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5.1.1 Erfahrungen mit kirchlichen Orchestern

Auf Nachfrage, die von ihr benannten Ereignisse näher zu schildern, beginnt Franziska – wieder stark zusammenfassend – zu benennen, dass sie das Musikstudium wegen ihrer „musikalischen unterrichte“ ergriffen habe. Im Folgenden präzisiert sie dies und beschreibt, dass sie in einem kirchlichen Orchester (das „zentrale element“ in Franziskas Jugendzeit, zu dem sie durch das Zutun des Leiters, der gleichzeitig ihr Nachbar war, gelangte) „groß geworden“ sei, in dessen Rahmen auch immer wieder Ferienfreizeiten unternommen wurden, an denen sie ab ihrem 15. Lebensjahr teilnahm. Die hohe Bedeutung dieser Freizeiten, die bereits vorher benannt werden, zeigt auch die mehrfache Wiederholung des temporalen Adverbs ‚immer' sowie die bei der Aufzählung der gemeinsamen Aktivitäten wiederkehrenden Ausdrücke ihrer Freude, die in dem Wunsch kumulierten, „musik zu studieren um dann auch solche sachen machen zu können“.

Die benannten Ferienerlebnisse präzisiert Franziska dahingehend, dass sie zu einem nicht näher geäußerten Zeitpunkt begann, nicht mehr ‚nur' Teilnehmerin zu sein, sondern selbst aktiv bei der Gestaltung der Freizeiten durch die Übernahme verschiedener Aufgaben mitzuwirken. Franziska hatte früh bereits ein „mitspracherecht im chor“[1] und nahm eine „andere position“ in zweifacher Hinsicht ein: Zum einen durch ihre eigene Ernsthaftigkeit beim Mitspielen der „oberstimme“, aber auch durch die Übernahme von Zuarbeiten bzw. die Tatsache, dass sie anderen Mitgliedern ins Gewissen redete, ihre Verantwortung als Teil des Orchesters gewissenhaft wahrzunehmen.

Dieses Ausüben ‚moralischer Ermahnung' liest sich, als würde die Heranwachsende hierarchisch in Richtung einer ‚bestimmenden', ‚den Ton angebenden', also leitenden Position rücken. Dabei grenzt sie sich auch durch die bereits vorher erwähnten, im Vergleich zu anderen Mitspielerinnen und Mitspielern ihres Alters ausgeprägteren instrumentellen Fähigkeiten gegenüber den anderen ab.

Allerdings war diese von ihr eingenommene Position, obgleich durch Abgrenzung gekennzeichnet, prekär: Sie befand sich in Abhängigkeitsund Gunstverhältnissen gegenüber dem Leiter („meine Behandlung“ – sie war eher passiv) und ihr Status schien nicht gefestigt gewesen zu sein, da sie vielmehr „unbewusst mehr zu sagen“ hatte als andere; ihren Status wollte sie erhalten, sie wollte buchstäblich weiterhin die ‚erste Geige' spielen.

Neben ihrer Tätigkeit im Orchester gab es für Franziska weitere ‚Gatekeeper' für den von Franziska als erstrebenswert erachteten Zugang in eine ‚Welt der Musik': von ihr werden fünf Orchestervorsteher in Norddeutschland benannt, die Franziska laut ihrer eigenen Aussage prägten. Ihr Kontakt zu den Orchestervorstehern[2] wurde maßgeblich durch Ausbildungsseminare, auf denen diese in Erscheinung traten, hergestellt und dann auf den zuvor thematisierten Freizeiten durch ‚nächtelanges Erzählen' vertieft. Als Orchestervorsteher stehen diese Personen im Zentrum der musikalischen Tätigkeiten des Orchesterverbunds und damit der einzelnen Orchester. Insofern Franziska betont, ein gutes Verhältnis zu diesen zu haben, kann dies bedeuten, dem Kern der ‚musikalischen Seele' nah zu sein.

Durch die Verschiebung ihrer Rolle – von der Teilnehmerin zur Mitarbeiterin – dokumentiert sich die für Franziska hohe Bedeutung einer aktiven Tätigkeit, indem sie von anderen Leiterinnen und Leitern verschiedener Orchester, zu denen sie „so lange aufgeschaut“ hat, „vertrauen“ und Anerkennung dadurch erhielt, dass sie selbst zunehmend mehr Verantwortung übernahm – und ihr dies auch zugetraut wurde: „so du kannst das jetzt auch selber machen“. Dieses Vertrauen schien für Franziska auch deshalb wichtig zu sein, da sie aus einer Familie stammt, in der Musik keine Bedeutung gespielt habe, was sie damit begründet, dass sowohl ihre beiden Elternteile als auch sonst innerhalb ihrer Familie „keine musiker“ sind – familiale Bedingungen werden an späterer Stelle vertieft.

Im Zuge ihrer Aktivitäten im Orchester und der zunehmenden Übernahme eigener Verantwortung für die Ausbildung lässt sich interpretieren, dass sich Franziska bald eher als Teil der (elitären) Ausbilderschaft ansah, auch durch Betrachtung der formalen Ebene der entsprechenden Interviewpassage. Während sie sich zunächst unspezifisch als einen Teil der Gruppe beschreibt („fünf mal 24 stunden wo man dann . wach is“[3]), gehörte sie zunehmend der Gruppe der Ausbildenden an („und [/][4] durch die themen mit denen wir gearbeitet haben und mit den kindern mit denen wir gearbeitet haben“).[5]

Denn Franziska trat mit diesen Ausbildenden, den (zwei) Orchestervorstehern, aber nicht nur auf den Freizeiten in Kontakt, sondern auch in Zeiten, die für sie schwierig waren, etwa bei Problemen in Schule und Freizeit wie auch hinsichtlich gescheiterter Beziehungen. Franziska kann nicht genau begründen, warum derlei Gespräche auf den Freizeiten Thema waren, vermutet dahinter aber auch den Altersunterschied zwischen sich und den älteren Mitgliedern, die sich mit anderen Fragen auseinandersetzten als Jugendliche mit 15 Jahren. Dass diese Erfahrungen für Franziska prägend waren, begründet sie dadurch, dass sie dort in „eine sehr andere welt abgetaucht“ sei, was auch zur Folge hatte, Gleichaltrigenkontakte als

„langweilig“ empfunden zu haben, Franziska also mit diesen ‚nichts mehr anfangen konnte' und andere, d.h. ‚erwachsenere' Interessen gebildet hatte. Jedoch sind die Beziehungen zu den Orchestervorstehern nicht gleichrangig, sondern diese fungierten als Mentoren für Franziska. Sie begründet ihre Beziehung durch ähnliche Biographien und damit, dass sie nicht verantwortlich für sie waren und sie nicht täglich erlebten, sondern nur wenige Tage im Jahr abseits des Alltags. Die Orchestervorsteher übernahmen dennoch auch Aufgaben, die ihre Eltern nicht übernahmen. Franziskas Ausführungen lassen sich in der Existenz zweier Gegenhorizonte subsummieren: Als positiver Gegenhorizont lässt sich die Gruppe beschreiben, die aus musikaffinen Menschen besteht, in der es Personen gibt, die sie bestärkten und wodurch sich ihr Wunsch, Musik beruflich zu machen, festigte, während andere, als negativer Gegenhorizont – zu dem Zeitpunkt vertreten durch ihre Familie, aber auch durch Gleichaltrige –, nicht zum Kreis der Musikerinnen und Musiker gehörten. Die bedeutsamen und hilfreichen Orchestervorsteher, die der ‚Welt der Musik' angehörten und sie durch ihre Tätigkeit als Ausbildende repräsentierten, werden in einen Gegensatz zu den Eltern gesetzt, die dieser Welt eben nicht angehören, weil sie kein Verständnis von dieser Welt haben (können), da sie nie selbst Erfahrungen mit dieser Welt gemacht haben. Die Argumentation, in der Franziska diese Gegensätze zu verdeutlichen versucht, liest sich wie ein ‚stream of conciousness', der sich (formal) als elliptische, halbsatzartige Aneinanderreihungen charakterisieren lässt. Es kann vermutet werden, dass Franziska selbst bemüht ist zu begründen, warum sie selbst sich eher dieser Welt und nicht etwa ihrer Familie zugehörig fühlt. Ihre Begründungen dabei sind, dass sie ähnlich wie Franziska ‚ticken', ähnlich mit ‚Dingen und sich selbst umgehen', ähnliche Erfahrungen gemacht haben, ja vielleicht sogar „veranlagungen“ ursächlich dafür sind. Hier dokumentiert sich, dass Franziska nicht nur Erfahrungen als Ursachen dafür ansieht, dass sie selbst sich dieser ‚Welt der Musik' so nah fühlt, sondern diese Welt bereits in ihr stecke und ihre Entwicklung damit fast ontogenetisch, eine zwangsläufig-natürliche Entwicklung gewesen sei. Das äußert sich dann auch in konkreten Situationen, wenn das Studium „irgendwie total stressig“ war und sie lieber bei den Menschen Rat suchte, die sie verstanden – denn Eltern ziehe man ohnehin nicht so viel zu Rate – und als Angehörige der gleichen (musikalischen) Welt wie Franziska – sie viel besser verstehen konnten.

  • [1] Gemeint ist ein Orchester
  • [2] Wobei vornehmlich zwei dieser fünf – die namentlich nicht erwähnt werden – vermutlich eine besondere Rolle für sie einnahmen
  • [3] Punkte markierten in den Transkriptionen zeitliche Pausen. Ein Punkt markierte eine kurze, zwei eine etwas längere und drei Punkte eine lange Pause ab ca. drei Sekunden
  • [4] Unverständliche Passage in der Audioaufnahme
  • [5] Hervorhebungen d. Verf
 
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