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8.3.1.3 Ziel: Finanzen – Fachlichkeit

Das übergreifende Muster mit Blick auf die Ziel-Dimension kann wie folgt beschrieben werden: Die Akteure positionieren sich selbst als fachliche Repräsentanten und weisen der Gegenseite die Position zu, primär auf Finanzen ausgerichtet zu sein. Mit diesen Selbstund Fremdpositionierungen beanspruchen Jugendamt bzw. Träger eine superiore Position gegenüber der jeweils anderen Seite und legitimieren die eigenen Ansprüche. Dieses übergreifende Muster zeigt sich auch in der Beziehung des Jugendamtes zur Politik, wie der folgende Exkurs in Kapitel 8.3.2 zeigen wird.

Die mit diesem übergreifenden Grundmuster verbundenen Argumentationsund Legitimationsmuster werden im Folgenden anhand ausgewählter Beispiele verdeutlicht.

Jugendamt WLJ – Träger WLT1 und WLT2

Die beiden interviewten Jugendamtsvertreter WLJA und WLJB[1] sind durch ein konträres Beziehungsverständnis geprägt. Dies wird in ihren Beschreibungen der jetzigen sowie der – im Kontext der Sozialraumorientierung – geplanten Handlungspraxis des Jugendamtes deutlich, aber auch in ihren Positionierungen zur Sozialraumorientierung (siehe hierzu auch Kap. 7.3).

Der Jugendamtsvertreter WLJA positioniert sich als jemand, dem es bei der Steuerung der Träger in erster Linie um Fachlichkeit geht, darum, „dass im Ergebnis das beste Ergebnis dabei herum kommt“ (WLJA_14). Seinen hierarchischen Steuerungsanspruch gegenüber den Trägern legitimiert er damit, dass deren Profitund Machtorientierung etwas entgegengesetzt werden muss („Also die freien Träger sehen für sich erst mal nur den Profit“ (WLJA_34), sie verfolgen „Machtinteressen“ (WLJA_112)).

Der Leiter des Fachdienstes Jugend WLJB argumentiert fachlich für eine vertrauensvolle Partnerschaft zwischen Jugendamt und freien Trägern im Rahmen einer Sozialraumorientierung, weil „wir es nur gemeinsam schaffen [den Problemlagen] überhaupt Paroli bieten zu können und auch effektiv helfen zu können“ (WLJB_120). Beide weisen im Übrigen der Politik die Position zu, einseitig einsparorientiert zu sein, während sie sich selbst als Verfechter für ein Primat der Fachlichkeit positionieren.

Die beiden Trägervertreter WLT1A und WLT2A definieren sich als Repräsentanten der Fachlichkeit und weisen Jugendamt und Politik die Position zu, einseitig einsparorientiert zu agieren. Der Trägervertreter WLT1A positioniert sich z.B. als Advokat für „das Wohl der Kinder, Jugendlichen in der Familie, die wir betreuen“ und hebt hervor, dass dies auch bedeute, „dass man diesbezüglich schon auch in Konflikt geht“ mit dem Jugendamt (WLT1A_121). Er skizziert dabei das Jugendamt als Verhandlungspartner, der – aufgrund des politischen Einspardrucks – inhaltliche Scheindebatten führt, dem es aber vor allem darum geht, Kosten zu reduzieren (WLT1A_123, _137). Auch die Politik beschreibt WLT1A als einseitig einsparorientiert. Der Trägervertreter WLT2A positioniert die Gruppe der freien Träger als Vertreter des gesammelten Fachverstandes (WLT2A_72). Er äußert zwar Verständnis dafür, dass das Jugendamt aufgrund der Sparziele der Politik finanziellen Druck hat (WLT2A_38), gleichzeitig weist er dem Jugendamt damit jedoch die Position zu, kostenorientiert zu agieren bzw. agieren zu müssen.

Jugendamt OSJ – Träger OST1 und Träger OST2

Das Jugendamt OSJ positioniert sich als Instanz, die über eine Steuerung der Träger Fachlichkeit sicherstellt und dabei einen effizienten Einsatz der öffentlichen Mittel gewährleistet. Der Jugendamtsleiter OSJA konstruiert die Träger als Akteure, denen es um die Auslastung ihrer Einrichtungen und Arbeitsplätze geht und die deshalb einer fachlichen und kostenorientierten Steuerung bedürfen (OSJA_61). Seine Mitarbeiterin OSJB sieht das Jugendamt als unparteiische fachlich entscheidende Instanz, während sie den Trägern die Position zuweist, sich an der Auslastung der eigenen Einrichtungen zu orientieren und dementsprechend nicht unparteiisch über Einzelfälle entscheiden zu können (OSJB_124).

Die Trägervertreterin OST1A spricht dem Jugendamt ab, vorrangig im Interesse des Kindeswohls zu handeln und weist der öffentlichen Hand stattdessen die Position zu, aufgrund der Budgetierung „immer […] im eigenen Widerstreit mit Fachlichkeit“ (OST1A_206) zu sein. Ihren Träger positioniert sie als fachlich orientiert. So betont sie etwa, es gehe ihr bei Verhandlungen ausschließlich um Fachlichkeit (OST1A_96). Sie vertritt darüber hinaus den Anspruch bei der Hilfeplanung mehr Wert auf Qualität zu legen als das Jugendamt (OST1A_98).

OST2A definiert ihren Träger als „Anhängsel“ des Jugendamtes, der sich immer so orientiert, „wie eigentlich der öffentliche Träger uns braucht“(OST2A_32). Es gibt keine Hinweise dafür, dass es auch ein Selbstverständnis als Partner bzw. den Anspruch gibt, vom Jugendamt als Partner eingebunden zu werden. Sie versteht ihren Träger stattdessen als abhängigen Auftragnehmer. Sie vertritt zudem keinen eigenen Qualitätsanspruch, sondern die Nachfrage durch das Jugendamt ist für sie ‚der' entscheidende Qualitätsmaßstab. Dass die Selbstpositionierung als fachlich und/oder moralisch überlegene Instanz immer auch der Egalisierung dient, wird letztlich dadurch bestätigt, dass sich OST2A, die sich in die Rolle eines untergebenen Auftragnehmers völlig selbstverständlich einfügt, dieser Egalisierungsrhetorik nicht bedient.

  • [1] Die Darstellung bezieht sich hier auf die individuellen Orientierungen der interviewten Jugendamtsvertreter statt auf die abstrahierte Ebene der kollektiven Orientierung, weil hier speziell die Muster im Fokus stehen, mit denen die Akteure ihre normativen Verständnisse verargumentieren und legitimieren und sich diese in den Daten deutlicher auf Individualebene zeigen.
 
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