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5.3.6 Abgrenzung gegenüber anderen

Warum erschließt Thomas seine Lebensgeschichte vornehmlich beschreibend und argumentativ? Sicher, er hat viel über diese nachgesonnen und „reflektiert“ – was als ganz natürlicher, allgemein geltender Grundsatz durch die Formulierung „man“ beschrieben wird –, aber dennoch geht es ihm weniger darum, (auch allgemeine) Ereignisse, an die er sich erinnert, zu erzählen, sondern vielmehr sich und sein Verhältnis zur Musik bzw. seine von Musik durchdrungene Persönlichkeit darzustellen. Immer wieder lesen sich diese Abgrenzungen seiner Person als Musiker gegenüber anderen.

Zentral für die Abgrenzung, die sich an Thomas Fall zeigt, ist die Tatsache, dass er – frei nach dem Motto ‚The best of both Worlds'[1] – sowohl die Vorteile eines pädagogischen Habitus als auch eines Kirchenmusikers in sich vereinen kann: mit seiner kirchenmusikalischen Ausbildung übertrifft er auf fachlicher Ebene die Studierenden des Lehramts Musik, während er durch sein Lehramtsstudium und durch seine biographischen Erlebnisse – verschiedene Ensembles, pädagogisch versierter Leiter und Lehrer – in Bereichen der musikalischen Leitung profitiert und daher auch gegenüber den perfektionistisch orientierten anderen Kirchenmusikerinnen und -musikern im Vorteil ist. Jedoch zeigt sich bei Thomas darüber hinaus auch eine Überlegenheit gegenüber seiner Familie. Es wurde bereits angemerkt, dass sein Vater sich für seine musikalische Tätigkeit nicht interessierte, ebenso wenig darüber hinaus auch für schulische Belange. Zumindest für letztgenannte war seine Mutter zuständig. Ohnehin beschreibt er die familialen Rollenverteilungen als typisch – arbeitender Vater und Mutter, die für den Haushalt zuständig ist. Allerdings hat Thomas auch bezogen auf die Beziehung seiner Eltern einen vermittelnden Einfluss. Denn sein Vater rede nicht mit seiner Mutter, die sich häufig über die seit der Weiterbildung veränderte Arbeitssituation beschwere, da er sich auch für dieses Thema nicht interessiere, weshalb Thomas' Mutter dann ihn als Gesprächspartner suche. Die Tatsache, dass sich beide im Gespräch nicht gegenseitig unterstützten beurteilt Thomas als unproblematisch, zumindest seine Mutter finde „dann irgendwie auch n offenes ohr“ bei ihm. Hieran zeigt sich die konstatierte Überlegenheit. Zumindest seitens seiner Mutter läuft das Kommunikationsbedürfnis über ihn, der sich die mütterlichen Sorgen in Gesprächen „öfter […] dann halt auch immer“ anhört und dabei als Ratgeber auftritt („sach ich auch dann überlech doch mal“). Notenwendig wird dies neben der Tatsache des nicht interessierten Vaters (bzw. Mannes seiner Mutter), weil seine Mutter keine Reflexionsfähigkeit besitze. Ohne diese Interpretation nun auf psychologische Begründungen hin zu untersuchen zeigt sie doch aufgrund der von Thomas geschilderten Beziehungen eine Überlegenheit seiner Person insofern, als zumindest seine Mutter auf ihn angewiesen ist, auf sein offenes Ohr, seinen Rat und dabei auch ihn als Vorbild nutzt (vgl. die Ausführungen w. o. zum Thema Weiterbildung), wohingegen er bestrebt ist, „das aber eigentlich alleine“ hinzubekommen, auch wenn seine Mutter ihm stets z.B. finanzielle Unterstützung anbietet.

Dass Thomas sich im Interviewverlauf auch gegenüber seiner Klientel als abgegrenzt darstellt wird deutlich, als er von seinem Chor in einer Bildungsinstitution berichtet:

„is das kann man eigentlich kein chor nenn sondern das sind eigentlich anfänger (,) die . sich traun richtich im chor zu singn (,) . und die wolln einfach nur singen {mhm} und die ham sind total motiviert und . das is ne super sache weil mit denen kannst du . letztendlich auch alles machen (,) dann schreib ich auch mal . für die selber sachen für die is zweistimmigkeit zum beispiel n riesen abenteuer ne {mhm} und aber das is total cool (,) {mhm} gerade mit denen weil .. die die kaufen dir alles ab damit will ich nich sagen dass ich denen nur scheiße erzähl aber die die sind total motiviert die machen alles das was ich . was ich denen sage“

Auf den ersten Blick mag die Schilderung der Chorarbeit so klingen, als würde ein motivierter Lehrer ebenso motivierten Gesangsanfängerinnen und -anfängern, die zu lernen gewillt sind, auf verschiedene Weisen das gemeinsame Singen beibringen. Bei genauerer Betrachtung liest man bei dieser Schilderung aber einen tendenziell ‚überheblichen' Blick eines Chorleiters heraus, der sich als schillernde Lehrergestalt solchen Novizinnen und Novizen gegenüber darstellt, die alles kritiklos hinnehmen. Sie „wolln einfach nur singen“ und sind dabei „total motiviert“ – für sich betrachtet eine sinnvolle Haltung, will man im Chor singen. Dabei sind sie aber „eigentlich anfänger“ – sie „wussten [zu Beginn, d. Verf.] überhaupt nich wie man n ton trifft“ und trauen sich das Chorsingen dennoch zu. Mit diesen vier Merkmalen, die das

‚Gesangsmaterial' beschreiben, urteilt Thomas, bereits zu Anfang, dass man diese Gruppe „eigentlich“ nicht als Chor bezeichnen könne. Obschon also (doppelt genannte) Motivation und eigene Überwindung vorhanden sind, scheint Thomas hier etwas zu fehlen, um die mit diesen Eigenschaften gesegnete Gesangsformation als Chor bezeichnen zu können. Etwas, das sich möglicherweise aus dem Begriff des ‚Anfängers' ableiten lässt, welcher auf der anderen Seite der Waage liegt, dabei aber scheinbar schwerer wiegt als die ‚positiven' Eigenschaften. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass Thomas das (semi-)professionelle musikalische Schaffen schätzt, das ausgestattet ist oder besser: sein muss mit solchen Eigenschaften, die er an sich selbst schätzt, nämlich musikbezogene Kenntnisse in vielerlei Hinsicht. Die Sängerinnen und Sänger seines Chors bleiben hierunter weit zurück. Für sie ist bereits Zweistimmigkeit abenteuerlich,[2] was als euphemistische Herabwürdigung gelesen werden kann.

Etwas schwieriger erschließt sich dabei die sich anschließende Wertung „total cool“. Am ehesten lässt sich diese Bewertung verstehen als Bewertung der ganzen Beschreibung der Arbeit mit dem Chor, nicht nur bezogen auf das zweistimmige Singen. Mit dem Begriff „aber“ markiert Thomas eine Abgrenzung von einer möglichen Interpretation – etwa auf Seiten von mir als Interviewendem –, die meinen könnte, die Arbeit mit dem Chor sei mühsam, langweilig und ziellos, weil ja Zweistimmigkeit bereits ein Abenteuer ist. Trotz des Anfängerstatus der Sängerinnen und Sänger hat die Arbeit für ihn Sinn, denn sie nützt Thomas für sich selbst, für seine eigene Entwicklung, sein eigenes Schaffen. Hier kann er selbst tätig werden, z.B. komponierend oder arrangierend, was durch „schreib ich auch mal“ angedeutet wird. Vor allem aber kann er hier Macht ausüben: er kann alles mit seinen Chormitgliedern machen, gegen ihn lehnt sich keiner auf, das was er vertritt und verkörpert, wird nicht infrage gestellt, vielmehr wird sein Schaffen kritiklos hingenommen („die kaufen dir alles ab“), es wird alles gemacht, was er sagt. Damit gilt für ihn das, was Puppenspielerinnen und militärische Befehlshaber gemein haben: eine ‚lenkende', ‚bestimmende' Macht über andere – auch wenn diese im Chor möglicherweise eher latent ist. Ohne diese Interpretation machttheoretisch zu analysieren, bezeichne ich diese Form der Macht hier mit dem Begriff der Anerkennung.

In zweierlei Weise lässt sich begründen, warum diese Anerkennung für Thomas so wichtig ist. Zum einen ist er selbst Mitglied des weiter vorn beschriebenen Feldes mit seinen ‚Kämpfen' im Feld der Musik, in der Anerkennung auch durch machtvolles Handeln erworben werden kann, in dem der eigene Status – hier Chorleiter – durch die Anerkennung anderer bestätigt wird. Als Mitglied eines ähnlichen Feldes, wenn auch auf einer anderen Ebene, befinden sich gleichsam die Personen, an denen sich auch Thomas orientiert, die es geschafft haben, sich einen Namen zu machen und die ihr Können in Meisterkursen weitergeben, während die Nutznießerinnen und Nutznießer nach Kenntnismaximierung bestrebt sind und eigene Ambitionen entwickeln:

„ich ja man zum beispiel diese meisterkurse ich hab damals ja in #anderer stadt in ostdeutschland# n meisterkurs gemacht dann hab ich hier mit unserer professorin vonner hochschule n . meisterkurs gemacht und so und .. ähm da kriecht man mit was es was es einem bedeutet wenn man da son job halt hat ne

{mhm} und so . und so ne position hat und . das is so verlockend einfach ne“

Die Anerkennung hat hier die Funktion des eigenen Strebens. Um eine so verlockende Position zu erwerben, um selbst Meisterkurse geben zu können, bedarf es Anerkennung, die es durch bestimmte Tätigkeiten zu erwerben gilt. Sie ist insofern vornehmlich auf die Zukunft ausgerichtet.

Zum anderen ist die Anerkennung aber eine Bestätigung des eigenen Status, als ‚schon etwas Besonderes', zumindest in den Augen derjenigen, die nicht diesem Feld der Musik angehören:

„und . zu hause (,) wenn ich halt erzähle was ich hier so mache (,) also ich äh die finden das natürlich super ne (?) weil die können sich das ga* ga* gar nich vorstellen wenn ich da dieses . die finden das schon total krass wenn ich sach ich hab n chor dirigiert irgendwie ne (?) {ja ja} boah was so das is für mich is das letztendlich normal geworden ne (?)“

Thomas wird bestätigt von seinen Angehörigen, die ‚keine Ahnung' von Musik haben, sein Wissen und Tun dagegen „total . der wahnsinn“. Das, was Thomas im Bereich der Musik tut und an Leistungen bringt, gehören einer fremdartigen Welt an, die von seiner Familie unverstanden bleibt und damit sicher ‚abenteuerlich' anmutet – für ihn hingegen aber längst Routine geworden ist, mitunter sogar ‚Fließbandarbeit'. Insofern ist die Anerkennung hier gerichtet auf die Gegenwart bzw. auch auf die Vergangenheit: Das, was bereits erreicht wurde, ist der Anerkennung in der Gegenwart wert.

  • [1] Titel eines Greatest Hits-Album der Rockgruppe Van Halen, auf dem sich Stücke beider für die Band zentraler Sänger, David Lee Roth und Sammy Hagar, befinden
  • [2] Wer einmal in einem Chor gesungen hat weiß, dass die meisten Chorsätze vierstimmig gehalten sind. Insofern ist die Phrase einer ‚abenteuerlichen Zweistimmigkeit' doppelt herabwürdigend. Einmal, da sie gerade die Hälfte der ‚üblichen' Stimmten betont, einmal, weil diese Hälfte bereits abenteuerlich, also unerhört, ungewöhnlich oder unüblich, spannend, außergewöhnlich oder gewagt ist
 
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