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3.6 Die Analyse von Erzählungen und Narrativen

Der Begriff der Erzählung blieb lange auf die literaturwissenschaftliche Erzähltheorie, die Narratologie, beschränkt (Gadinger et al. 2014, S. 3). Seit einigen Jahren erkennt jedoch auch die Policy-Analyse, dass Erzählungen als zentrales diskursstrukturierendes Regelsystem fungieren (Gadinger et al. 2014, S. 23; für die Politikwissenschaft allgemein siehe Hofmann et al. 2014). Diskurse sind durch wiederkehrende Muster überhaupt erst als solche zu erkennen. Dabei kann zwischen der Narration als Prozess, also der erzählenden Aktivität, und dem Narrativ als dessen Produkt und Struktur unterschieden werden (Gadinger et al. 2014, S. 21). In einem engeren Verständnis stellen Narrative ein Verhältnis zwischen verschiedenen Aussagen her. Eine zentrale Grundeigenschaft des Erzählens liegt nämlich im Emplotment. Hierunter wird die Herstellung einer sequentiellen Ordnung (Koschorke) verstanden. Das bedeutet, dass ein Sachverhalt als eine Aufeinanderfolge von Ereignissen oder Erscheinungen porträtiert wird (Fischer und Gottweis 2012b, S. 12). Dabei wird einerseits eine zeitliche Reihenfolge (Anfang, Mitte, Ende) einer Handlung hergestellt, zugleich geht mit diesem Ereignisverlauf implizit oder explizit auch die Unterstellung einer kausalen Verknüpfung (etwas passierte, weil…) einher. Diese Erzählungen vermitteln den Eindruck von Klarheit, Stabilität und Ordnung (Gottweis 2006, S. 468).

3.6.1 Verschiedene Varianten der narrativen Analyse

Insbesondere für die Untersuchung von Problematisierungen, also der Konstruktion von Problemen, kann die Beschäftigung mit Narrativen gewinnbringend sein. Schon Neustadt und May (1986, S. 274) rieten: „Don't ask ‚What's the problem,' ask ‚What's the story?' That way you'll find out what the problem really is.“ Die Kraft der Narrative besteht darin, verschiedene Elemente, Ereignisse oder Personen erzählerisch zu verknüpfen und beispielsweise durch die Benennung einer Problemursache nur ein begrenztes Set an Handlungsvorgaben plausibel erscheinen zu lassen (Gadinger et al. 2014, S. 25). Zugleich kann schon die Wahl eines Ereignisanfangs für eine Erzählung ein machtpolitischer Akt sein, da etwa in der Darstellung einer Konfliktsituation eine Vorentscheidung getroffen wird, was in die „Gesamtrechnung von Schuld und Rache“ (Koschorke) einbezogen wird (Gadinger et al. 2014, S. 12). Erzählungen vereinfachen, indem sie disparate Ereignisse in einen Zusammenhang stellen, spezifische Akteurskonstellationen – vor allem Protagonisten und Antagonisten – produzieren und somit bestimmte Handlungen als richtig erscheinen lassen (Gronau und Nonhoff 2011, S. 4). Narrative stellen menschliche Handlungen und deren Effekte dar: Der britische „Thatcherismus“ etwa beinhaltete ein Krisennarrativ, auf das die „Eiserne Lady“ Thatcher eine heldenhafte Antwort darstellte, während das wesentliche Narrativ des Blairism in einen weiteren Wandel von alt zu neu, in ein weiteres Modernisierungsnarrativ eingebettet war (Finlayson 2007, S. 557).

Die narrative Analyse bemüht sich um eine Gesamtschau der Diskussionen und möchte dabei spezifische inhaltliche Muster aufzeigen. Dieses Vorgehen sucht in verbalen und schriftlichen policy-relevanten Quellen nach Geschichten, die eine typische Erzählstruktur, nämlich Anfang, Mitte und Ende aufweisen. Damit versucht die Analyse herauszuarbeiten, wie einzelne Ereignisse zu einem synchronen Sinnganzen mit kohärenter Argumentationsbzw. Ablaufstruktur geordnet werden. Die Untersuchung deckt Legitimationsoder Rationalisierungsstrategien sowie die Begründung von Entscheidungen mit historischer Notwendigkeit und analogen Szenarien auf und stellt heraus, wie ordnende Ideen als Sinnklammern plot-bildend wirken (Schneider und Janning 2006, S. 173).

Mittels dieser Erzählungen wird eine Situation als politisches Problem wahrgenommen oder nicht (Hajer 2002, S. 63). Insofern Narrative definiert werden als Erzählung einer Sequenz von Ereignissen, in der ein Ereignis die Transition von einem Zustand in einen anderen darstellt, bringen sie einzelne Sinneinheiten nicht nur in eine kausale und normative Ordnung sowie in eine Beziehung der Äquivalenz oder Opposition, sondern organisieren zudem zeitliche Abläufe auf spezifische Weise. Mit der Benennung von (zurückliegenden) Problemursachen, (gegenwärtigen) Verantwortlichkeiten und (in die Zukunft weisenden) Zielvorstellungen werden in Narrativen immer auch Relationierungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft transportiert (Barbehön und Münch 2014, S. 150). Da ein einziges Policy-Dokument in der Regel kaum alle offiziellen Standpunkte zu einem Thema abdecken wird, greifen viele Forscherinnen und Forscher auf eine aggregierte Analyseeinheit anstelle eines einzelnen Textes zurück. Die Analyse der Erzählung bezieht sich dann nicht auf ein Dokument allein, sondern rekonstruiert diese über verschiedene Texte hinweg (van Eeten 2007, S. 253). Yanow (1995, S. 113) bezeichnet dieses als „konstruierten Text“, den sie vom „verfassten Text“ ( authored text) abgrenzt.

Policy-Probleme werden als kohärente „Geschichten“ erzählt, in denen Helden, Bösewichte und unschuldige Opfer auftreten. Diese Funktionen und Rollen, die nicht nur von menschlichen Akteuren, sondern auch von abstrakten Elementen ausgefüllt werden können, werden von manchen Autoren mit dem Semiotiker Algirdas Julien Greimas als Aktanten bezeichnet (Wrana et al. 2014, S. 24; Gadinger et al. 2014, S. 34).

Es muss eingeräumt werden, dass der Begriff der narrativen Policy-Analyse ganz verschiedene Ansätze umfasst. Mit der Untersuchung von policy narratives ist oftmals eine implizite oder explizite Kritik am vorherrschenden Narrativ verbunden, die sich vor allem auf die Problemdefinition und die Evaluation einer Policy bezieht (van Eeten 2007, S. 254). Gegenstandpunkte werden als Gegenerzählungen ( counterstories) gelesen (Schneider und Janning 2006, S. 174). Ein weiterer Zugang bewertet die Qualität eines Narrativs nach der logischen Kohärenz der Geschichte (Fischer 2003, S. 166). Wichtiges Kriterium für die Überprüfung des Wahrheitscharakters einer solchen Erzählung sind der Konsistenzund Vollständigkeitstest im Hinblick auf fünf narrative Kernelemente. Diese sind „agent, act, scene, agency, and purpose“, also die Fragen nach dem wer, was, wo, wie und warum (Kaplan 1993, S. 178). Das Fehlen eines dieser zentralen Elemente deutet dann auf Argumentationsschwächen hin. Kaplan (1993, S. 179–181) trägt selbst einen wesentlichen Vorbehalt gegen eine solche Analyse vor: Ein solcher Plot kann nur auf die Vergangenheit bezogen werden und nie für die Zukunft gelten. Ein weiterer Kritikpunkt nach Durning (1995, S. 105) zielt darauf ab, dass Kaplan nicht die Frage beantworte, an wen und mit welchem Motiv sich die Geschichten richten.

Andere Autorinnen und Autoren versuchen wiederum, das Meta-Narrativ herauszuarbeiten, „a story that can account how the conflicting policy narratives on a certain issue can all be the case at the same time“ (van Eeten 2007, S. 256). MetaNarrative in einer bestimmten Gesellschaft konstituieren das politisch Imaginäre, eine kognitive Landkarte und begleitende Werte. Es handelt sich um ein soziales Konstrukt, das Teil des Repertoires politischer Visionen und Identifikationen ist. Es besteht aus den geläufigsten Repräsentationen, Erzählungen und Idealen, die einen bestimmten sozialen Raum und seine Grenzen definieren (Gottweis 2006, S. 469). Der Begriff „Meta-Narrativ“ bezeichnet dann einen geteilten Referenzpunkt, das Strukturmuster, das einzelnen und eventuell sogar widerstreitenden Aussagen zugrunde liegt (vgl. Roe 1994, S. 2). Wenn beispielsweise ein Narrativ „schwarz“ laute und das konkurrierende Narrativ „weiß“, so heiße das Meta-Narrativ „Farbigkeit“ (van Eeten 2007, S. 256).

 
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