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3 Diskurse, Frames, Argumente – Kernkonzepte interpretativer PolicyAnalyse

Während sich die Entwicklung der interpretativen Policy-Forschung in Deutschland vor allem unter den Schlagworten Ideen und Wissen vollzogen hat (Kap. 2), ist die gewachsene Offenheit gegenüber Formen der Konstruktion von Wirklichkeit insbesondere in der englischsprachigen Policy-Analyse mit einer Etablierung des Diskursbegriffes einhergegangen. Diese Form der PolicyAnalyse beginnt mit dem Befund, dass unterschiedliche Diskurse, Definitionen und Fragestellungen in Bezug auf einen bestimmten Sachverhalt zu verschiedenen Policy-Empfehlungen führen. Die interpretative und argumentative PolicyAnalyse steht im Zeichen der linguistischen Wende, deren zentrale Erkenntnis darin besteht, dass Sprache die Welt nicht abbildet, sondern sie selbst konstituiert (Gadinger 2003, S. 3; Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 46). Mit diesem Fokus auf die diskursiven Konstruktionen werden die Rollen von Sprache, Diskurs, Argumentation und Rhetorik in den Mittelpunkt gerückt. Besonderes Interesse genießt dabei die Frage, wie unterhalb einer scheinbar neutralen, apolitischen Oberfläche normative Vorannahmen operieren (Fischer 2003, S. 14). Das folgende Kapitel

• führt in die zentralen Begriffe interpretativer Policy-Analyse ein,

• stellt anhand dieser Konzepte die mit ihnen verbundenen Autorinnen und Autoren vor

• und liefert Beispiele für die konkrete Forschungsarbeit mit diesen Ansätzen.

Das Kapitel beginnt bei übergeordneten Konzepten und Analyseeinheiten (Bedeutung, Argumentation, Diskurs und frame) und bewegt sich über kleinteiligere Schlüsselbegriffe (Erzählungen, Problematisierung, Metaphern, Rhetorik) zu denjenigen Analysen von Deliberation und Performanz, die expliziter noch als die ersteren einfordern, über die Untersuchung von Texten hinauszugehen. [1]

3.1 Einleitung

Die interpretative Policy-Analyse zeichnet sich durch eine enge Verschränkung von Theorie und Methoden aus (Wagenaar 2011, S. 8). Laut Schneider und Janning (2006, S. 171) ist sie dadurch charakterisiert, dass politische

Programmentwürfe, policyrelevante Stellungnahmen und öffentliche Äußerungen sowie die verabschiedeten Gesetzestexte und spezifizierten Verwaltungsvorschriften (…) als Text, als Narrative, als Ideenskripte oder als Ausdruck von Grundüberzeugungen bzw. von handlungssteuernden ‚Rahmen' und als Einsatz bzw. Ergebnis von diskursiven Praktiken zur Generierung von politischen Problemdeutungen und Verantwortungszuweisungen interpretiert

werden. Wie bereits in Kap. 1 dargestellt, handelt es sich bei post-positivistischen Zugängen der Policy-Analyse jedoch nicht um einen einheitlichen Ansatz, eine umfassende Theorie, sondern um sehr vielfältige Arbeiten, denen eine Ablehnung atheoretischer „empirizistischer“ Forschung gemein ist (Fischer 2003, S. viii).

Von Nullmeier (2013, S. 24) wird die Vielfalt der Begrifflichkeiten und möglichen Objekte einer Untersuchung als eine Schwierigkeit für die Etablierung interpretativer Politikforschung benannt. Hinzu kommt, dass sich eine Bruchlinie bezüglich der Handhabung der Unterscheidung von Struktur und Subjekt durch die interpretative Policy-Analyse zieht. Poststrukturalistische Ansätze lehnen eine Rekonstruktion subjektiven Sinns oder den Rückgriff auf Akteure oder Intentionen ab. Ihr Gegenstand sind überindividuelle Muster „des Denkens, Sprechens, Handelns, Sichselbstbegreifens“ (Glasze und Mattissek 2009, S. 11). Die Untersuchung von Überzeugungen wird der interpretativ-hermeneutischen Tradition überlassen (Nullmeier 2013, S. 28). Während Hendrik Wagenaar (2011) seine Einführung in die interpretative Policy-Analyse daher in Ansätze mit hermeneutischem, dialogischem oder diskursivem Bedeutungsverständnis gliedert, soll das folgende Kapitel entlang der verschiedenen Kernbegriffe strukturiert werden, da derselbe Analysegegenstand zuweilen von unterschiedlichen Strömungen bearbeitet wird.

  • [1] Obgleich einige der Konzepte, wie etwa Narrative, auch als diskursstrukturierende Elemente verstanden werden können, stehen sie hier auf derselben Gliederungsebene, da sich nicht alle hierunter subsumierten Beiträge auch dezidiert als Diskursanalyse verstehen, sondern ihren spezifischen Zugang unter eben jenem hier benannten Schlagwort ausflaggen
 
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