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5.1.2 Familie und Musik

Franziska stammt aus einer Familie, deren Eltern, wie sie betont, keinen musikalischen Hintergrund haben, sie und ihre beiden jüngeren Schwestern „aber in jeder hinsicht […] unterstützt“ hätten. Die Darstellungen verschiedener Stationen ihrer musikalischen Biographie erfolgt in stark gerafften Beschreibungen. Sie – und auch ihre Schwestern – erhielten musikalische Früherziehung (scheinbar kann Franziska sich kaum daran erinnern: „von . klein an ich weiß gar nicht mehr […] also im kindergarten war das natürlich dann schon ähm . und danach in der grundschule auf jeden fall also“) und danach Flötenunterricht. Franziskas Schwester (i. e. die ältere ihrer beiden jüngeren Geschwister) begann „irgendwann“, Klavier zu spielen, wobei Franziska nicht mehr weiß, ob eigenmotiviert oder durch Zutun der Eltern, gab dies aber schnell wieder auf, zumal sie scheinbar kein Verständnis für die musikalische Praxis hatte, wie ihr Lehrer ihr verdeutlichte. Franziska meint auch, dass zwischen ihr und der Schwester eine starke Abgrenzung stattfand, da es Franziska nicht gelang, sie zu überzeugen und zu belehren („musst auch […] lernen mit anderen menschen umzugehn“). Demgegenüber steht Franziskas jüngste Schwester, die Franziska als „begabt“ empfand und welche auch bemüht war, ihrer großen Schwester nachzueifern, indem sie die gleichen Instrumente zu erlernen und nach einigen Jahren auch auf die zuvor beschriebenen Orchesterfreizeiten mitzufahren begann. Was Franziska daran schätzt ist, dass ihre Schwester das „auch so erlebt“ wie sie, da ihr selbst das immer gut tat und sie es wichtig findet „mal rauszukommen“ und „mit anderen menschen zu tun zu haben“.

Bezogen auf musikalische Aktivitäten entwirft Franziska ihre Mutter gleichsam als Animateurin („möchtest du das machen“), Managerin („gekümmert“), Motivatorin und Unterstützerin („keinerlei einschränkung durch meine eltern“, auch wenn diese selbst „nicht musikalisch aktiv waren“), trotz der Tatsache, dass musikalische Tätigkeiten für sie Neuland darstellten. Die Schilderung der musikalischen Aktivitäten Franziskas thematisiert diese vor dem Hintergrund des Umgangs ihrer Eltern, der sich mitunter ambivalent liest, obgleich Franziska erneut betont, dass sie immer unterstützt wurde und sich ihre Eltern auch selbst engagierten (hier liegt auch der Verdacht sozialer Erwünschtheit nahe): zum einen waren die Eltern ungehalten, wenn an Wochenenden frühe Proben oder Vorspiele stattfanden oder nicht verständnisvoll, wenn die Tochter abends (zu) spät nach Hause kam – diese musikalische Welt war ihnen fremd –, zum anderen motivierten sie Franziska weiterzumachen, wenn sie selbst „durststrecken“ zu überwinden hatte, besonders ihre Mutter, die sie zum Üben motivierte, während ihr beruflich stark involvierter Vater eher ‚Sprüche' über das Spiel der Einsteigerin auf dem Blasinstrument machte. Franziska schildert, dass ihre Mutter irgendwann selbst begann, Klavier zu, möglicherweise war ihr eigenes Involvement ausreichend hoch (obgleich Franziskas Mutter das Instrumentalspiel mittlerweile aufgegeben habe). Im Modus einer Hintergrundkonstruktion schildert Franziska, dass ihre jüngere Schwester, die ebenfalls Klavier spielen wollte, wofür dann ein Instrument angeschafft wurde, ihre pianistischen Ambitionen schnell wieder aufgab und der Unterrichtsplatz bei dem Klavierlehrer dann durch ihre Mutter genutzt wurde, auch wenn diese Entscheidung zögerlich verlief. In einer weiteren Hintergrundkonstruktion erläutert Franziska, dass ihre Mutter schon früh den Wunsch hatte, musikalisch aktiv zu sein, während ihre jüngere Schwester (i. e. Franziskas Tante) bei einer Nachbarin ein „bisschen klavier üben“ konnte. Dass Franziskas Mutter dann tatsächlich die Gelegenheit nutzte, Klavierstunden zu nehmen, führt Franziska neben dem Wunsch aus Kindertagen auch auf eine Bewunderung der musikalischen Aktivität von

Franziska und ihrer Schwestern zurück.

Als weitere musikbezogene Aktivitäten des Elternhauses benennt Franziska, dass „viel musik gehört“ wurde. Franziska beschreibt, ihr Vater mochte „pop sachen“, zuvor hatte sie mitgeteilt, dass es zu Hause „eine edition klassischer musik“ gab. Direkt im Anschluss an diese Aussage lacht sie. Die Sequenz ließe sich so interpretieren, dass Franziska als Musikstudentin, die ein Orchesterinstrument spielt und lange in einem Orchester tätig war, durch diese Tätigkeiten stark klassisch[1] sozialisiert ist und ganz im Sinne Adornos unterscheidet zwischen der ‚wahren', der sog. ‚E-Musik' (i. e. ernsthaften) im Gegensatz zur ‚U(nterhaltungs)-Musik'. Zudem ist ihr bekannt, dass ich als Interviewer selbst Musikstudent gewesen bin und sie hier dem Zwang der sozialen Erwünschtheit unterliegt – ich könnte ja erwarten, dass eine Musikstudentin in jedem Fall mit klassischer Musik aufgewachsen sein muss[2]. Jedoch muss sie ihre Aussage durch ihr Lachen nivellieren – bereits zuvor hatte sie preisgegeben, dass ihr Elternhaus weniger musikaffin ist und zudem nur ‚eine Edition' klassischer Musik wahrhaftig keine klassische Musiksozialisation evoziert. Durch ihr Lachen und auch die spätere Beurteilung „das ham wir glaub ich auch schonmal gehört also ja . vielleicht ich glaube nicht bewusst gehört“ wird gezeigt, dass die Rolle klassischer Musik nicht so bedeutend gewesen ist, wie Franziska es sich im ersten Moment vielleicht gewünscht hätte – ihre Bewunderung musikaffiner Elternhäuser und der in diesen aufwachsenden Kinder wird später expliziert, was ganz im Gegensatz zu ihrem eigenen Elternhaus steht. Stattdessen werden gemeinsame Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Eltern und Kindern, sich gemeinsam mit alten Schallplatten beschäftigen, geschildert; zudem wurde Musik für Kinder von Zuckowski (zu Weihnachtsfesten, was sich bis heute gehalten habe) und Jöcker gehört, während andere popkulturellen Güter keinen Raum hatten – hier dokumentiert sich wieder eine latente Ablehnung gepaart mit nicht vorhandener Kenntnis dieser: „bravo-krams und hip hop äh oder wie wie heißt das äh hits was gerade {mhm}[3] in is das gabs bei uns nie“, „posterkrams“[4] habe sie nie gemacht und zur seinerzeit von vielen Jugendlichen verehrten Kelly Family fehlte ihr der Zugang. Im Gegensatz dazu wird die „bildungsbürger-musik“ gesetzt. Franziska selbst hörte Literatur für Bläserensembles oder vom NDR-Sinfonieorchester einstudierte Werke, womit erneut der oben beschriebene Diskurs angesprochen ist, klassische, ernsthafte Literatur vorzuziehen. Die geringe Spezifität der benannten Präferenzen (oder die Ablehnung gegenüber popkulturellen Gütern) lässt sich wohl damit begründen, dass Franziska sagt, sie habe selten Zeit gehabt, sich auf das Musikhören einzulassen und dadurch Schwierigkeiten, einen Zugang zu finden. Dies würde darauf verweisen, dass die bewusste Musikrezeption wenig Raum einnahm.

Abseits ihrer Kernfamilie fungierte zum einen Franziskas Tante als Möglichkeit, Konzerterlebnisse zu machen: Franziska wurde auf ein Konzert der a cappella-Gruppe Wise Guys mitgenommen, was dazu führte, dass sie deren Musik seitdem gern hört. Zum anderen sind in Franziskas Familie besonders ihre Cousins und Cousinen musikalisch aktiv – Franziska ist von dieser Generation die Älteste und sie vermutet auch einen eigenen Einfluss auf ihre Verwandten, da sie „eben so viel äh musik gemacht“ habe. Daneben war ihr an einem Asthmaleiden erkrankter Cousin, der auch ein Blasinstrument zu erlernen begann, sicher auch jemand, der „alle nachgezogen“ hat; zudem ist Franziska froh über den Kontakt zu ihrem ältesten Cousin, der sie mitunter besucht und mit dem sie die Leidenschaft der Musik teilt. Gemeinsame musikalische Aktivitäten gab es zu Weihnachten, was Franziska aber nicht immer nur gefiel, da sie es auch als Konkurrenzveranstaltung betrachtete und schließlich zu einer Weigerung ihrerseits führte. Besonders ihr Großvater freute sich über seine musizierende Enkelin und malte sie öfter zusammen mit ihrem Blasinstrument. Franziska begründet die Freude ihrer Großeltern darüber, dass sie (bzw. die Enkelkinder) Musik machen, auch damit, dass in der Zeit, in der ihre Großeltern ihre eigenen Kinder aufzogen, kein Geld für eine musikalische Ausbildung zur Verfügung stand. Die Ressourcen waren knapp, Hosen wurden selbst genäht; der Großvater, obgleich Künstler von Beruf, war gehalten, Geld zu verdienen, um seine Familie zu ernähren – Musik als ‚schöne Freizeitbeschäftigung' hatte hier keinen Platz. Die Affinität des Großvaters zur Kunst zeige sich auch bei Franziskas Tante, deren Geschmack als schrill und unkonventionell in Kleidung und Einrichtung, aber auch Musik beschrieben wird, die besonders in Franziskas jungen Jahren in intensiverem Kontakt zu ihr stand und es zu einem Austausch kam, der in Teilen bis heute anhält, wenn Franziskas Tante ihr neue Musik zur Verfügung stellt.

  • [1] Im Sinne der klassischen Musik
  • [2] Im vorliegenden Fall, so die hier eingenommene These, unterliegt die Interviewte zum einem dem Zwang, ihre Erfahrungen konsistent wiederzugeben (Erzählzwänge), gleichsam hat sie Kenntnis von dem Diskurs um Musik(hoch)kultur. Interessant ist diese Sequenz im Interview aber insbesondere auch im Zusammenhang mit der Bearbeitung des Diskurses um Musik(hoch)kultur in Verbindung zur Interviewsituation. Es ist zu vermuten, dass eine Interviewerin resp. ein Interviewer, von der bzw. dem die Interviewte nicht weiß, wie groß ihr bzw. sein musikalisches Involvement ist, ganz anders angesprochen worden wäre bzw. sie sich in der Situation ganz anders hätte äußern können, nämlich unbefangener hinsichtlich der Musikpräferenzen in der Familie, wenn sie nicht Gefahr laufen muss, dass die bzw. der Interviewte Wertungen aufgrund eines eigenen Hintergrunds vornimmt, unabhängig davon, ob dieser Hintergrund expliziert wurde oder nicht. Vielmehr ist entscheidend, dass eine Projektion vorgenommen und ein möglicher Hintergrund vermutet wird
  • [3] Geschwungene Klammern wurden beim Transkribieren immer dann verwendet, wenn die aktuelle Sprecherin resp. der aktuelle Sprecher durch kurze Kommentare, Nachfragen oder redebegleitende Laute – wie ‚mhm' – kommentiert wurde
  • [4] Das Desinteresse am Anbringen von Postern, die Stars zeigen, wäre zudem, so ihre Vermutung, reglementiert worden
 
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