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9.1 Zusammenfassung der Ergebnisse

Mit dem Ziel, die Beziehung zwischen Jugendämtern und freien Trägern zu erforschen, wurde ein mehrstufiger Prozess der Erkenntnisgewinnung durchlaufen. Denn da Beziehungen sich nicht direkt und unmittelbar erforschen lassen, wurden sie im Rahmen dieser Arbeit über die habitualisierten kollektiven Orientierungen der beteiligten Organisationen, die der Wahrnehmung und Gestaltung der Beziehung zugrunde liegen, rekonstruiert und diese wiederum über die individuellen Orientierungen der Jugendamtsund Trägervertreter. Die Erkenntnisse werden im Folgenden noch einmal komprimiert dargestellt:

Jugendämter und freie Träger vor dem Hintergrund eines ambivalenten normativen Rahmens

Es gibt nicht ‚die Beziehung' zwischen Jugendamt und freiem Träger, denn der Jugendhilfe-Diskurs gibt den Akteuren bei der Gestaltung der Beziehung einen ambivalenten normativen Rahmen vor. Das gemeinsame Bezugsproblem aller Interviewten, das die verschiedenen habitualisierten Denk-, Wahrnehmungs-, Handlungs-, Argumentationsund Legitimationsmuster erklärt, ist die Selbstverortung innerhalb dieses ambivalenten Rahmens. Er bezieht sich auf die drei folgenden Dimensionen mit konträren Polen bzw. Normen:

Ÿ System: offener Markt mit Wettbewerb – geschlossener Markt mit einer komplementären Angebotslandschaft

Ÿ Beziehung: Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnis (hierarchisches Beziehungsverständnis) – Partnerschaft (egalitäres Beziehungsverständnis)

Ÿ Ziel: Finanzen – Fachlichkeit.

Der ambivalente normative Rahmen ist zum einen vor dem Hintergrund eines mehrdeutigen Gesetzes zu sehen. Dies zeigt sich in den Daten insofern, als das SGB VIII als Legitimation und Begründung für ein gegenteiliges Systemund Beziehungsverständnis dient. Es wird sowohl herangezogen, um für eine Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung und Wettbewerb zu argumentieren als auch um eine partnerschaftliche Beziehung zu begründen, die sich nicht im Kontext von Wettbewerb realisieren lässt. Der ambivalente normative Rahmen ist zum anderen vor dem Hintergrund veränderter normativer Erwartungen seit 1990/91 bzw. 1999 zu sehen. Dabei unterscheiden sich die in Westdeutschland sozialisierten Jugendamtsund Trägervertreter von den in Ostdeutschland sozialisierten insofern, als erstere sich intensiver mit der Parallelität der verschiedenen Normen auseinandersetzen und eine Widersprüchlichkeit wahrnehmen. Die in Ostdeutschland sozialisierten Akteure sehen das von ihnen mitgestaltete System und die von ihnen aufgebaute Beziehung dagegen als selbstverständlich an. Die Trägerlandschaft und die Beziehung haben sich völlig ‚natürlich' nach der Wende, auf die sie alle als Startpunkt Bezug nehmen, entwickelt. Der in den Interviews evident werdende Unterschied zwischen den westund ostdeutschen Vertretern könnte ein Hinweis dafür sein, dass die gesetzlichen Veränderungen den westdeutschen Akteuren mehr Auseinandersetzung mit der Beziehung und ihrer eigenen Rolle darin abverlangen als ihren ostdeutschen Kollegen.

In Folge des oben skizzierten ambivalenten normativen Rahmens haben sich verschiedene z.T. einander diametral gegenüberstehende Normalitätsvorstellungen darüber entwickelt, wie das System der Jugendhilfe sowie die Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern zu gestalten sind. Denn mit der Ambivalenz des Rahmens geht eine Vielfalt möglicher Vorstellungen von der Normalität der Beziehung und der eigenen Rolle darin einher. Dementsprechend gibt es sehr unterschiedliche Systemund Beziehungsverständnisse, die Jugendämter und Träger prägen.

 
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