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Retroduktion/Abduktion

Die poststrukturalistische Policy-Analyse strebt ausdrücklich nicht nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten oder Kausaltheorien, stellt aber eine Reihe allgemeiner Fragen: Wie können wir einen Diskurs oder eine diskursive Praxis beschreiben? Woraus ist der Diskurs erwachsen und wie wurde er geformt? Wie und warum wird er aufrechterhalten? Wann und wie wird er geändert? Und da die Political Discourse Analysis eine Form der Kritischen Theorie ist: Wie können Diskurse evaluiert und kritisiert werden (Howarth und Griggs 2012, S. 324)?

Abduktion ist der erste Schritt des Folgerns, ein kreatives Moment des Entdeckungszusammenhangs, an den Induktion oder Deduktion anknüpfen können, aber nicht müssen (Wrana et al. 2014, S. 16). Mit der Retroduktion oder Abduktion denkt man über die Form einer Erklärung nach und unter dem Schlagwort der Logik über die Inhalte derselben: „In contrast to induction and deduction, retroduction implies that the single most criterion for admitting a hypothesis, however tentatively, is that it accounts for the phenomenon or problem at stake“ (Glynos et al. 2009, S. 10).

Es geht also nicht darum, jeden empirischen Fall unter die eigenen theoretischen Konzepte und Logiken zu subsummieren. Anstatt eine bestehende Theorie auf empirische Objekte anzuwenden, sind die Arbeiten bemüht, ihre Konzepte in jedem konkreten Fall zu artikulieren, also zueinander ins Verhältnis zu setzen. Voraussetzung hierfür ist, dass die Konzepte und Logiken des theoretischen Rahmens offen und flexibel genug sein müssen, um angepasst, verändert und transformiert werden zu können (Howarth und Stavrakakis 2000, S. 5). Dennoch werden Ansprüche an die Erarbeitung und Bewertung des empirischen Materials gestellt: „the ultimate tribunal of experience is the degree to which its accounts provide plausible and convincing explanations of carefully problematised phenomena for the community of social scientists“ (Howarth und Stavrakakis 2000, S. 6).

Logiken kritischer Erklärung

Die „logics of critical explanation“ begreifen Glynos und Howarth (2007) als Antwort auf zwei Herausforderungen zeitgenössischer Sozialwissenschaften: einmal als Notwendigkeit, über das positivistische Streben nach kausalen Gesetzmäßigkeiten hinauszudenken. Diesem gehe es um Vorhersage und Deduktion und der historische Kontext werde regelmäßig übersehen. Und zweitens müsste ebenso über die beiden Hauptantworten auf das Kausalparadigma hinausgegangen wer- den. Dies sind zum einen solche Zugänge der kontextualisierten Selbstdeutung nach hermeneutischer Denkart, die die Partikularität des historischen Kontextes zu stark betonen. Zum anderen sind es solche Ansätze, die die Rolle von kausalen Mechanismen aus einer neo-positivistischen oder kritisch realistischen Tradition hervorheben und nicht aus dem Schatten des Kausalitäts-Paradigmas treten.

An ihre Stelle setzt die poststrukturalistische Policy-Analyse die verschiedenen Logiken, wobei sie zwischen einer sozialen, einer politischen und einer phantasmatischen Logik unterscheidet. Mithilfe der sozialen Logik wird eine Praxis oder ein Regime in verschiedenen Kontexten charakterisiert. Unter dem Aspekt der politischen Logik werden die dynamischeren Aspekte einer Praktik oder eines Regimes beleuchtet; das Aufkommen und die Formierung einer sozialen Praxis oder eines Regimes. In diesem Zusammenhang sind die Begriffe Äquivalenz und Differenz von zentraler Bedeutung, denn es geht um die Konstruktion von antagonistischen Beziehungen (Howarth und Griggs 2012, S. 330). Ausgehend von Laclau und Mouffe wird das Verbinden von Forderungen zu größeren politischen Projekten und Kräften beobachtet – dies ist die Logik der Äquivalenz – oder das Entkoppeln von Forderungen und ihre Zerlegung in einzelne, leichter zu bearbeitende Elemente – dies ist die Logik der Differenz.

Wandel und Kontinuität werden schließlich erklärt durch die phantasmatische Logik. Die politische Logik zeigt auf, wie soziale Praktiken auftauchen und transformiert werden, die phantasmatische Logik dagegen offenbart, wie bestimmte Praktiken und Regime Menschen gewinnen und für sich einnehmen können. Diese Logik will aufdecken, wie Subjekte zu Komplizen dahingehend werden, die radikale Kontingenz und Ungleichheit sozialer Beziehungen zu verschleiern (Glynos et al. 2009, S. 11). Das Ziel lautet nicht, eine Illusion oder ein falsches Bild zu entlarven. Stattdessen wird offenbart, wie Fantasien lehren, wie wir begehren sollen. Damit geht es den Arbeiten um eine Untersuchung bestimmter Narrative, die ideologische Geschlossenheit für ein Subjekt herstellen.

Die Autorinnen und Autoren differenzieren zur Analyse eine Reihe verschiedener Erzählungen, über die Zustimmung zu Diskursen und Praktiken mobilisiert wird: Zum einen gibt es jene Erzählungen, die eine kommende Erfüllung ( fullnessto-come) versprechen, sobald eine Hürde überwunden ist. Zweitens differenzieren sie die seligmachende Dimension ( beatific dimension), die eine Katastrophe vorhersagt, wenn ein Hindernis nicht überwunden werden kann. In der erschreckenden Variante ( horrific dimension) werden Bilder der Allmacht oder totalen Kontrolle angerufen. Während die seligmachende Erzählung Bilder der Schwäche und der Opfererbringung transportiert, wird der Andere in der erschreckenden Variante als bedrohlich oder störend präsentiert und muss ausgelöscht werden (Howarth und Griggs 2012, S. 322).

 
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