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Forschungsbeispiel

Der Kontextbruch, auf dem Metaphern beruhen, bedeutet forschungspragmatisch, dass nicht ein Wort, sondern „die Stelle“ die Metapher ausmacht (Gehring 2009, S. 204). Hülsse (2003) verwendet hierfür den Begriff des Ko-Textes, der die Umgebung der Metapher, den Satz oder Absatz bezeichnet. Zur Analyse der Metapher wird den Forschenden geraten, sich „dumm zu stellen“, also in eine Person hineinzuversetzen, die eine Metapher zum ersten Mal hört (Hülsse 2003, S. 228). Für eine Metaphernanalyse der EUErweiterung schlägt Hülsse (2003) folgende Schritte vor:

• Zunächst erfolgt eine Sichtung des gesamten Korpus, um die verwendeten Metaphern zu inventarisieren und zu Gruppen zusammenzufassen (Hülsse 2003, S. 230). In seiner Untersuchung des Erweiterungsdiskurses konnte der Autor im Wesentlichen vier Arten von Metaphern aufdecken, nämlich Haus-, Weg-, Beziehungsund organische Metaphern.

• In einem weiteren Schritt erfolgt die Untersuchung der Mikro-Ebene, also der Metaphern in ihrem Ko-Text. Ergebnis ist eine Zusammenschau der verschiedenen Arten von Metaphern und ihrer Konstruktionen.

• Schließlich erfolgt eine Untersuchung der intertextuellen Bezüge: Gibt es Gemeinsamkeiten der einzelnen Metaphern? Hier ließ sich zeigen, dass mit allen Metaphern die EU-Erweiterung als langwieriger und asymmetrischer Prozess, aber auch als Identitätsfrage gezeichnet wird.

• In einem abschließenden Analyseschritt wird gefragt, an welche Diskurse angeknüpft wird, wobei es in diesem Fall deutliche Bezüge zum Diskurs über die europäische Identität insgesamt gab (Hülsse 2003, S. 231). Staaten wurden regelmäßig als Menschen gefasst und über Heimkehrmetaphern anthropomorphisiert. Die Rede vom „Zusammenwachsen“ deutete die Osterweiterung als Heilungsprozess. Europa wird damit als natürliche Identität konstruiert, die Zugehörigkeit ist naturgegeben und jedweder sozialer Handlung vorgängig (Hülsse 2003, S. 233).

Kritik

Angesichts der Allgegenwart von Metaphern besteht die Gefahr, dass sich unerfahrene Forschende auf ihr Auffinden beschränken. Das Ergebnis ist eine Art von Analyse, die Czarniaswka mit Solow ironisierend als „Look, Ma, there is a metaphor!“ zusammenfasst (in Wagenaar 2011, S. 209). Forschung dürfe sich nicht hierauf beschränken, sondern müsse die Konsequenzen ihrer Verwendung aufzeigen.

 
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