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3.5 Frames und Framing

Hinter der Bezeichnung frame-Analyse verbergen sich nicht zuletzt durch die Adaption des Begriffs durch die Medienwissenschaft, die Forschung zu sozialen Bewegungen und Organisationsstudien zuweilen sehr unterschiedliche Zugänge. Für das Feld der Policy-Forschung sollen frames oder Rahmen hier mit Goffman (1974) als einem der Schlüsselautoren als „Interpretationsschemata“ eingeführt werden. Während der Begriff frame als Substantiv eine gewisse Statik und somit ein Interesse an den Inhalten impliziert, beschreibt das Verb framing eher einen dynamischen Wandel und interpretative Prozesse (Yanow 2000, S. 13, van Hulst und Yanow 2014). Framing wird dabei verstanden als ein Akt der Auswahl, Organisation, Interpretation und Herstellung von Sinn in einer komplexen Realität, um Wegweiser für Wissen, Analyse, Überzeugung und Handlung zu liefern. Die Interpretation bestimmter Policy-Themen entlang bestimmter Rahmen wird unter dem Schlagwort framing zuweilen durchaus als intentionale Handlung gefasst (vgl. Rein und Schön 1993, S. 158), gerade auch in der Literatur zu Sozialen Bewegungen und deren „Bedeutungsarbeit“. Framing gilt in diesen Arbeiten neben Ressourcenmobilisierung und politischen Gelegenheitsstrukturen als wesentlich, um Charakter und Entwicklungen verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationsformen zu verstehen. Framing bezeichnet dann den Kampf um die Produktion, Mobilisierung und Gegenmobilisierung von Ideen und Bedeutungen (Benford und Snow 2000, S. 613). Das Ergebnis dieser Prozesse, die collective action frames, teilen mit den frames, dass Aspekte der äußeren Welt vereinfacht und kondensiert werden; dies geschieht aber auf eine strategische Art, die potentielle Unterstützer mobilisieren und Antagonisten demobilisieren soll (Benford und Snow 2000, S. 614).

3.5.1 Frame-Analyse nach Rein und Schön

Unter den Arbeiten der argumentativen Wende werden insbesondere Rein und Schön (1993) mit dem Begriff frame in Verbindung gebracht. Ein Rahmen ist demnach eine Perspektive, aus der eine amorphe, unklar definierte, problematische Situation Sinn ergibt und auf sie reagiert werden kann. Frames führen zu verschiedenen Sichtweisen auf die Welt und erzeugen eine Vielzahl sozialer Realitäten (Rein und Schön 1993, S. 146–147). Ein Sachverhalt kann gänzlich verschieden gefasst werden, durch unterschiedliche Rahmung verschieden konstruiert werden. So macht es beispielsweise einen Unterschied, ob Drogenabhängigkeit in einem medizinischen oder einem rechtlichen Rahmen gefasst (Fischer 2003, S. 43) oder Armut als ökonomisches oder moralisches Problem gerahmt wird (Finlayson 2007, S. 555).

Eine Policy-Kontroverse, die auf widerstreitende frames zurückgeht, ist demnach also kein Streit über Ziele und Mittel zur Lösung eines Problems, sondern basiert auf grundsätzlich unterschiedlichen Konstruktionen dessen, welcher Art eigentlich das Problem ist (Healy 1986, S. 383–384; Fischer 1993). Diese Komplexität hat dazu geführt, dass Probleme als „komplex“, „wicked“ oder „squishy“ bezeichnet werden (Dery 1984, S. 7). Diese Art von Konflikten sind schwer beizulegen, denn die frames entscheiden darüber, was überhaupt als Evidenz gelten kann und wie diese Befunde interpretiert werden (Rein und Schön 1993, S. 145). Bei der Untersuchung von Rahmen geht es dementsprechend weniger um einzelne Problematisierungen, sondern um zugrundeliegende Deutungsmuster. Da in Rahmungen Fakten, Werte, Theorien und Interessen zusammenfallen, ist es ein zentraler Unterschied, ob beispielsweise Ausschreitungen als Fragen der Integration, des Gesetzesverstoßes oder als moralischer Verfall gerahmt werden (Soroka 2007, S. 189).

„Given the multiple social realities created by conflicting frames, the participants not only disagree with one another but also disagree about the nature of their disagreements“ (Rein und Schön 1991, S. 262). Rein und Schön (1993, S. 148) empfehlen, konfligierende frames über die Geschichten aufzudecken, die Akteure erzählen, in denen durch Benennung ( naming) und Rahmung ( framing) kausale Zuschreibungen mit spezifischen Handlungsempfehlungen verknüpft werden und der normative Sprung von dem, was ist, zu dem, was sein soll, hergestellt wird. „These problem-setting stories, frequently based on generative metaphors, link causal accounts of policy problems to particular proposals for action and facilitate the normative leap from ‚is' to ‚ought'“ (Rein und Schön 1993, S. 148). Die Benennung ( naming) eines Sachverhaltes richtet die Aufmerksamkeit auf bestimmte Elemente eines Problems und blendet andere aus. „The complementary process of naming and framing socially constructs the situation, defines what is problematic about it, and suggests what courses of action are appropriate to it“ (Rein und Schön 1993, S. 153). Die Definition des zugrunde liegenden Problems bestimmt also gleichzeitig die Lösungswege; Diagnose und Prognose sind eng gekoppelt.

Rein und Schöns Ansatz trägt nicht nur analytische Züge, sie wollen mit ihrem Konzept der frames durch Kenntnisse über Denkschemata und Grundpositionen der Akteure schlichtend bzw. rationalisierend in ideologisch aufgeladene Kontroversen eingreifen (Schneider und Janning 2006, S. 176). Sie gehen dabei der Frage nach, warum Kontroversen oftmals langwierig und relativ immun gegenüber Lösungsalternativen sind und selten wirklich gelöst werden. Frames basieren auf spezifischen Selektionsprinzipien, die darüber entscheiden, was in einer Fülle von Informationen als bedeutungsvoll und letztlich existent wahrgenommen wird. Policy-Kontroversen entstehen aus konfligierenden frames, denn dasselbe Beweismaterial kann ganz unterschiedliche Policy-Positionen unterstützen.

Policy-Auseinandersetzungen entstehen meist in Verbindung mit Regierungsprogrammen, die wiederum in einem bestimmten Policy-Umfeld stehen, das seinerseits Teil einer weiteren politischen und ökonomischen Situation ist, die wiederum in einer historischen Ära liegt. Der Erfolg eines frame hängt also von seiner kulturellen Resonanz ab (Benford und Snow 2000, S. 622). Es gilt daher nach Rein und Schön (1993, S. 154–155), vier verschiedene Kontexte zu berücksichtigen: Ein Programm kann als eigener interner Kontext fungieren, der sich im Zeitverlauf durch den Wechsel seines Personals oder seiner Klienten wandelt. Der nächste Kontext ist das Politikfeld, in dem ein Programm arbeitet. Der Makro-Kontext beinhaltet Richtungswechsel und Veränderungen der Institutionen. Diese Veränderungen auf Makro-Ebene müssen nicht unbedingt zu einem reframing der Policy führen, wohl aber zu einer symbolischen Neufassung. Über globale Kontextveränderungen heißt es lakonisch, sie seien schwerer zu fassen, aber ausgesprochen wichtig.

Kritik

Die Autoren Rein und Schön greifen zwar den Aspekt der verschiedenen Kontexte auf, in denen die verschiedenen frames eingebettet sind, in der Praxis führt die starke Fokussierung auf die Mikro-Ebene jedoch dazu, dass diese Kontextfaktoren, gerade auch weil sie nicht-sprachlicher Natur sein können, außer Acht gelassen werden. Der Ansatz ist mit weiteren Problemen behaftet. Laut Rein und Schön (1993, S. 151–152) sind frames so sehr Teil der natürlichen, als gegeben wahrgenommenen Welt, dass es oft nicht bewusst sei, welche Rolle sie für Wahrnehmung, Gedanken und Handlungen spielen. Es sei schwierig, zwischen Uneinigkeiten innerhalb eines frame und solchen über mehrere frames hinweg zu unterscheiden. Eine gängige Strategie bestehe in der politischen Praxis darin, sich an einen dominanten frame und seine konventionellen Metaphern anzukoppeln, in der Hoffnung, dadurch Legitimität für eine Vorgehensweise zu erlangen, die eigentlich durch andere Intentionen motiviert ist. Zudem besteht ein zentrales Problem darin, dass der gleiche Rahmen zu verschiedenen Handlungen führen und, andersherum, eine politische Handlung durchaus mit verschiedenen frames konsistent sein kann. Darüber hinaus ist es schwierig, zwischen tatsächlichen und potenziellen Veränderungen der Rahmen zu unterscheiden. Ein reframing kann ohne eine Kontroverse vonstattengehen, ebenso wie eine Kontroverse nicht notwendigerweise zum reframing führen muss. Ein großer Anteil von Policy-Veränderungen stellt lediglich eine Anpassung von frames an wechselnde Situationen dar. Das Konzept der Rahmen läuft zudem Gefahr, mit dem „Thema“ ( issue) gleichgesetzt zu werden oder eine empirische Ideologieanalyse auf recht generellem Niveau einzuleiten. Das Verdienst der Autoren Rein und Schön besteht in einer klaren theoretischen Konzeption, aber sie leisten nur wenig Hilfestellung, wie die Anwendung in der konkreten Forschungspraxis aussehen könnte (Gadinger 2003, S. 14).

 
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