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3.1.2 Vertikale Segregation

Aus den genannten horizontalen Unterschieden in den Arbeitstätigkeiten ergeben sich nach Beermann et al. (2008, S. 70) ebenso Merkmale der „vertikalen Segregation“ durch weiterhin vorhandene Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern. Diese auch als „gender pay gap“ (Kreimer, 2009, S. 9) bezeichnete Lohndifferenz ist aus der Verknüpfung spezifischer Benachteiligungsmechanismen zu erklären. Mogge-Grotjahn (2012) nennt diesbezüglich ein ungleiches Arbeitsvolumen sowie eine ungleiche Entlohnung von Frauenund MännerTätigkeiten. Das Ungleichgewicht bezüglich des Arbeitsvolumens wird bei einem Blick auf die Erwerbsbeteiligung nach Geschlecht deutlich: Während die Erwerbsquote von Frauen im Jahr 2012 bei 72% lag, waren Männer zu 82% erwerbstätig (Statistisches Bundesamt, 2013b). Auffallend ist, dass der Anteil der beschäftigten Frauen zwischen den Jahren 2002 und 2012 um ca. 10% gestiegen ist. Hier deuten allerdings die Befunde der Bundesagentur für Arbeit (2013b) auf ein Ost-West-Gefälle. Während die höchsten Beschäftigungsquoten von Frauen in den fünf Flächen-Bundesländern im Osten vorliegen, finden sich in Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen die niedrigsten. Die Beschäftigungsstatistik verdeutlicht, dass die stärkere Erwerbsbeteiligung bei Frauen in den letzten zehn Jahren auf eine Zunahme von Teilzeitbeschäftigten zurückgeht. Der Bundesagentur für Arbeit zufolge sind drei von vier Frauen teilzeitbeschäftigt, wobei jede achte Erwerbstätige eine geringfügige Beschäftigung ausübt. Demgegenüber ist die Zahl der vollzeitbeschäftigten Frauen zwischen 2003 und 2013 von 70% auf 55% gesunken (Bundesagentur für Arbeit, 2014a). Die Daten belegen, dass die zunehmende Erwerbstätigkeit nicht zwangsläufig durch ein höheres Arbeitsvolumen zu erklären ist. Mogge-Grotjahn (2012,S. 402) kommt vielmehr zu dem Schluss, dass sowohl auf der Makro-Ebene des Beschäftigungssystems als auch auf der Mikro-Ebene der Familienhaushalte „weiterhin bzw. wieder die tradierte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern wirksam [ist]“.[1] Laut Babitsch et al. (2012) kommt hinzu, dass atypische Beschäftigungsverhältnisse – in Form von Teilzeitbeschäftigungen und ungelernten Tätigkeiten – die geschlechtliche Arbeitsteilung zementieren. Dies führe schließlich häufiger zu unterqualifizierten Arbeitseinsätzen und verringerten Karrierechancen, da diese Formen der Beschäftigung im Bereich der unund angelernten Tätigkeiten angeboten werden (ebd.).

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (2011) wirkt sich das Verhältnis des Arbeitsvolumens schließlich auf die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern aus. So dokumentiert die Verdienststrukturerhebung, dass der Bruttostundenverdienst von Frauen im Jahr 2010 um 23% unter dem der Männer lag. Neben der dargelegten negativen Auswirkung einer branchenund hierarchiespezifischen Segregation variiert der Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern stark nach dem Alter (vgl. Abb. 4):

Abbildung 4: Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern nach dem Alter im Jahr 2010 (in Prozent). (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2011)

Während beim Einstieg in das Berufsleben der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern vergleichsweise gering bleibt, verändert sich das Lohngefälle im Lebenslauf stark zu Ungunsten der Frauen. Lag die Lohndifferenz bei der Altersgruppe der 25bis 29-Jährigen im Jahr 2010 noch bei 9%, betrug diese bei den 35bis 39-Jährigen bereits 20%. Deutliche Unterschiede ergeben sich besonders in der Altersgruppe zwischen 40 und 64 Jahren. Der Verdienst von Frauen war demnach um durchschnittlich 27% niedriger als das Einkommen in der Gruppe der Männer (ebd.). Laut Statistischem Bundesamt (2014) hat sich der Verdienstabstand zwischen den Geschlechtern auch für das Jahr 2013 nicht verändert. So war der Bruttoverdienst von Frauen gegenüber dem der Männer um durchschnittlich 22% niedriger (ebd.).

Internationale Befunde der Europäischen Kommission (2013a) belegen darüber hinaus, dass Deutschland nach Estland (28%) und Österreich (24%) an dritter Stelle der höchsten Einkommensunterschiede steht. [2] Im Jahr 2011 wurde der durchschnittliche Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern der EU auf ca. 16% geschätzt (ebd.). Die Daten ermöglichen zudem differenzierte Analysen in Bezug auf Unterschiede auf gleicher Hierarchiestufe, indem zwischen unbereinigten und bereinigten Lohnlücken unterschieden wird. Während sich der unbereinigte Gender Pay Gap aus dem Durchschnitt der erhobenen Bruttostundenverdienste ergibt, bildet die bereinigte Lohnlücke diejenigen Einkommensunterschiede ab, die trotz gleicher Tätigkeit, Qualifikation und Berufserfahrung verbleiben (Eurostat, 2013). Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (2013c) liegt der Anteil der Lohndifferenz für Deutschland im Jahr 2010 trotz gleicher Hierarchiestufe bei 7%. Während demzufolge zwei Drittel des Verdienstabstands durch Beruf, Branche, Leistungsgruppe, Qualifikation, Beschäftigungsumfang etc. erklärt werden können, bleibt ein Drittel ungeklärt. Einschränkend verweist das Bundesamt darauf, dass der bereinigte Gender Pay Gap möglicherweise unterschiedlich ausfällt, je nachdem welche lohnrelevanten Einflüsse berücksichtigt werden (z. B. Verhalten in der Lohnverhandlung) (ebd.). Aus diesem Grund wird auch im internationalen Vergleich ausschließlich die bereinigte Lohndifferenz abgebildet.

Das BMFSFJ (2009) erklärt die Einkommensdisparitäten mit schwangerschaftsund mutterschutzbedingten Erwerbsunterbrechungen. Dadurch verpassten Frauen – so das Bundesministerium – den Anschluss an die Verdienstentwicklung der Männer. Im Vergleich zu ihnen unterbrächen oder reduzierten Frauen ihre Erwerbstätigkeit häufiger und länger aus familiären Gründen (ebd.). Ein erster Blick auf das Alter der Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes last die Erklärung des Bundesministeriums plausibel erscheinen: Laut Statistischem Bundesamt (2012a) betrug das Alter der Mütter im Jahr 2010 durchschnittlich knapp 30 Jahre. Möglicherweise begründen sich die Erwerbsunterbrechungen durch die gesetzlichen Regelungen zum Mutterschutz. Unklar bleibt anhand der Argumentation jedoch die Ursache für den mit fortschreitendem Alter zu beobachtenden Verdienstabstand. Tiefergehende Analysen in Bezug auf die Ursachen des Lohngefälles nimmt die Europäische Kommission (2013b) vor, indem sie auf die folgenden Diskriminierungsformen verweist:

Ÿ Unterbewertung der Arbeit von Frauen

Zum einen führt die Europäische Kommission an, dass Kompetenzen von Frauen im Vergleich zu denen der Männer geringer eingeschätzt werden. Tätigkeiten, die die gleichen Fähigkeiten und Qualifikationen erfordern, werden zum Teil unterschiedlich bezahlt. Darüber hinaus werden der Europäischen Kommission (2013b) zufolge Leistungen von Männern bevorzugt, sodass sich dies auf die Höhe des Gehalts sowie auf die Aufstiegsmöglichkeiten auswirkt.

Ÿ Segregation am Arbeitsmarkt

Schließlich werden die bereits genannten horizontalen Geschlechtsunterschiede als Ursache für die Einkommensdisparitäten angeführt. So verweist die Europäische Kommission (2013b) darauf, dass in bestimmten Branchen weiterhin Frauenund Männerberufe vorhanden sind, die das Lohngefälle zu Ungunsten von Frauen prägen (beispielsweise im Sozialund Gesundheitswesen). Wie sich in den vorangestellten Ausführungen gezeigt hat, sind Frauen ebenso auf höheren Managementebenen unterrepräsentiert.

Ÿ Traditionen und Stereotype

Zudem werden vorhandene berufliche Segregationen durch mögliche Traditionen und Stereotype im Wissenschaftsbetrieb benannt. Diese beeinflussen den Bildungsweg und die Bildungschancen von Frauen. Als Beispiel führt die Europäische Kommission (2013b) die Unterrepräsentanz von Frauen in den sogenannten MINT-Fächern[3] an. Darüber hinaus werde von Frauen eher erwartet, dass sie bei der Geburt eines Kindes die Arbeitszeit reduzieren oder die Erwerbstätigkeit einstellen.

Ÿ Vereinbarkeit von Berufsund Privatleben

Die Europäische Kommission (2013b) kommt abschließend zu dem Schluss, dass Frauen im Vergleich zu Männern größere Herausforderungen zu bewältigen haben, Berufsund Privatleben miteinander zu vereinbaren. Dabei wird auf eine ungleiche Verteilung der Haus-, Familien-, Pflegeund Erziehungsarbeiten verwiesen. Die daraus resultierenden Teilzeitarbeitsund Unterbrechungszeiten wirken sich negativ auf die weitere berufliche Laufbahn und schließlich auf das Gehalt von Frauen aus.

Die Ursachen der Einkommensunterschiede verweisen insgesamt auf ein komplexes Bedingungsgefüge, das von offener Diskriminierung weiblicher Erwerbstätiger bis hin zu Anforderungen in der Vereinbarkeit von beruflichen und außerberuflichen Rollen reicht. Letztere in diesem Kontext genannten Lebenswirklichkeiten erscheinen vor dem Hintergrund der Forschungsfrage nach den Geschlechtsunterschieden in der Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress zentral. Aus ihnen gehen besondere Rahmenbedingungen hervor, die in der geschlechtsreflektierten Beurteilung der Stressund Bewältigungsmuster im Rahmen der CC-Tätigkeit zu berücksichtigen sind. Nachfolgend sollen daher Befunde zu Lebensformen von Frauen und Männern zusammengetragen sowie das Verhältnis von Haus-, Familienund Pflegearbeiten erläutert werden.

  • [1] Die Statistiken verweisen hier auf die Bedeutung von Kindern für die Teilzeitquote. Diese wird näher in Kapitel 3.1.4 ausgeführt, welches das Verhältnis von Haus-, Familienund Erwerbsarbeit thematisiert.
  • [2] Auch eine globale Betrachtung der Einkommensungleichheiten zeigt, dass Deutschland nach Japan und Korea an dritter Stelle steht (OECD, 2012).
  • [3] Die Abkürzung MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.
 
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