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1.2 Erkenntnisinteresse und Fragestellung

Gesetzesinitiativen und Gesetzesänderungen greifen häufig soziale Veränderungen auf und verstärken diese. Dabei ist von Interesse, welche Wirkungen solche gesetzlichen Veränderungen entfalten. Werden sie von den für die Umsetzung zuständigen Organisationen aktiv aufgegriffen und mit Leben gefüllt oder handelt es sich um eine rein formale Umsetzung, die das Handeln der Institutionen nicht wirklich beeinflusst? Diese Frage ist in der Jugendhilfe von besonderem Interesse, weil zum einen die institutionelle Ausgestaltung der Jugendhilfe sehr stark historisch geprägt ist. Das Subsidiaritätsprinzip und die duale Stellung sozialer Dienste mit einer engen Verflechtung von kommunalen und freien Trägern reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück (vgl. Bahle 2007, 215). Zum anderen lassen die komplexen politischen Strukturen in der Jugendhilfe keine einfache Übersetzung von gesetzlichen Normen in die Praxis zu (vgl. Pluto et al. 2007, 18). Die Jugendhilfe ist durch bundeseinheitliche Regelungen bestimmt. Doch die Verantwortung für die konkrete Ausgestaltung von Leistungen liegt auf kommunaler Ebene. Die Angebote der Jugendhilfe werden darüber hinaus zu einem wesentlichen Anteil von freien Trägern erbracht und gestaltet. Diese werden aber durch gesetzliche Regelungen nur indirekt – über die Jugendämter – in ihrem Handeln beeinflusst. Dies ist ein weiterer Grund dafür, genauer zu untersuchen, durch welches Beziehungsverständnis Jugendämter und freie Träger heute geprägt sind. Der Fokus der empirischen Untersuchung soll dabei auf dem Bereich der Hilfen zur Erziehung liegen, da die rechtlichen Änderungen die Beziehung zwischen öffentlichen und freien Trägern insbesondere in diesem Bereich maßgeblich verändert haben.

Die erkenntnisleitende Frage lautet dabei: Wie sehen Jugendämter und freie Träger ihre Beziehung zueinander und welches Rollenverständnis haben sie?

Die Arbeit will mit der Beantwortung dieser Frage auch einen Beitrag zu einem besseren Verständnis von Steuerung im heutigen Wohlfahrtsstaat liefern, indem sie das Beziehungsverständnis und damit einhergehende Rollenverständnis, welches letztlich den praktizierten Steuerungsmodellen zugrunde liegt, analysiert.

1.3 Methodik

Ziel der Arbeit ist die Erforschung der Beziehung zwischen öffentlichen und freien Trägern in der Jugendhilfe. Diese war in den vergangenen Jahren unterschiedlichen Veränderungsprozessen unterzogen und zeichnet sich durch hohe Komplexität aus. Vor diesem Hintergrund ist ein qualitatives Forschungsdesign sinnvoll. Denn es nimmt die erfahrbare Wirklichkeit als Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse (vgl. Heinze 2001, 27) und liefert genaue und dichte Beschreibungen, die die Sichtweisen der beteiligten Subjekte und die Konstruktionen ihrer Welt berücksichtigen (vgl. Flick et al. 2008, 13). Diese Arbeit schließt sich damit einer rekonstruktiven Sozialforschung an.

Methodisch bedient sich diese Arbeit dabei der Einzelfallstudie, weil sie in besonderem Maße geeignet ist die Beziehung in ihrer Komplexität ganzheitlich in den Blick zu nehmen. Denn sie betrachtet die Analyseeinheit im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Umwelt (vgl. Häder 2006, 349) und bettet die Forschungsergebnisse damit in größere soziale Zusammenhänge ein. Bei der Einzelfallstudie handelt es sich dabei um einen sog. approach, d.h. einen Forschungsansatz, dem es darum geht, ein ganzheitliches und damit realistisches Bild der sozialen Welt zu zeichnen (vgl. Lamnek 1995, 5). Der Ansatz beinhaltet in der Regel eine vielschichtige methodische Vorgehensweise, wie z.B. die Analyse von Dokumenten oder Berichten sowie Interviews, Gruppendiskussionen und die teilnehmende Beobachtung. Die Datenbasis der hier vorliegenden empirischen Studie bilden qualitative Interviews und Dokumente.

Beziehungen zwischen Organisationen lassen sich nicht direkt und unmittelbar erforschen, sondern nur über die beteiligten Organisationen. Organisationen wiederum lassen sich nur über die Personen erschließen, deren Handlungen quasi als offizielle Politik der Organisation gelten. Deshalb wurden in zwei westund zwei ostdeutschen Kommunen für acht Fälle, d.h. acht Beziehungen, Interviews mit Vertretern des Jugendamtes (Amtsleiter und Verantwortliche für den Bereich Hilfen zur Erziehung) und Entscheidungsträgern freier Träger (Geschäftsführer oder Pädagogische Leiter) auf der Grundlage eines halbstandardisierten Leitfadens durchgeführt. Dabei wurden Wahrnehmungen und Bedeutungszuschreibungen der Interviewpartner in ihrem jeweiligen Kontext empirisch erarbeitet. Der Fokus der Datenerhebung lag dabei auf dem Bereich der Hilfen zur Erziehung, da die rechtlichen Änderungen die Beziehung zwischen öffentlichen und freien Trägern insbesondere in diesem Bereich maßgeblich verändert haben.

Das Erkenntnisinteresse ist dabei nicht darauf ausgerichtet, was die befragten Organisationsvertreter jeweils subjektiv mitteilen wollen, sondern was sich hinter den Äußerungen an sozialen Prägungen und typischen Sinnmustern verbirgt. Vor diesem Hintergrund habe ich mich auch für die Dokumentarische Methode als Methodologie entschieden, weil sie im Sinne der Wissenssoziologie dabei unterstützt, die ‚soziale Wirklichkeit der Beziehung' aus der Perspektive der Jugendämter und Träger zu rekonstruieren und dabei ihr Augenmerk auf handlungsleitendes kollektiv geteiltes Wissen legt. Sie ermöglicht dabei nicht nur den methodisch kontrollierten Zugang zu dem bewussten, reflexiven Wissen der Akteure über die Beziehung, sondern auch zu dem reflexiv nicht ohne weiteres zugänglichen Wissen, das ihrer Beziehungswahrnehmung und -gestaltung zugrunde liegt. Im Ergebnis hilft sie also nicht nur zu verstehen, wie Jugendämter und freie Träger in ihren Beziehungen zueinander agieren, sondern auch wie es dazu kommt, dass sie so agieren. Die Auswertung der Interviews erfolgte dementsprechend mit der Dokumentarischen Methode nach Bohnsack als Basismethodologie, die erweitert wurde um Perspektiven des Positioningund Agency-Ansatzes.

Als Quelle zur Erfassung des Beziehungsund Rollenverständnisses dienten neben den Interviews schriftliche Textquellen wie Leistungsverträge, Leistungsbeschreibungen, Dokumente zur Hilfeplanung, Selbstdarstellungen und Protokolle von Sitzungen des Jugendhilfeausschusses. Die Interpretation der Dokumente erfolgte aus forschungspraktischen Gründen inhaltsanalytisch.

Die Auswertungen der Interviews und Dokumente verfolgten dabei das Ziel, das habitualisierte Beziehungsverständnis und damit die individuellen Orientierungen, an denen sich Jugendamtsund Trägervertreter bei der Gestaltung der Beziehung ausrichten, zu rekonstruieren. Auf dieser Basis erfolgte dann die Entwicklung einer sinngenetischen Basistypologie mit dem Ziel, die verschiedenen individuellen Orientierungen in ihrer Variation zu erklären. Darauf aufbauend hatte die Analyse das Ziel, die kollektiven Orientierungen der Organisationen Jugendamt und Träger darzustellen. Über die Frage, in welchem sozialen Zusammenhang die rekonstruierten kollektiven Orientierungen stehen, wurde reflektiert. Die Studie zielt aber – angesichts der begrenzten Fallanzahl – nicht auf eine soziogenetische Typenbildung. Schließlich wurden Überlegungen zu den Beziehungsmustern angestellt, angesichts des begrenzten Samples jedoch ohne den Anspruch, eine umfassende Typologie zu erarbeiten, aber doch in der Überzeugung, dass die analysierten Fälle wertvolle Erkenntnisse über die vielfältigen Beziehungsmuster bieten, die auf jede andere Beziehung im Feld übertragbar sind.

 
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