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8.3.2 Exkurs: Jugendamt und Politik zwischen Finanzen und Fachlichkeit

Das übergreifende Muster kann wie folgt beschrieben werden: Das Jugendamt nimmt im Sinne einer funktionalen Symbiose eine Art Gegenpol zur Politik ein. Nehmen die Jugendamtsvertreter die Politik als primär kostenorientiert wahr, bildet sich bei ihnen eine dominierende fachliche Orientierung heraus und sie positionieren das Jugendamt als Fachamt. Erfährt das Jugendamt von Seiten der Politik keinen Kostendruck, ist es den Jugendamtsrepräsentanten wichtig, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln sparsam umzugehen, und sie positionieren das Jugendamt als Hüter der öffentlichen Finanzen.

Dieses Muster wird im Folgenden kurz und knapp anhand aller vier Kommunen verdeutlicht.

Kommune WS

Das Jugendamt WSJ sieht sich in der komfortablen Situation, ausreichend Geld zur Verfügung zu haben und das Budget in den letzten Jahren nie ausgeschöpft zu haben. Die Jugendamtsleiterin WSJA bezeichnet die Kommune WS als „relativ wohlhabende Stadt“ mit einer „ziemlich wohl ausgestattete[n] Jugendhilfe“ (WSJA_80). Von Seiten der Politik besteht kein Einspardruck, ganz im Gegenteil, an Wettbewerb bestehe „weder in der Verwaltungsspitze noch in der Politik Interesse“ (WSJA_88). Preisverhandlungen mit den Trägern stünden sogar der vor Ort geltenden politischen Leitlinie der „Konfliktvermeidung“ konträr entgegen (WSJA_90). Von den beiden Jugendamtsvertreterinnen wird dies nicht expliziert. Aber es entsteht der Eindruck, dass sie der Politik die Position zuweisen, sich für Kosten nicht zu interessieren, sondern ausschließlich durch eine Konsensorientierung gegenüber den freien Trägern geprägt zu sein.

Beide Jugendamtsvertreterinnen verfolgen den Anspruch, „mit den öffentlichen Mitteln [zu] haushalten“ (WSJB_78). Wettbewerb und damit verbunden Wirtschaftlichkeit bilden in den Ausführungen der Jugendamtsleiterin WSJA einen positiven Horizont. Und sie betont, dass „unser Jugendhilfesystem nen Haufen sparen könnte, wenn man […] so [wie man] auf die Wirtschaft guckt auf dieses ganze System gucken, guckte“ (WSJA_106).

Kommune WL

Die Jugendamtsvertreter WLJA und WLJB teilen die Ansicht, dass die politischen Vertreter im Kreistag einseitig auf Kosteneinsparungen ausgerichtet sind. Dem Jugendamtsleiter WLJA zufolge ist die Politik durch die Leitlinie geprägt:

Hauptsache das Geld explodiert nicht und es wird auf dem Niveau bleiben, wie es jetzt ist“ (WLJA_34). Sein Mitarbeiter WLJB betont: „Ausgangslage je.. jeder Veränderung, die ich bisher mitgemacht habe war, dass es der Politik nicht gepasst hat, äh wie viel Geld für den Bereich der HzE ausgegeben wird“ (WLJB_108). Sie weisen damit insgesamt der Politik die Position zu, primär kostenorientiert zu agieren und Einsparungen vor Fachlichkeit zu stellen.

Beide Jugendamtsvertreter sind durch eine fachliche Orientierung geprägt und positionieren sich mit dem Selbstverständnis, dass Fachlichkeit immer an erster Stelle stehen muss. Der Jugendamtsvertreter WLJB weist zusätzlich eine generelle Oppositions-Haltung gegenüber finanziellen Steuerungsmechanismen auf und wünscht sich für die Träger finanzielle Sicherheit (WLJB_126).

Kommune OS

Der Jugendamtsleiter OSJA beschreibt den Jugendhilfebereich als „finanziell sehr gut ausgestattet“, das Jugendamt habe „relativ viel Mittel noch zur Verfügung“ (OSJA_103). Die Politik bezeichnet er als an der Jugendhilfe völlig desinteressiert („über ein Drittel des Gesamthaushaltes, der fließt in mein Amt und das interessiert keinen Menschen“ (OSJA_99)). Diese Einschätzung teilt seine Mitarbeiterin OSJB. Die Politik lasse „es, ja, so laufen“ (OSJB_114).

Für den Jugendamtsleiter OSJA ist es selbstverständlich, den „Mehrklang“ von „Kosten“ und „Qualität“ „vernünftig“ zu regeln (OSJA_18). Und auch seine Mitarbeiterin OSJB ist geprägt von der Haltung, „effizient“ (OSJB_54) mit den öffentlichen Geldern umzugehen. Beide positionieren das Jugendamt als Hüter der öffentlichen Finanzen.

Kommune OL

Die Teamleiterin OLJB erzählt, das Jugendamt habe sich in den vergangenen Jahren eigentlich „ständig wegen Fallzahlen, wegen Kosten verantworten“ (OLJB_119) müssen. Die Jugendamtsleiterin OLJA berichtet, das Jugendamt habe „in manchen Ausschüssen, wie in Kreisausschuss, Finanzausschuss nicht immer einen leichten Stand [gehabt]“ (OLJA_134). Und über die bestehenden finanziellen Rahmenbedingungen äußert sie sich außerdem sehr kritisch. So wird in ihrer Beschreibung der finanziellen Situation auf Bundesund Landesebene

z.B. deutlich, dass es aus ihrer Sicht unmöglich ist, die fachliche Arbeit wie gesetzlich vorgeschrieben zu leisten (OLJA_146). Sie bezieht diese Kritik zwar nicht auf die Kommune OL. Doch sie weist im Interview den politischen Abgeordneten und der Verwaltungsspitze in OL deutlich die Position zu, vorrangig kostenorientiert zu agieren.

Die Jugendamtsleiterin OLJA definiert das Jugendamt als „Fachamt“ (OLJA_62) und in ihren Beschreibungen der Handlungspraxis dokumentiert sich eine ausgeprägte fachliche Orientierung. Für ihre Mitarbeiterin OLJB ist es selbstverständlich, fachliche wie auch finanzielle Kriterien in die Entscheidungspraxis einzubeziehen. In den Beschreibungen ihrer Handlungspraxis dokumentiert sich allerdings eine primäre fachliche Orientierung und es wird deutlich, dass die Kostenperspektive keine eigene, sondern von der Politik auferlegte Norm ist.

 
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