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4 Akteure und ihre Spielräume: Kontexte, Zielgruppen, Koalitionen

Policy-Diskurse sind nicht nur für die Definition politisch zu lösender Probleme zentral, sie weisen auch Personen oder kollektiven Akteuren eine bestimmte Rolle zu, sei es, dass diese überhaupt erst in eine Sprecherposition gebracht werden, dass ihnen Schuld oder Verantwortung zugeschrieben und/oder sie als Zielgruppe politischer Programme konstruiert werden. Das folgende Kapitel rekapituliert erstens die bereits aus den vorangegangenen Abschnitten bekannten Differenzen innerhalb post-positivistischer Arbeiten dahingehend, ob sie ihren Fokus auf handelnde und wissende Akteure richten, die dem Diskurs vorgängig sind, oder ob sie eine stärkere Betonung auf die Subjektwerdung durch den Diskurs legen (4.1). Unter 4.2 wird mit dem Konzept der „Tradition“ ein zwischen beiden Strömungen vermittelnder Zugriff eingeführt. Des Weiteren wird unter 4.3 die Rolle des (diskursiven) Kontextes als diskursiver Möglichkeitsraum beleuchtet.

Ein etwas anders gelagerter Ansatz, der unter 4.4 vorgestellt wird, begibt sich von der Ebene des Diskurses fort zur konkreten Analyse einzelner Policies und untersucht, welche Konstruktion von Zielgruppen mit ihnen verbunden ist. Die Arbeiten beleuchten, inwiefern Policies eine Botschaft darüber aussenden, was Regierungen tun sollten, welche Bürgerinnen und Bürger berechtigte Ansprüche haben und welche Art von politischer Beteiligung bei den verschiedenen Gruppen angemessen ist.

Für diskursspezifische Akteurskonstellationen interessiert sich Hajer (1995), der für eine Analyse von Diskurskoalitionen plädiert. Das Kapitel schließt mit einer Unterscheidung zwischen diesen Diskurskoalitionen und Paul Sabatiers Advokaten-Koalitionen, die die divergierenden Grundannahmen zur Handlungskoordination sowie zwischen interpretativen und neo-positivistischen Ansätzen erhellt (4.5).

4.1 Einleitung

Die unter dem Dach interpretativer Policy-Forschung vereinten heterogenen Zugänge weisen unterschiedliche und sich teils widersprechende Vorstellungen von der Rolle des Subjektes auf. Dabei interessiert sich die interpretativ-hermeneutische Tradition für an Akteure gebundene Interpretationen, Überzeugungen und Deutungsmuster. In Anlehnung an Berger und Luckmann geht sie von einer von Menschen selbstproduzierten sozialen Ordnung aus, die über Institutionalisierung, Objektivierung und Legitimation als objektiv, äußerlich und quasi naturgegeben erfahren wird (Knorr-Cetina 1989, S. 87). Für andere wiederum sind Ideen und ihre Kommunikation eine von bewusst handelnden Akteuren verwendete Ressource. Der Diskurs ist damit den Akteuren nachgeordnet, diese können strategisch ihre Sicht der Dinge zur Überzeugung einsetzen. Beiden Strömungen gemein ist die Wichtigkeit von Handlungsfähigkeit und Handlungsträgerschaft (Keller 2012, S. 7). Das Forschungsinteresse ist damit auf Verständnisse und Deutungen sozialer Akteure gerichtet, auf die claims-maker und Problematisierer: „For interpretivists political subjects are seen as ‚agentic', that is, as sovereign or foundational subjects, who stand outside of and shape ‚reality'“ (Bacchi 2015, S. 3).

Am entgegengesetzten Ende des Spektrums stehen die poststrukturalistischen, anti-essentialistischen Zugänge, die auch die Subjekte selbst als diskursiv konstruiert betrachten. Der Poststrukturalismus gibt das Subjekt als Substanz oder vorgängige Bedeutungseinheit zugunsten einer Vorstellung vom Subjekt als Effekt von Differenzen (Derrida) oder Wissens-Macht-Strukturen (Foucault) auf (Allolio-Näcke 2010, Abs. 13). Eng mit diesen grundsätzlichen Überlegungen verbunden sind unterschiedliche Annäherungen an politische Handlungsund Gestaltungsfähigkeit und damit die Möglichkeit des Wandels (zum unterschiedlichen Verständnis siehe auch 1.5). Insbesondere Carol Bacchi (2015, S. 3), die sich in der Tradition Foucaults verortet, betont die antiessentialistische, prekäre, widersprüchliche und prozesshafte Subjektivität. Objekte und Subjekte werden für sie in Verordnungen und Dekreten, also in Policies, produziert. Sie grenzt sich deutlich stärker von einem interpretativhermeneutischen Verständnis ab, als dies die Vertreter der Essex School tun:

Soziale Bedeutung ist auch für die poststrukturalistischen Arbeiten der Essex School (siehe 3.4.3) weder natürlich noch basiert sie auf einer gesellschaftlichen Realität oder einer bestimmten menschlichen Essenz (Torfing 2002, S. 54). Selbst die sedimentiertesten Praktiken, Objekte und Kategorien des policy-making gelten der poststrukturalistischen Policy-Analyse als ambivalent und zufällig. Dies gilt auch für die Subjekte selbst: Die poststrukturalistische Policy-Analyse untersucht, wie Subjekte formiert werden durch den politischen Prozess, in dem sie zugleich handeln. Es geht dabei um die Frage nach der Einbindung der Subjekte in Diskurse einerseits und die Subjektkonstitution durch Diskurse andererseits (Keller 2005b,

S. 159). Die Arbeiten lehnen jegliche Vorstellung von Essentialismus ab, der unterstellt, dass Objekte, soziale Formationen, aber auch menschliche Subjekte selbst eine zugrundeliegende, fixierte Essenz hätten. Insbesondere problematisieren sie „the idea that a society, human subject or the objects that we encounter in social life, have fixed essences that exhaust what these entities are“ (Laclau und Mouffe 1985). Demgegenüber unterstreichen sie die Nichtnotwendigkeit und Historizität der vermeintlichen Objektivität sowie den Vorrang von Politik und Macht in deren Formierung (Howarth und Stavrakakis 2000, S. 6).

Obgleich sowohl Carol Bacchis Zugang als auch der Ansatz der Essex School als poststrukturalistisch zu bezeichnen wären, kennen die Autorinnen und Autoren der Essex School aber dennoch eine Form der politischen, handlungsfähigen Subjektivität (Bacchi 2015, S. 4): Denn obschon Subjekte nach poststrukturalistischem Verständnis mit ihren Intentionen, Identitäten, Interessen nicht der Produktion von Bedeutung vorausgehen wie in einem interpretativ-hermeneutischen Verständnis, sind Diskurse selbst immer historisch, veränderlich und umkämpft:

„Diskurse sind genauso Produkte politischer Kämpfe und Auseinandersetzungen wie Identitäten Produkte von Diskursen“ (Braun 2014, S. 95). Die Diskurstheorie der Essex School differenziert nämlich zwischen Subjektpositionen auf der einen und politischer Subjektivität auf der anderen Seite, um deren Positionierung in einer diskursiven Struktur einerseits und deren Handlungen andererseits Rechnung zu tragen. Damit teilen Laclau und Mouffe Althussers Kritik an der Vorstellung eines geschlossenen Subjekts, das die Quelle seiner eigenen Ideen und Handlungen sei. Anstelle eines homogenen Subjektes mit bestimmten Interessen steht bei ihnen die Möglichkeit jedes „konkreten Individuums“, eine Reihe verschiedener Subjektpositionen einzunehmen. Ein bestimmter empirisch auffindbarer Akteur kann zu jedem Zeitpunkt beispielsweise positioniert sein oder sich identifizieren als „schwarz“, „Mittelschicht“, „Christ“ und „Frau“. Während also das Konzept der Subjektposition der vielfältigen Arten Rechnung trägt, auf denen Handelnde als soziale Akteure produziert werden, wird unter dem Schlagwort der politischen Subjektivität danach gefragt, wie soziale Akteure handeln. Dabei ist das politische Subjekt weder determiniert durch die Struktur, noch konstituiert es die Struktur. Vielmehr ist das politische Subjekt gezwungen, Entscheidungen zu treffen oder sich mit bestimmten politischen Projekten und den mit ihnen einhergehenden Diskursen zu identifizieren, wenn soziale Identitäten in die Krise geraten und Strukturen neu etabliert werden müssen. Die Herausbildung politischer Subjektivität ist das Ergebnis der Unvollständigkeit der Struktur (Howarth und Stavrakakis 2000, S. 13–14).

 
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