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Forschungsbeispiele

Bliesemann de Guevara und Kühn (2015) nehmen urban legends, also moderne Sagen, die angeblich „dem Freund eines Freundes“ passiert sind, als Ausgangspunkt für eine Untersuchung von Meta-Narrativen, die verschiedenen Militärinterventionen zugrunde liegen. Dabei zeigen sie, wie die modernen Legenden an drei Meta-Narrative anknüpfen können, die das Selbstbild der Intervention prägen: Solche Legenden, die die Bevölkerung im Einsatzland als barbarisch zeichnen, diejenigen, die um das Meta-Narrativ westlicher Hybris kreisen, und solche, die kulturelle Missverständnisse und ein Scheitern der Intervention betonen.

Forschungspraktische Hinweise für eine Verknüpfung theoretischer Grundlagen und methodischer Umsetzung einer „narrativen Diskursanalyse“ liefert Willy Viehöver (2004), der sich als Soziologe mit prinzipiell an die Policy-Analyse anschlussfähigen Fragestellungen befasst. Er geht davon aus, dass narrative Schemata Regelsysteme sind, die Diskursen einerseits Bedeutung und Kohärenz verleihen, aber andererseits das Potenzial zur Veränderung und Transformation von Wissensordnungen beinhalten. Erzählungen sind bei ihm nicht zeitlos oder von der Praxis der Akteure entkoppelt, weshalb er auch von der Praxis der Narrativisierung spricht (Viehöver 2004, S. 236). Dabei unterstellt er Diskurskoalitionen mit unterschiedlichen Konstruktionsund Rezeptionspraktiken (Viehöver 2004, S. 238; zu Diskurskoalitionen nach Hajer siehe 4.5) und arbeitet sechs unterschiedliche Perspektiven, den globalen Klimawandel zu narrativisieren, heraus (Viehöver 2004, S. 242).

Kritik

Die Untersuchung von Meta-Narrativen als geteilten Referenzpunkten ist nur schwer von dem abzugrenzen, was in anderen Kontexten als frame bezeichnet wird. Bei der Benennung „Farbigkeit“ beispielsweise handelt es sich streng genommen nicht um eine Erzählung, da der Plot fehlt. Im englischen Sprachraum scheint der Begriff Narrativ freizügiger verwendet zu werden als in deutschen Texten. Eine weitere offene Frage besteht darin, wie die Auslassung von bestimmten Ereignissen in einer Erzählung zu bewerten ist. Während einerseits die Deutung plausibel ist, dass durch das Verschweigen von bestimmten Sachverhalten abgelenkt werden soll, formulieren Patterson und Monroe (1998) die ebenso einleuchtende These, dass das Unerwähnte möglicherweise gerade das vom Sprecher für selbstverständlich Gehaltene sein könne. Die Auslassungen könnten einen Hinweis darauf geben, was als geteiltes Wissen gilt darüber, wie die Welt funktioniert.

 
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