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11. Anhang

11.1. Bildanalyse

Schematische Darstellung der Dokumentarischen Bildund Videointerpretation nach Bohnsack (2007: 237, vgl. 2003a, 2003b, Hietzge 2009: Abschnitt 5). Die Bildanalyse für die Bilder „Yossi & Jagger“ (Bild 2, siehe Kap. 11.1.1.) und „Einsatz im Ausland“ (Bild 4, siehe Kap. 11.1.2.) ist nach folgendem Analyseschema für Bildund Videointerpretation aufgebaut:

1. Formulierende Interpretation: Was wird mitgeteilt? (bildimmanenter Sinngehalt)

1.1. Vorikonographische Ebene (nach Panofsky): Beschreibung der Gegenstände, Personen, Phänomene getrennt nach Bildvordergrund, Bildmittelgrund und Bildhintergrund

1.2. Ikonographische Ebene: „Common-sense-Typisierungen" kommunikativ-generalisierte Wissensbestände, z.B. Wissen um gesellschaftliche Institutionen und Rollenbeziehungen. Nicht einbezogen werden jedoch werden konjunktive Wissensbestände (milieuspezifische Besonderheiten).

2. Reflektierende Interpretation (Weiterführung der ikonologischen Interpretation nach Panofsky): Wie wird mitgeteilt? (dokumentarischer Sinngehalt)

2.2. Formale Komposition/formale Elemente: wie? modus operandi (Imdahl)

a) perspektivische Projektion (Räumlichkeit, Körperlichkeit)

b) szenische Choreographie (soziale Beziehungen, Konstellationen)

c) planimetrische Komposition (Gesetzlichkeit, Ganzheitsstruktur, Totalität)

2.3. Ikonologische bzw. ikonische Interpretation (Imdahl/Panofsky)

2.3. Interpretation des Bild-Titels (wenn vorhanden)

11.1.1. „Yossi & Jagger"

1. Formulierende Interpretation

Das gewählte Bild ist ein Standbild aus dem Film "Yossi & Jagger" (2002, Reg.: Eytan Fox). Die Common-Sense-Typisierungen der Ikonographischen Ebene schöpfen sich daher auch aus dem Wissen über den Film.

Abbildung 5: „Yossi & Jagger“

1.1 Vorikonographische Ebene – Bildvordergrund, Bildmittelgrund und Bildhintergrund:

Der Bildvordergrund wird auf der linken Bildseite durch die fast vollständige Profilansicht eines Mannes eingenommen. Sein Kopf ist nach rechts unten geneigt und auch sein Blick ist, soweit zu erkennen, nach unten gerichtet. Er wirkt konzentriert. An seiner rechten Schulter ist eine militärische Schulterklappe zu erkennen, jedoch nicht die Einheit. Im Bildmittelgrund sehen wir einen jungen Mann im gleichen Alter. Seine Körperhaltung ist leicht nach vorne (zum Bildbetrachter bzw. zur Bildbetrachterin) und nach links gebeugt, sein Kopf liegt fast frontal nach vorne links geneigt auf der Schulter des Mannes. Die Blickrichtung seiner Augen zeigen frontal vor sich, wobei er etwas verträumt wirkt. Er trägt eine olivgrüne Militäruniform. Im linken Hintergrund dominiert eine metallisch-dunkle Vorrichtungen, die von einer Klimaanlage oder einem Computersystem stammen könnten. Rechts im Bildhintergrund ist eine helle oder weiße Fläche zu sehen, die durch einen Griff dieselbe als eine Schranktüre erkennen lässt. Reflexionen auf der Gesichtshälfte des rechten Soldaten und auf dem Nasenrücken den linken Soldaten schließen auf eine Lichtquelle rechts oben außerhalb des Bildrandes.

1.2. Ikonographische Ebene: Common Sense-Typisierungen

Abbildung 6: „Yossi & Jagger“ – formale Kompositionsprinzipien (eigene Darstellung)

Das Bild ist ein Standbild aus dem Film Yossi & Jagger (2002, Reg.: E. Fox) in dem die Schauspieler Ohad Knoller (Yossi) und Yehuda Levi (Jagger) die Rolle zweier homosexueller israelischer Offiziere spielen, die ihre Liebe zueinander geheim halten müssen. Der Film verzichtet auf Heldenpathos und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen nominiert. [1] Zum Zeitpunkt des Standbildes befinden sich beide in einem unterirdischen, künstlich beleuchteten Einsatzzimmer.

2. Reflektierende Interpretation

2.1. Formale Komposition

2.1.1. Planimetrische Komposition

In planimetrischer Hinsicht ist die Bildkomposition entscheidend durch das helle Zentrum beider Gesichter geprägt, das sich im linken Drittel des Bildes befindet. Die Bildkomposition lässt sich durch einen Kreis um beide Gesichter und schräge Geraden beschreiben: Der Kreis berührt dabei die obere, untere und linke Bildkante und wird unterhalb des Kinns rechten Soldaten vorbeigeführt. Die 45° Grad-Schräge, die durch die Neigung des Soldaten nach links entsteht, ist eines der zentralen planimetrischen Elemente des Bildes. Einerseits wird das Bild auch in perspektivischer Projektion senkrecht durch das Profil des linken Soldaten geteilt, andererseits wird durch die Orthogonalität des „Anlehnens" eine gewisse

„Schwere" herbeigeführt, die durch die perspektivische Projektion wieder aufgehoben wird, da der Fluchtpunkt des Anlehnens, also der 45°GradGeraden nicht die Schulter, sondern zwischen beiden Soldaten liegt.

2.1.2. Szenische Choreographie

Durch den Kreis, welcher die Planimetrie bestimmt, wird das Hauptaugenmerk auf die beiden nach unten blickenden Männer gelegt. Die soziale Bezogenheit der beiden Soldaten wird durch die körperliche Nähe zueinander ausgedrückt. Sie tauschen keinen Blick aus, jedoch blicken beide auf denselben Punkt vor ihnen.

2.1.3. Perspektivische Projektion

Die Horizontlinie verläuft etwa auf Schulterhöhe des rechten Soldaten, womit Vorderund Mittelgrund vom Hintergrund getrennt werden. Perspektivisches und kreisförmiges Zentrum bildet das Spannungsverhältnis zwischen Vorderund Mittelgrund, d.h. bildet der Raum zwischen den Soldaten, der durch die linke Profildarstellung und den Kopf des rechten Soldaten umrahmt wird. Es befindet sich etwa oberhalb der Nasenwurzel des rechten und vor der Nasenspitze des linken Soldaten. Die Neigung des rechten Soldaten nach links lässt sich durch eine 45° Grad Gerade beschreiben, die entlang des Oberarms und der Schulterspitze verläuft. Im rechten Winkel zu dieser Geraden verläuft die im Bild prominente Augenbrauenlinie des Soldaten über das perspektivische Zentrum. Der Nasenrücken des linken Soldaten ist ebenfalls auf den Fluchtpunkt ausgerichtet und verläuft fast senkrecht vom oberen zum unteren Bildrand, über die Nasenwurzel bis Nasenspitze – diese Gerade teilt zugleich das Bild in eine rechte und linke Bildhälfte auf. Die Gerade zwischen der im Halbprofil dargestellter Stirn stellt ebenfalls eine perspektivische Fluchtlinie dar, die genauso das perspektivische Zentrum kreuzt. Nahezu parallel zur 45° Geraden verlaufen Linien von links oben nach rechts unten durch die Bildkomposition, die maßgeblich durch den linken Gesichtsrand des rechten Soldaten und der Fluchtlinienführung von Brauenrand, Lidfaltenrand und Lid über die Nasenspitze des linken, und Kinn des rechten Soldaten verlaufen. Das perspektivische Zentrum ist entsprechend vierfach fokussiert.

2.2. Ikonologisch-Ikonische Interpretation

Auf der Grundlage der formalen Kompositionsprinzipien zeigt sich, dass das vorherrschende Bild auf dem Spannungsverhältnis von Bildmittelgrund und Bildvordergrund aufbaut. Das perspektivische Zentrum des Bildes liegt zwischen beiden Soldaten. Diese Interpretation lässt sich auch auf den Inhalt des Films übertragen, der als Thema die Beziehung beider Soldaten zum Gegenstand hat. Der Betrachter wird durch die Kompositionsprinzipien angehalten, die Szenerie zwischen beiden Soldaten zu ermitteln, die nicht ganz eindeutig erscheint. Planimetrisch ist der Kopf des Soldaten im Bildvordergrund zentral – in einem orthogonalen Winkel lehnt sich der andere Soldat an ihn an. Überträgt man dieses Bild auf emotionale Komponenten, entspricht es den Verhaltensweisen der Darsteller. Der Kopf des Soldaten symbolisiert dabei alles rational Durchdenkende und verdeutlicht seine Konzentration. Orthogonal entgegengesetzt wird ihm das emotional, gefühlvolle durch den an ihn lehnenden Soldaten, der durch die Nuance des Lächelns in seinen Mundwinkeln verträumt wirkt. Die nicht ganz eindeutige Darstellung des "Was" im Bild liegt auch an der Blickrichtung der Soldaten begründet, besonders da sie sich nicht ansehen, sondern auf einen Punkt blicken, der sich außerhalb des Bildes befindet. So findet zwar enger Körperkontakt statt, das "in-dieAugen-blicken" fällt jedoch weg. Nichtsdestotrotz wird eine Nähe zwischen beiden fokussiert und durch die Perspektivität und die Fluchtpunktverläufe verstärkt. Die Darstellung des Anlehnens wird durch ein nach links ziehen (durch den Soldaten, der sich anlehnt) und ein Dagegenhalten (durch den Soldaten im Bildvordergrund) erreicht. Die Darstellung erhält dadurch eine besondere Spannung, die zwischen beiden Soldaten positioniert wird und von der Betrachterin bzw. dem Betrachter nicht aufgelöst werden kann.

  • [1] Turin International Gay and Lesbian Film Festival: Publikumspreis (2002), Tribeca Film Festival: Bester Darsteller Ohad Knoller (2003), Verzaubert – International Queer Film Festival: Bester schwuler Film (2003).
 
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