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5.5.1 Exponiertheit

An verschiedenen Stellen zeigen sich in den Interviews Momente, wie sich die jeweiligen Biographieträgerinnen und -träger im Unterschied zu anderen beschreiben, wie sie sich selbst sehen, betrachten oder bewerten und in welcher Art und Weise sich dies äußert. Den Zustand, sich selbst zunächst einmal ‚anders' zu ‚inszenieren' als (mitunter auch nicht personenspezifisch benennbare) andere, ist zunächst nicht verwunderlich. Als relevant erachte ich diese Momente dann, wenn deren Beschreibung durch die sprachliche Gestaltung dieser in wertender Weise benutzt werden und demnach auch als wertend verstanden werden können. Wertend meint hier eine nuancierte, nicht eindeutig benennbare Positionierung, in der andere zumeist latent herabgewürdigt bzw. negativ oder abschätzig betrachtet werden. Aus dieser Positionierung heraus resultiert folglich, dass sich die Erzählenden durch ihre (implizite) Distanzierung in ihren Urteilen somit über andere erheben, erhöhen oder ihre eigenen Denkweisen als richtiger, besser oder sinnhafter darstellen. Diesen Zustand bezeichne ich in der folgenden Argumentation mit dem Begriff der Exponiertheit.

Franziska entwirft ihre Position im Orchester vornehmlich mit Blick auf die Relation zu anderen. Auf der einen Seite existieren die Mitglieder, die ‚nur mu- sizieren', während andere vornehmlich Verantwortung tragen. Sie selbst fungiert zwischen diesen Gruppen als eine Art ‚Regelhüterin' bestimmter, von ihr nur mitunter explizierter, näher benannter Verhaltensweisen, indem sie etwa an Aufführungen oder Proben gewissenhaft teilnahm – im Gegensatz zu anderen – und hier mitunter auch ermahnend tätig wurde. Sie nahm damit eine Mittelposition ein, die sich hierarchisch absetzt von den anderen, wobei ein ‚Streben nach oben' festgestellt werden kann, da sie – bedingt auch durch ihre als ernsthaft wahrgenommene Rolle im Orchester – zunehmend mehr Verantwortung bekam. Auch ihre ‚besseren' instrumentellen Fertigkeiten gegenüber anderen, die ‚schlechter' spielten, markieren jene Abgrenzung, die ich Exponiertheit nenne; interessant ist dabei, dass sie bezogen auf ihr Studium genau jene subjektiv empfundene instrumentelle Qualität als Moment des Scheiterns erlebte, da sie feststellte, dass sie im Studium nicht an die Qualität anderer heranreichte. So expliziert sie verächtlich die Orientierung anderer am Instrument („weil sich nur daran aufgegeilt wie toll sie ihr instrument spieln“), welche sie selbst zuvor (in ihrer Biographie) immer wieder als bedeutsam markiert hatte. Auch im familialen Rahmen lassen sich solche Momente feststellen. Es gelang Franziska nicht, ihre (ältere) Schwester dahingehend zu moitivieren, Musik deshalb zu machen, um lernen zu können, mit anderen Menschen umzugehen. Demgegenüber folgt Franziskas jüngste Schwester ihr nach. Diese schaute zu Franziska auf, was von ihr als Erfolg gewertet wird, da sie auch Erfahrungen machen könne wie Franziska und ihr demnach gut tun müsse. Schließlich entwirft sich Franziska als Vorbild auch für Cousins. Hier war sie musikalisch „immer […] präsent“, so dass ihr musikalisches Tun auch andere Verwandte ihrer Generation zum Musizieren inspirierte.

In einer ähnlichen sich von anderen abhebenden Weise entwirft sich auch Johannes als Musiker und Vertreter einer klassischen, hochkulturellen Musiksozialisation (Kap. 5.2.2). Freunde und sein Bruder seien unmusikalisch, keiner „im bekanntenkreis“ mache selbst Musik und niemand spiele „irgendwie nur halbwegs n instrument“. Als Gegenbeispiel liest sich die Beschreibung von Wilko, Johannes' ehemaligem Bandkollegen. Dieser begann auch in der Keyboardklasse, trat dann aber aus, um später in der gemeinsamen Jugendband wieder mit Johannes zusammen Musik zu machen. Wilko, der sich nach anfänglichem Keyboardspiel aber der Gitarre zuwandte, war vermutlich ebenfalls Musiker, da er auch in der Jugend noch aktiv war, wird nicht als Freund bezeichnet, sondern als Bekanntschaft, zu dem nach Auflösung der Band auch kein Kontakt mehr bestand. Der These der Exponiertheit von Johannes als Musiker gegenüber anderen Nichtmusikern folgend, wäre dieser Status gegenüber Wilko nicht oder zumindest schwerer durchsetzbar gewesen, da dieser ja auch musikalisch aktiv war. Obgleich Musik ein so zentraler Bestandteil von Johannes' Leben ist und dieses Interesse in gewisser Weise auch von Wilko verfolgt wurde, spricht Johannes doch von unterschiedlichen Interessen und keiner gemeinsamen Basis. Insofern liegt hier als (vermutlich) unbewusste Wahrnehmungsund Denkstruktur die These der Exponiertheit nahe.

Auf ganz anderer Ebene liegt die Exponiertheit von Thomas. Bereits zuvor (Kap. 5.3.6[1]) wurde seine Rolle als Musiker zwischen Studierenden des Lehramts und Kirchenmusikerinnen und -musikern betrachtet und herausgearbeitet, dass diese doppelte Zugehörigkeit (auch wenn Thomas Kirchenmusik nicht studiert, sondern vor dem Studium einen C-Schein erworben hatte) für ihn gegenüber beiden Bezugsgruppen vorteilhaft ist. In Bereichen der Kirchenmusik (Chorund Orchesterleitung) profitiert er nicht nur von seiner fundierten kirchenmusikalischen Ausbildung, sondern vor allem auch von pädagogischen Kenntnissen des Lehramtsbereichs, während er den Lehramtsstudierenden fachlich überlegen ist.

  • [1] Hier wurde der Begriff der Abgrenzung gewählt, da der an dieser Stelle verwendete Begriff der Exponiertheit erst hier relevant ist
 
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