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3.2.3 Lebensund Familienformen und Gesundheit

„Gesundheit wird nicht passiv erlebt, sondern im jeweiligen Lebenszusammenhang, so auch im Kontext des engen sozialen Bezugsystems Familie, aktiv hergestellt. Familiäre Veränderungsprozesse sind gesundheitsrelevant, weil sie das Leben innerhalb der Familie beeinflussen und darüber bestimmen, was mit und um Familie herum passiert.“ (Bendt, 2013, S. 63)

Ein Blick auf die gesundheitliche Relevanz der in Kapitel 3.1.3 beschriebenen Lebensformen ermöglicht es, die Bedeutung außerberuflicher Bewältigungsmöglichkeiten für die Entstehung von Stress zu klären. Hierzu liegen bereits einige Übersichtsartikel vor, die sich den Lebensweisen und Lebenslagen widmen, die die Gesundheit beeinflussen (z. B. Lademann & Kolip, 2005; Wood et al., 2007; Bendt, 2013.). Kaplan und Kronick (2006) zeigen etwa auf Grundlage des National Death Index (NDI) auf, dass die Sterblichkeit nicht verheirateter im Vergleich zu verheirateten Männern signifikant höher ist. Die auf Basis der Todesursachenstatistik errechneten Befunde zeigen schließlich, dass die Sterblichkeitsunterschiede zwischen nicht verheirateten und verheirateten Frauen weniger gravierend ausfallen (ebd.). Weitere Studien verweisen daher auf die protektive Bedeutung der Ehe für die Gesundheit. So diskutieren Wood et al. (2007) die Komplexität eines Zusammenhangs von Ehe und Gesundheit auf Grundlage zweier Annahmen: Im Rahmen der Selektionshypothese sei zum einen davon auszugehen, dass bei gesunden Personen eine höhere Chance auf eine Heirat vorläge – „based on their physical attractiveness, earnings potential, mental wellbeing, degree of self-sufficiency, or likely longevity“ (ebd., S. 2). Diese Annahme erklärt den AutorInnen zufolge jedoch nicht das höhere Sterblichkeitsrisiko der Geschiedenen und Verwitweten. Ehe als Lebensform übe demnach keinen Einfluss auf die Gesundheit aus. Vielmehr verweisen Wood et al. (2007) auf die Relevanz der Protektionshypothese, nach der davon auszugehen sei, dass die Ehe einen direkten Einfluss auf die Gesundheit übe, der sich wie folgt ausdifferenziere:

Ÿ „Effects on Health Behaviors

Ÿ Effects on Health Care Access, Use, and Costs

Ÿ Effects on Mental Health

Ÿ Effects on Physical Health and Longevity

Ÿ Intergenerational Health Effects“ (Wood et al., 2007, S. 3)

Obschon die vorliegenden Befunde der Lebensform Ehe einen positiven Effekt zusprechen, indem physische und mentale Ressourcen benannt werden, bleibt bisher unklar, wodurch sich die gesundheitlichen Unterschiede zwischen verheirateten und nicht verheirateten Männern begründen (ebd.). Kolip und Lademann (2006) führen diese auf die traditionelle Arbeitsteilung zurück, in der Frauen oftmals die Verantwortung für gesundheitliche Belange in der Familie zukommt. Ergebnisse einer US-Amerikanischen Studie von August und Sorkin (2010), die sich der häuslichen Versorgung chronischer Erkrankungen in Abhängigkeit vom Familienstand widmen, stützen diese Annahme. Die Autorinnen gehen davon aus, dass die Ehe – als enges und vertrautes Netzwerk – eine soziale Kontrolle erfüllt und sich regulativ auf das Gesundheitsverhalten, insbesondere der männlichen Ehepartner, ausübt (ebd.). Vor dem Hintergrund der in Kapitel 3.1.3 dargestellten hohen Relevanz nichtehelicher Lebensgemeinschaften ist jedoch anzunehmen, dass ebenfalls andere enge und vertrauensvolle soziale Netzwerke an Relevanz gewinnen und sich positiv auf die Gesundheit auswirken können. Auf Grundlage dieser Befunde ist in der empirischen Analyse zu prüfen, welche Rolle diese und weitere soziale Beziehungen für die Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress einnehmen.

Neben der gesundheitlichen Relevanz der Ehe erscheint es vor dem Hintergrund der dargestellten Ausdifferenzierung der Lebensformen erforderlich, den Blick auf die Befunde zur Gesundheit von Alleinerziehenden zu richten. Auffällig ist zunächst, dass die vorangestellten Ausführungen auf eine hohe Zahl der Alleinerziehenden weiblichen Geschlechts in Deutschland deuten (91%). Internationale Studien widmen sich den Herausforderungen alleinerziehender Mütter, die den physischen und mentalen Gesundheitszustand beeinflussen. Atkins (2010) kommt auf Grundlage eines Literaturreviews etwa zu dem Schluss, dass das Risiko alleinerziehender Mütter, an einer Depression zu erkranken, höher ist als das von alleinerziehenden Vätern. Zur Erklärung werden unterschiedliche demografische, psychosoziale und persönliche Charakteristika herangezogen, die sich auf den Gesundheitszustand auswirken. So seien zum einen „stressful life events“ (ebd., S. 160) von Bedeutung, die sich z. B. in einer höheren Verantwortung für Erziehung und finanzielle Absicherung abzeichnen. Zum anderen berichten alleinerziehende Frauen von einer geringeren sozialen Unterstützung („limited social support“, ebd.). Weitere Studienergebnisse von Crosier et al. (2007) bestätigen die These einer stärkeren psychischen Belastung alleinerziehender Mütter. So schlussfolgern die australischen Wissenschaftler auf Grundlage von Selbstangaben zur Lebensqualität, dass sich 29% der Alleinerziehenden gegenüber 16% der verheirateten Mütter psychisch belastet fühlen. Ergebnisse aus einer kanadischen Studie von Wade et al. (2011) verweisen zwar darauf, dass sowohl Väter als auch Mütter, die ihre Kinder allein erziehen, vermehrt affective Störungen aufweisen. Gleichwohl gehen die Autoren mit Blick auf die Befunde davon aus, dass Väter gegenüber Müttern stärker von sozialer Unterstützung durch die Familie profitieren (ebd.).

Qualitative Befunde von Bendt (2013) ermöglichen eine differenzierte Sicht auf die Selbsteinschätzung alleinerziehender Mütter. So nähmen die befragten Frauen ihre Lebensform als Herausforderung wahr und bezögen sich positiv auf die enge Bindung zum eigenen Kind, wobei aus den Studienergebnissen hervorgeht, dass „gute finanzielle Ressourcen“ letztlich einen negativen gesundheitlichen Effekt abzumildern vermögen. Diese Selbstauskunft im Rahmen qualitativer Befunde spiegelt sich auch in der quantitativen Datenlage wider: Lademann und Kolip (2005) kommen zu dem Schluss, dass sich die angenommene gesundheitliche Belastung alleinerziehender Mütter offensichtlich relativiert, sobald die sozio-ökonomische Lage berücksichtigt wird. Den Autorinnen zufolge haben insbesondere finanzielle Ressourcen einen Einfluss darauf, inwiefern sich diese Lebensform gesundheitlich negativ auswirkt (ebd.).

 
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