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7.1.3. Civilianization als Verweichlichung

In die Dichotomisierung der Tätigkeiten und in die militärischen Aufgabenbereiche ist eine Asymmetrie eingelassen. Diese basiert auf kulturellen und symbolischen Konstruktionen von Geschlecht, die im Militär diejenigen Bereiche und Aufgaben abwerten, die in der symbolischen Anordnung der Geschlechter dem Weiblichen zugeschrieben werden und vice versa das aufwerten, was näher an das Männliche heranrückt. Mit dem in der Literatur verwendeten Begriff „civilianization“ (Lang 1965: 842 zitiert nach Richter/Elber 2012: 271) wird die als fortschrittlich markierte Militärmodernisierung hin zum Zivilen (engl.: ,civilian-') bezeichnet.

Damit wird ausgedrückt, dass sich rein militärische Aufgaben von Soldatinnen und Soldaten verringern und stattdessen ein wachsender Anteil der Soldatinnen und Soldaten in technisch-wissenschaftlichenoder Verwaltungsfunktionen arbeitet (vgl. Richter/Elbe 2012: 271). Für viele befragte Soldatinnen und Soldaten bedeutet dieser Trend keine fortschrittliche Modernisierung, sondern wird in dreierlei Hinsicht als Rückschritt – im Sinne einer Verweichlichung – wahrgenommen. Mit der Zunahme ziviler Aufgaben, die bspw. softs skills verlangen, wird aus der Perspektive der SoldatInnen das Militärische in Frage gestellt (1). Traditionelle militärische Werte und Normen erfahren hierdurch eine Entwertung (2). Dieser Prozess hat für männliche Soldaten Auswirkungen auf tradierte Ansprüche der Zugehörigkeit zum Militär (3).

1. Absorption des Militärischen durch zivile Tätigkeiten

Unter Verweichlichung wird verstanden, dass klassische militärische Aufgaben – wie Verteidigung, Abschreckung, Angriff (vgl. Kap. 6) – von einer Minderheit übernommen wird und für die Mehrheit im Militär somit wegfallen.

(20) EI_01

1 A: Ähm aber (.) ähm (.) die aufgaben der bundeswehr(.)

2 is ja nicht NEU (.) die verändern sich ja permanent

3 und äh (.) die zivilmilitärische zusammenarbeit ist

4 weniger geprägt (.) wie der name schon sagt

5 ZIVIL (.) militärische zusammenarbeit (.)

6 der spannungs(.) oder verteidigungsfall ist ja sehr

7 unreal-(.)istisch geworden ähm (.)

8 so dass (.) diese aufgaben immer mehr abDRIFTEN

9 richtung katastrophenHILFE?

Soldat A orientiert sich mit „Verteidigungsfall“ an traditionellen militärischen Aufgaben zur Zeit der Blocksituation. Er unterscheidet zivile von militärischen Aufgaben und kritisiert die Bevorzugung ziviler Tätigkeiten der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Bei „Katastrophenhilfe“ (Z. 9) legt er die Emphase auf Hilfe (und nicht auf z.B. -schutz) um seine Argumentation über die zivile Dominanz gegenüber der militärischen zu verstärken. Die Tätigkeiten des Soldaten werden auch bei Interviewperson A nicht hybridisiert wahrgenommen, sondern als sich ausschließende Extreme zwischen ,helfen' und ,kämpfen' bzw. ,verteidigen' (vgl. Kap. 7.1.1.). Dieser Entwicklung steht er ablehnend gegenüber. Als Indikator hierfür kann die Bezeichnungen „abdriften“ (Z. 8) gesehen werden. Aus der Perspektive des Soldaten kommt die Bundeswehr ,vom militärischen Kurs' ab, der für ihn in klassischen Aufgabenbereichen besteht. Der Interviewperson geht es auch um Defizite bei der Legitimierung des Militärs: Mit der Konstabulisierung verringert sich die Anerkennung des Militärs. Für Soldat A (Beispiel 21) führt diese Entwicklung zum Solidaritätsproblem innerhalb der Weltgesellschaft:

(21) EI_01

1 A: also nicht nur in den ruhigen gegenden zurückziehen

2 und sagen (.) wir leisten aufbauarbeit (.) ne? (1)

3 is zwar alles wunderschön? und sehr gut(.) aber äh:

4 (1) das mein ich(.) das ist n halber schritt gegangen?

5 also entweder man geht ihn VOLL?

6 Y: okay

7 A: oder aber äh (.) man lässt es bleiben. (1)

8 aber das is so n bisschen (.) wasch (mich) den pelz

9 aber nich NASS machen und so:: (.) äh (.)

10 die amerika:ner (.)dürfen krepie:rn ne:(.)

11 Y: mhm

12 A: und die die deutschen (.) die konzentrier=n sich

13 auf brunnen bohrn und weiss der kuckuck was ne? (2)

Sich „nass“ (Z. 9) zu machen bzw. zu „krepieren“ (Z. 10) sind Metaphern, die für den militärischen Kernbereich stehen. Aus der Perspektive des Soldaten genießt die Bundeswehr also Vorteile („Aufbauarbeit“ Z. 2, „Brunnen bohren“ Z. 13), und überlässt die Kehrseite (das Kämpfen und Sterben) den Bündnispartnern. Aus der Sicht des Soldaten darf ein Militär nicht nur zivile Aufgaben übernehmen. Sich nicht „nass“ (Z. 9) machen, d.h. nicht kämpfen zu wollen, wird von der Interviewperson negativ bewertet.

Wenn militärische durch zivile Tätigkeiten ersetzt werden, wird aus der Perspektive des Soldaten die Kernaufgabe des Militärischen in Frage gestellt. Da der Kampf symbolisch als besonders männlich dargestellt und als Militärisches repräsentiert wird, ist die Kampfferne bzw. die Aufbauarbeit mit Weiblichkeit und Zivilität verknüpft. Hieraus erwächst für den Interviewten ein Legitimationsbedarf des Militärischen, der negativ bewertet wird.

 
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