem Konzept auf die Gesamtheit potentieller bzw. fehlender Ressourcen, die mit der Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen verbunden sein können. Die Basis dieses Konzepts sind zwischenmenschliche Beziehungen, durch welche die Individuen einer Gesellschaft Zugang zu den Ressourcen des gesellschaftlichen Lebens finden. Hierbei handelt es sich etwa um gegenseitige Unterstützung, Hilfestellung und Anerkennung (ebd.).
 
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