Desktop-Version

Start arrow Pädagogik arrow Musiklehramt und biographie

< Zurück   INHALT   Weiter >

5.2 Fallrekonstruktion II: Johannes Müritz

„…da irgendwie was vielleicht auch zu verarbeiten und so weiter weisst du in dieser in dieser musik und […] ähm . dementsprechend hat sich das so natürlich angefühlt äh natürlich mach ich musik…“

Wie im Falle Franziskas hat auch Johannes Müritz das Ende seines Studiums im Blick, er studiert bereits mehrere Jahre Musik und eine Fremdsprache. Johannes' erste Lebensjahre, auf die er während des Interviews nicht eingeht, verbrachte er in der ehemaligen DDR, bevor er mit seiner Familie nach Norddeutschland zog. Er entwirft seine Familie als sehr musikalisch interessiert und berichtet von eigenen Instrumentalerfahrungen vornehmlich vor dem Hintergrund praktischen Musizierens, welches er maßgeblich bei einem Lehrer erlernte.

Johannes' erstes Statement im Interview ist, dass „verschiedene dinge“ für die Aufnahme eines Lehramtsstudiums wichtig waren. Ohne diese ‚Dinge' näher zu benennen, ist es ihm wichtig, mitzuteilen, dass er „mittlerw* also […] immer noch g* sehr glücklich damit“ – also mit der „vorstellung musiklehrer zu werden“ – ist. Die Aussage könnte meinen, dass Johannes zufrieden mit seiner Zukunftsperspektive ist – sogar sehr zufrieden. Diese Zufriedenheit ist dabei konstant, denn er ist damit „immer noch“ zufrieden. Warum aber sagt er „immer noch“? Damit könnte gemeint sein, dass diese Vorstellung irgendwann auch zusammenbrechen könnte, sich das „immer noch“ zu einem ‚jetzt nicht mehr' entwickeln könnte. Diese Vorstellung wird durch das abgebrochene Wort „mittlerw*“ – also aller Wahrscheinlichkeit nach ‚mittlerweile' – bestärkt. Scheinbar gab es innerhalb seiner Biographie Zeiten, in denen die Vorstellung, später Musiklehrer zu werden, keine gute Zukunft versprach und Johannes dies mitunter kritisch sah – denn sonst hätte er einfach mitteilen können, dass die Vorstellung, Musiklehrer zu werden, ihn konstant sehr glücklich macht.

Obschon in Johannes' Erzählung eine einzige Situation als „ausschlaggebend“ für das Musikstudium markiert wird, führt Johannes zunächst an, dass er „schon immer“ mit Musik „zu tun“ hatte und beginnt dann in einer Hintergrundkonstruktion über seine Eltern zu berichten, dass diese sich beim Geigenspiel kennengelernt haben und Musik deshalb immer ein Thema in der Familie war, was dazu führte, dass er selbst auch früh mit dem Muszieren anfing – er lernte zuerst Keyboard, später Klavier und auch ein Streichinstrument.

Hinsichtlich der Aufnahme eines Studiums war Johannes zunächst nur klar, dass er eine Sprache – eine möglichst ‚exklusive', nicht eine, die von so vielen studiert wird wie Englisch – studieren wollte. Seine beruflichen Ambitionen lagen dabei aber nicht im „kulturellen bereich“, sondern sollten praxisorientierter sein, weshalb er seine Überlegungen, die zum Lehramtsstudium führten, in einer Hintergrundkonstruktion zusammenfasst. Das Lehramt war zu diesem Zeitpunkt kein endgültiges Ziel, vielmehr eine Alternative, die die praktischen Ambitionen mit der Fachlichkeit vereint hätte – idealistische Ziele hatte Johannes in dem Moment keine, dagegen war die Aussicht auf das Bewerten, was er selbst als mit Macht besetzt ansieht, attraktiver (allerdings wird schnell relativiert, dass er auf diese Machtposition nicht „geil“ sei). Das zweite Studienfach war ihm in dem Moment noch nicht klar und Musik fiel ihm nicht ein – er meint mir gegenüber, das möge seltsam erscheinen, da er zuvor gesagt habe, dass Musik in seinem Leben so präsent war. Mag das im ersten Moment tatsächlich nicht einleuchten, zeigt ein tieferer Blick in die Biographie und seine Erfahrungen als Jugendlicher aber, wie einleuchtend es ist, dass ihm Musik zunächst nicht einfiel; hierauf wird später zurückgekommen. Das Musikstudium rückte dann konkret in Johannes' Gedankenfeld, als er vor dem Abitur stand und einem Freund von seinen Studienplänen berichtete, woraufhin dieser ihm riet:„mach doch musik“. Dieser Vorschlag fühlte sich für Johannes „natürlich“ an und er begann sich dann, nach einem Gespräch mit seinen Eltern, die begeistert von der Idee waren, auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten – er begann erneut mit dem Instrumentalspiel und sei dann so „zum musikstudium gekomm“. Natürlich ist diese stark geraffte Beschreibung der konkreten Anlässe bzw. Handlungen, die in ihren Ergebnissen schließlich zum Musikstudium führten, keinesfalls eine zufriedenstellende Erklärung, eher ein Bericht von Handlungsabläufen in seinem subjektiven Empfinden. Vielmehr soll Johannes' Orientierungen nachgegangen werden, wozu ein Blick in die Biographie und eine Rekonstruktion der zentralen Orientierungsmuster des angehenden Musiklehrers notwendig sind.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics