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3.4.1 Definition und Abgrenzung des Diskurs-Begriffs

Der Begriff Diskursanalyse ist vielfältig: Er bezeichnet nicht nur die Interpretation sozialer Makro-Diskurse, sondern auch die Analyse konkreten Sprachgebrauchs einschließlich linguistischer Pragmatik und ethnomethodologischer Konversationsanalyse (Keller 2005a: Abs. 1). Dies liegt zum Teil an einer unterschiedlichen Konnotation in verschiedenen Sprachen: Während discourse im angelsächsischen Raum ein einfaches Alltagsgespräch bezeichnet, steht er in den romanischen Sprachen für gelehrte Rede und wird als Erscheinungsund Zirkulationsform des Wissens analysiert (Keller 2005b, S. 95).

Exkurs: Michel Foucaults Grundlegung der Diskursanalyse

An die Verknüpfung von Diskursen und Wissen knüpfen insbesondere die älteren Arbeiten von Michel Foucault[1] an, in dessen Diskursbegriff an dieser Stelle in stark verkürzender und vereinfachender Weise eingeführt werden soll. Eine knappe Zusammenfassung kann dem Facettenreichtum seines Werkes einerseits und der kontinuierlichen Weiterentwicklung von Themen und Begrifflichkeiten im Laufe seiner Schaffenszeit andererseits kaum gerecht werden. Da seine Konzepte in der interpretativen Policy-Analyse eher in einer „Light“-Version[2] Verwendung finden (Wagenaar 2011, S. 117), soll dieser Versuch hier unternommen werden.

Foucaults Werk bewegt sich entlang dreier Achsen, nämlich entlang der Themen Wissen, Macht und Selbstverhältnisse. Dieses Schema wird häufig noch chronologisch geordnet (zur Kritik siehe Gehring 2004, S. 10), wobei im Folgenden vor allem die erste Phase im Fokus steht:

• die archäologische Phase mit Untersuchungen zu Wissensund Denksystemen in „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1973a [1961])[3], „Die Ordnung der Dinge“ (1971 [1966]) oder der „Archäologie des Wissens“ (1973b [1969]);

• die genealogische Phase der Machtanalysen in „Überwachen und Strafen“ (1976 [1975]) und schließlich

• die Wende zum Subjekt und den Technologien des Selbst in den letzten beiden Bänden der „Histoire de la sexualité“ (1986a [1984], 1986b [1984]) (Deutsch: „Sexualität und Wahrheit“) (Sarasin 2010, S. 12).

Foucaults Arbeiten entwerfen eine antiessentialistische Alternative zur Phänomenologie sowie zum Marxismus. Sie sind damit durch ein Misstrauen

gegenüber einer transzendentalen Subjektivität einerseits und gegen die vor-urteilende „Hermeneutik des Verdachts“ (Ricoeur) geprägt, die immer nur das Wirken der Produktionsund Klassenverhältnisse unterstellt (Keller 2005b, S. 125).

In seinem archäologischen Werk steht Foucault im Zeichen der Épistémologie, einer spezifisch französischen Ausprägung der Wissenschaftsphilosophie. Den Begriff Archäologie, so erläutert er, nutze er als Wortspiel für die Beschreibung des Archivs. Unter dem Archiv wiederum verstehe er „all die in einer Kultur gesagten Dinge, die aufbewahrt, als wertvoll erachtet, wiederverwendet, wiederholt und verändert worden sind“ (Foucault 2009a, S. 350). Im Zeichen des strukturalistischen Zeitgeists veröffentlicht er 1966 die „Ordnung der Dinge“. Dabei zeichnet er für Renaissance, Aufklärung, Romantik und Moderne spezifische sich ablösende Wissensordnungen, sogenannte „episteme“, nach (Keller 2005b, S. 103). Indem er epistemische Formationen herauspräpariert, verfolgt er nicht einfach eine sich wandelnde Rationalität oder sich wandelnde Ideen, sondern zeichnet die sich ändernden Gesichter der Wissensordnungen nach und stellt heraus, wie fundamental sich diese in verschiedenen Epochen unterscheiden (Gehring 2004, S. 48). Diese historisch spezifische Erkenntnislogik oder Wissensordnung legt er am Beispiel der Disziplinen Biologie, Ökonomie und Sprachwissenschaft frei. Mit deren Wandel ändert sich mehr als der Kenntnisstand eines Fachgebietes, es ändert sich ein ganzes Wirklichkeitsmuster (Gehring 2004, S. 51; Sarasin 2010, S. 71), das Verständnis dessen, was als natürlich und selbstverständlich erscheint. In der „Archäologie des Wissens“ präzisiert Foucault (1973b) sein Vorgehen und ersetzt den Begriff der Episteme durch den Begriff Diskurs. Die zentralen Fragen seiner Diskursanalyse lauten, warum dies und nicht etwas anderes gesagt wurde, warum es diese Ordnung der Aussagen und nicht eine andere gibt, warum nur dies gesagt wurde und nicht so viel anderes, was das „endlose Spiel der Zeichen“ ermöglichen würde (Sarasin 2010, S. 64).

Sein Diskurskonzept ist anti-hermeneutisch, denn für ihn gibt es Ordnungsmuster, die nicht auf das Bewusstsein zurückgeführt werden können (Sarasin 2010, S. 105). Die Frage, die er stelle, sei die nach den Ereignissen, führt er 1968 in einem Interview aus:

[D]as Existenzgesetz der Äußerungen, das, was sie möglich gemacht hat – sie und keine anderen an ihrer Stelle; die Bedingungen ihres singulären Auftretens; ihre Verbindung mit anderen früheren oder gleichzeitigen, diskursiven oder nichtdiskursiven Ereignissen. Auf diese Frage versuche ich indes zu antworten, ohne mich auf das verschwommene oder explizite Bewusstsein der sprechenden Subjekte zu beziehen; ohne die Diskurstatsachen auf den – vielleicht unfreiwilligen – Willen ihrer Urheber zu beziehen; ohne diese Intention des Sprechens zu beschwören (…). (Foucault 2009a, S. 51)

Foucault (1973b, S. 74) fasst Diskurse als Praktiken, die „systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen.“ Die Konstellation verschiedener Praxisformen nennt Foucault Dispositiv. Dies bezeichnet das Geflecht der kombinierten Diskursund Machtstrukturen, die Strukturen des Sprechens, die mit institutionellen, politischen und ökonomischen Verhältnissen korrespondieren und eine kohärente Praxis ermöglichen (Sarasin 2010, S. 103).

Foucault-Anhänger nutzen den Diskurs-Begriff daher meist nicht in einem engen Sinne von Text, sondern beziehen ihn eher auf die MakroOrdnung von strukturellen Diskursordnungen, die über längere Zeit hinweg vergleichsweise stabil sind (Mottier 2002, S. 59). Viele Diskursanalysen, gerade auch diejenigen innerhalb der Policy-Forschung, nutzen zwar Foucaults Begrifflichkeit, teilen aber nicht zwangsläufig seinen Fokus auf die Makro-Ebene. Dies kann zu Missverständnissen führen, wenn empirischen Arbeiten, die sich als Diskursanalyse bezeichnen, automatisch die Suche nach solchen abstrakten Wissensordnungen unterstellt wird, obwohl sie möglicherweise viel kleinteiliger einzelne Problemerzählungen in eng begrenzten Politikfeldern rekonstruieren.

Heterogen wie der Diskursbegriff selbst sind auch die Zielsetzungen, Forschungsinteressen und -fragen sowie methodologischen Zuschnitte, die mit der Diskursanalyse in der Policy-Forschung verbunden sind. Den Autorinnen und Autoren ist dabei in der Regel eine konstruktivistische Ausgangsposition gemein, die den weltkonstituierenden Charakter der Sprache in diskursiven Praktiken betont; ebenso ein post-positivistisches, deskriptiv-rekonstruktives Vorgehen,

das auf klassische Erklärungen durch unabhängige Variablen verzichtet, die verschiedenen Elemente und Dimensionen des Gegenstandsbereichs als sich wechselseitig konstituierend und stabilisierend bestimmt und sich nicht zuletzt auch zur Unhintergehbarkeit von Interpretationsprozessen bekennt (Keller et al. 2004, S. 10–11).

Die Arbeiten rekonstruieren, wie bestimmte Deutungen als mehr oder weniger kollektiv verbindlich institutionalisiert und damit als legitim festgeschrieben werden (vgl. Schwab-Trapp 2004, S. 170).

Während „Diskurs“ im deutschen Alltagsverständnis oft als thematisch bezogene öffentliche Auseinandersetzungen gefasst wird, herrscht in der Politikwissenschaft ein Konzept vor, das an der inhaltlichen Einheit des durch den Diskursbegriff Bezeichneten festhält. Nicht alles, was gesagt wird, ergibt in diesem Verständnis gleich einen Diskurs (Nullmeier 2001, S. 292). „Diskurs“ bezeichnet nicht nur ein System von Worten, sondern eine Einheit, die in sozialen, ökonomischen oder politischen Kontexten existiert (Gottweis 2006, S. 471).

A discourse, in this respect, is not just any collection of words or sentences. Rather it is an integration of sentences – spoken or written – that produces a meaning larger than that contained in the sentences that compose according to distinct patterns of reasoning. Physics, for example, is one kind of discourse; social science another; and law still another. (Fischer 2003, S. 74)

Diskurse stabilisieren – zumindest auf Zeit – Bedeutungszuschreibungen und Sinn-Ordnungen und institutionalisieren dadurch eine kollektiv verbindliche Wissensordnung in einem sozialen Ensemble (Keller 2004b, S. 7). Eine Analyse sucht dementsprechend den „Gleichklang der Motive und Themen sowie ein übergeordnetes Bedeutungsschema“ durch den Vergleich verschiedener Textsorten und Datenträger (Blatter et al. 2007, S. 78). Von der Inhaltsanalyse unterscheidet sich die Diskursanalyse durch ihre spezifische perspektivische Kontextualisierung der analysierten Materialien. Die Bedeutung eines Textes kann nur erkannt werden, wenn er als Bruchstück eines gesellschaftlichen Verständigungsprozesses wahrgenommen wird (Waldschmidt 2004, S. 156). Im Gegensatz zur Inhaltsanalyse handelt es sich nicht um die Analyse von manifesten Texteigenschaften. Stattdessen versucht die Diskursanalyse rekonstruierend von einer Materialmenge auf eine latente, soziohistorisch systematische Wissenspraxis zu schließen (Diaz-Bone 2006, S. 76–77). Diskurs geht aber nicht in Text auf, wie die poststrukturalistische Policy-Forschung betont:

For example, the discourse of new public management in the United Kingdom is not exhausted by the ‚talk' or language of new public management as it is expressed in policy guidance, ministerial speeches, or managerial textbooks. It includes a diverse array of actions and practices such as the measurement technologies of performance, the coaching practices of transformational leadership, the conventions and tasks of project management, and the competition of quasi-markets across the public sector. (Howarth und Griggs 2012, S. 308)

Mit dieser Erweiterung des Diskursbegriffs wird zugleich sein materieller Charakter unterstrichen, eine Unterscheidung zwischen objektivem Feld „draußen“ und dem Diskurs als bloßer Gedankenäußerung würde hier keinen Sinn ergeben (Hansen 2006, S. 21).

Während für manche Kritikerinnen und Kritiker die Diskursanalyse eine Abkehr von normativen oder demokratietheoretischen Prinzipien darstellt (Kerchner 2006, S. 34), scheint der interpretativen Policy-Analyse die Diskursanalyse als kritische Methode besonders geeignet, um zu zeigen, wie Policy-Initiativen von einer sozialpathologisierenden Problemkonstruktion begleitet werden. In positivistischer Sicht sind Policy-Dokumente unproblematische, eindeutige Quellen, um Policy-Probleme zu identifizieren und Lösungen zu unterbreiten. Kritische Untersuchungen zeigen hingegen, wie Sprache zur Konstruktion selektiver Darstellungen genutzt wird oder als Teil einer auf Überzeugung ausgerichteten Strategie zu verstehen ist, die darauf abzielt, die Leserinnen und Leser von der Angemessenheit der Policy-Reaktion zu überzeugen (Hastings 2000, S. 137). Die Diskursanalyse möchte dann zeigen, welches Wissen als wirklich behauptet wird und durch welche Deutungsschemata, Argumentationsmuster und Wertungen dies geschieht bzw. welche Ausschließungen anderer Deutungen durch den Diskurs vorgenommen werden. Es ist zudem zu klären, inwiefern die Problemkonstruktionen zum erklärenden Verständnis von konkreten Policies sowie deren Implementation und Evaluation beitragen können (vgl. Keller und Viehöver 2006, S. 109). Wie bereits unter 1.5 erläutert, unterscheiden sich die post-positivistischen Arbeiten, die den Diskursbegriff verwenden, dahingehend, ob der Diskurs als gezielte Ressource im Kampf um Bedeutung beeinflusst werden kann oder ob die Subjekte ihm nachgeordnet sind.

Ein weiterer Klärungsbedarf der Diskursanalyse besteht in der forschungspraktischen Umsetzung (Keller und Viehöver 2006):

• Wie grenzt man das Material ein? Geht es um das Nachzeichnen einer öffentlichen Debatte, um die durch Medien transportierten Deutungsmuster, um Parlamentsdebatten oder die impliziten Argumentationsmuster innerhalb einzelner Programmentwürfe oder Policy-Dokumente? Eine Eingrenzung der Datenerhebung kann etwa durch die Festlegung der Kommunikationsbereiche (wissenschaftlich oder öffentlich), des Teildiskurses (beispielsweise Klimawandel oder Ozonabbau) sowie der Textsorte (Zeitungsartikel oder Protokolle) erfolgen (Viehöver 2004, S. 243).

• Wie werden Kontextinformationen gewonnen? Geschieht dies über Sekundärliteratur, durch „Helikopterinterviews“ mit Personen, die einen Überblick über den Bereich besitzen (Hajer 2008, S. 221) oder durch vorherige Erfahrungen

„im Feld“ (Yanow und Schwartz-Shea 2006, S. xvi)?

• Wie wird der Diskurs rekonstruiert? Geht es darum, im Sinne einer „Diskursethnographie“ (Keller 2005b) den Verlauf einer Debatte und die verschiedenen widerstreitenden Positionen nachzuzeichnen, oder wird versucht, kategorienge-leitet das jeweilige Interpretationsrepertoire an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzudecken? Dies könnte etwa durch konkrete Fragen an das Material erfolgen, wie danach, wem oder was eine Schuld am beobachteten Problem zugeschrieben wird, wer diskursiv als Problemlöser legitimiert wird etc.

Zur Erhellung dieser forschungspraktischen Fragen sei insbesondere auf die Arbeiten von Reiner Keller (2004a, 2005b) und seine „Wissenssoziologische Diskursanalyse“ verwiesen. Dieses Programm weist eine hohe Nähe zur interpretativen Politikfeldanalyse auf (Rüb 2006, S. 345).

  • [1] Für eine umfassende Foucault-Einführung sei auf Gehring 2004 und Sarasin 2010 verwiesen
  • [2] Aus diesem Grund wird Foucault auch an dieser Stelle als Urvater sehr verschiedener Varianten von Diskurs-Analyse vor die Klammer gezogen und nicht unter dem Abschnitt zur poststrukturalistischen Policy-Analyse behandelt. Obgleich Foucault oftmals als poststrukturalistisch eingeordnet wird, beziehen sich die Arbeiten der sich selbst so etikettierenden poststrukturalistischen Diskursanalyse innerhalb der Policy-Analyse überwiegend auf andere Werke als auf seine
  • [3] Die Jahreszahlen beziehen sich auf die deutsche Erstausgabe, die Angabe in den eckigen Klammern auf das französische Original
 
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