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1. Einleitung

Am 17. Dezember 2013 wurde erstmals eine Frau als Verteidigungsministerin vereidigt. Dies sorgte in der Medienlandschaft für Aufsehen. Was passiert, wenn eine Frau die Kommandogewalt über das Militär erhält?

„[W]erden wir Männer weiblicher, die Frauen männlicher?“ (Bildzeitung 2013). Die Unterstellung „dass von der Leyen diesen Job nicht kann, nur weil sie eine Frau ist", so Familienministerin Schwesig, sei „totaler Quatsch“ (Spiegel 2013). Für Schmollack und Schulte (2013) ist umgekehrt eine Frau als Verteidigungsministerin ein Beweis dafür, wie unwichtig die Kategorien Mann und Frau mittlerweile geworden seien: „In der Liga, in der sich von der Leyen bewegt, ist die Kategorie Geschlecht inzwischen so irrelevant wie die Kategorie Haarfarbe, Körpergröße oder Kleidungsstil“ (vgl. ebd. 2013).

Dass eine Frau als Repräsentantin militärischer Macht ein Novum darstellt, zeigt sich daran, dass von der Leyens Geschlecht als debattierbare Kategorie relevant gemacht wird. Ganz offensichtlich ist das, was wir im Alltag mit Militär verbinden, eng mit unseren Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit verknüpft. Die Relevanz von Geschlecht[1] zeigt sich auch mit Blick auf die Geschichte des deutschen Militärs: Lange Zeit war die Bundeswehr eine Männerbastion, aus der Frauen ausgeschlossen wurden. In der Logik des Militärwesens wurde allen Männern aufgrund ihres Geschlechts die prinzipielle Kriegstauglichkeit unterstellt und ein Wehrdienst abverlangt; Frauen wurde umgekehrt die Kriegstauglichkeit qua Geschlecht abgesprochen. Die Männlichkeit von Homosexuellen wurde in Frage gestellt und damit eine Nähe der (männlichen) Homosexualität zum Weiblichen konstruiert. Untersucht man das Militär, zeigt sich also zwischen den Kategorien Geschlecht und sexueller Orientierung ein Zusammenhang, den es im Hinblick auf die politische Aktualität des Themas und auf die soziologische Theoriebildung zu erörtern lohnt.

Militär, Männlichkeit und eine Verteidigungsministerin als Symbol des Wandels

Seit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen im Jahr 1814 ist die „Schule der Nation“ eine „Schule der Männlichkeit“ (Frevert 2001). Staatsbürgerrechte wurden über die Ableistung des Wehrdienstes an das Militär geknüpft. Aus diesem Grund wird Männlichkeit[2] seither durch das Bild des mutigen, tapferen, starken Soldaten[3] geprägt (siehe Apelt 2005: 17). Männer gelten als ,von Natur aus' waffenfähig, aggressiv und kriegerisch – Frauen hingegen als verletzlich, schwach und friedfertig. Männer werden symbolisch auf der Seite des Militärs repräsentiert und Frauen auf der Seite des Zivilen und des Friedfertigen wahrgenommen, wobei diese Differenzierung hierarchisiert wird und eine extreme Vermännlichung des Militärs stattfindet (vgl. Seifert 1999: 48). Lange Zeit hat das Militär als männliche Organisation also nicht nur das Bild davon geprägt, was Männlichkeit sein soll, sondern auch den dazu passenden Gegenentwurf – Weiblichkeit – mit konstruiert. Die zu Beginn angeführte Debatte über die Verteidigungsministerin ist also vor dem Hintergrund der gewachsenen Verknüpfung von Männlichkeit und Militär zu verstehen, die Männer qua Geschlecht kriegstauglich und Frauen friedfertig macht.

Die Ernennung einer Frau zur Verteidigungsministerin zeigt deutlich die Fortführung eines tiefgreifenden Wandels der Streitkräfte an, der mit Ende des Kalten Krieges beginnt. Der Wandlungsprozess beinhaltet zwei miteinander verbundene Entwicklungen. Erstens verändern sich die Kriegsgeschehnisse im Zusammenhang mit dem Ende des Kalten Krieges und damit auch der Soldatenberuf. Zweitens öffnet sich die Bundeswehr im Jahr 2001 für Frauen und ein Jahr später für Homosexuelle. Bereits im Jahr 2002 erklärt die Bundeswehr, dass die „Integration von Frauen erfolgreich abgeschlossen“ sei (Bundeswehr zitiert nach Apelt 2002: 325). Dieser Aussage kann nach wie vor nicht zugestimmt werden: Derzeit sind 9,7 Prozent Frauen in der Bundeswehr beschäftigt. Das selbstauferlegte Ziel der Bundeswehr von einem 15-prozentigen Frauenanteil konnte – mit Ausnahme des Sanitätsdienstes – bislang nicht erreicht werden.

  • [1] Die Begriffe „Geschlecht“ und „Gender“ verwende ich im Folgenden synonym
  • [2] In der soziologischen Geschlechterforschung wird zunehmend versucht, die lebenswirkliche Vielfalt von Frauen und Männern (im Singular und im Plural) und damit bestehende Begriffspaare wie „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ vor dem Hintergrund implizit biologistischer Zuschreibungen zu hinterfragen und dies auch sprachlich umzusetzen (z.B. durch „Frausein“ und „Mannsein“, vgl. Degele 2013). So sind ,Frau' und ,Mann' nicht als uniforme Kategorien zu verstehen, weshalb es auch weder ,die' Weiblichkeit noch ,die' Männlichkeit gibt (vgl. Meuser 2010: 158) – diese sind vielmehr von vielfältigen Konstellationen, etwa sozialen Milieus abhängig. Für das Militär ist das theoretische Konzept der hegemonialen Männlichkeit bedeutsam (vgl. Kap. 2.2.), das militärische Männlichkeit als kämpferisch in Relation zur zivilen Männlichkeit beschreibt. Auf der Identitätsebene der SoldatInnen unterscheiden sich aber auch Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit in Abhängigkeit von Organisationsbereich, Laufbahn und Verwendung. Entsprechend werden die Begriffe „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ in dieser Arbeit nicht uniform verwendet – die Verwendungsweise wird im jeweilen Kontext deutlich gemacht.
  • [3] Ich verwende die männliche Bezeichnung, wenn (wie an dieser Stelle) ausdrücklich männliche Personen gemeint sind. (Dies gilt auch für die weibliche Bezeichnung.) Um über Soldaten und Soldatinnen zu sprechen, verwende ich alternierend die Doppelform (z.B. Soldatin und Soldat bzw. Soldat und Soldatin). Sofern es den Lesefluß erleichtert, verwende ich synonym zur Doppelform die Binnen-I-Schreibweise (z.B. SoldatInnen). Einleitung
 
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