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Der Wissenschaftler Eschenburg

Ein letzter Abschnitt sei – um auf den Anlass dieser Reminiszenz zurückzukommen – der einstimmigen Entscheidung des DVPW-Vorstandes gewidmet, den Eschenburgpreis nicht mehr zu vergeben und dessen Namen auf diese Weise aus der deutschen Politikwissenschaft zu tilgen.

Dazu nur so viel: Der Leitfaden, der Eschenburgs öffentliche und wissenschaftliche Äußerungen zusammenhält und ihnen eine für die Methodik politikwissenschaftlicher Erkenntnisinteressen besondere Stärke und Kohärenz gibt, ist seine „Institutionenlehre“ – als dem Kern und immer wieder zu bekräftigende Ethik strukturellen Handelns, als der Lebensbedingung demokratischen Regierens unter Beteiligung des Volkes. Institutionen, demokratische zumal, sind friedensstiftend; sie zu stärken ist eine tagtäglich Aufgabe im Großen wie im Kleinen.

Eschenburg pflegte jede seiner Seminarsitzungen mit einer gerade aktuellen Problematik zu eröffnen, an der sich Politik und Politikwissenschaft normativ bewähren müssten. Diese Eschenburgsche Maxime haben die DVPW-Politologen offensichtlich nicht verstanden. Die Art und Weise, wie sie mit den ihnen anvertrauten meinungsbildenden und Entscheidungsmechanismen ihres Berufsvereins umgegangen sind, zeigt, dass sie von demokratischen Strukturen und dem pfleglichen Umgang mit diesen keine Ahnung haben. Die Missachtung von Regeln ist selbstzerstörerisch – ob geschriebener oder ungeschriebener, ob im Großen oder im Kleinen, etwa einer Satzung, und noch dazu einer, die das Politische zum Daseinszweck hat.

Hätten die Vorstandsmitglieder ein Minimum an Respekt vor den eigenen Mitgliedern gehabt, so hätten sie die geradezu katastrophale Selbstzerstörung des Verbandes mit einem eindeutigen Akt verhindern können – nämlich mit dem geschlossenen Rücktritt von ihren Ämtern. Fehler dürfen in jeder Institution gemacht werden; wenn sie eingestanden und offen zugegeben werden, dann ist ein Rücktritt politisch geradezu zwingend, um die Bahn frei zu machen für eine andere Lösung. Im parlamentarischen Regierungssystem ist der Rücktritt gescheiterter Politiker, die eine nahezu geschlossene Einheitsfront der Mitglieder und Wähler ihrer Partei gegen sich haben, eine Selbstverständlichkeit und wird erwartet. Wie können Berufspolitologen so ignorant sein, eine solche Grundregel organisierter Mitbestimmung „des Volkes“ (oder wer immer der Souverän sein mag) nicht nur zu missachten, sondern anscheinend überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen.

„Eschenburgianer“ jedenfalls können in diesem Entscheidungsgremium nicht gesessen haben, das noch dazu geradezu provokativ einstimmig entschied. Wenn die Notwendigkeit einer institutionentreuen, ethisch verantworteten Politikwissenschaft einer Existenzberechtigung Eschenburgscher Provenienz bedurft hätte, dann wurde sie hier erbracht – was auch immer der Soziologe und nun letzte Preisträger Claus Offe aus der Sicht seiner, nun gerade nicht politikwissenschaftlichen Disziplin dazu zu sagen gehabt hätte. Nein, Eschenburgianer scheint es in der heutigen DVPW-Spitze nicht mehr zu geben. Kein Wunder, für den kritischen Preisträger sind solche Politikwissenschaftler ebenso wie ihr Lehrer „Publizisten ohne Beitrag zur politischen Wissenschaft und (lediglich) eine institutionenpflegerische politische Wissenschaft“ – kurzum: gewissermaßen von gestern.

Wären die deutschen Politologen doch nur etwas „institutionenpflegerischer“ mit sich und ihrer eigenen Disziplin umgegangen! Die Presseberichterstattung, die den Konflikt ungläubig und peinlich berührt verfolgt hat, dürfte auf ihre Art einmalig sein für eine Disziplin, von der die Öffentlichkeit bis dahin kaum etwas wusste. Jetzt weiß die Öffentlichkeit, dass es die Politikwissenschaft gibt, und wird sie so bald nicht wieder ernst nehmen.

Einige Verbandsmitglieder – viele sind aus Protest und wohl auch Beschämung inzwischen ausgeschieden – haben ihre Bilanz gezogen, indem sie vom sich abzeichnenden Weg der Politologie in die „hochgradige Irrelevanz des Faches“ (Christine Landfried) sprachen – natürlich ohne sichtbare Resonanz der Vereinsführung. All das zeigt: Diese wissenschaftliche Disziplin ist derzeit gesellschaftlich so überflüssig wie ein Kropf. Sie wird wohl wieder „von vorn“ anfangen müssen, wenn sie gehört werden will und etwas zu sagen hat. Ob das mit der soeben dramatisch vorgeführten Bankrotterklärung ihrer Kategorien und Begriffe möglich ist, darf bezweifelt werden. Vielleicht gelingt einer jungen Generation ein Neubeginn: Dann würde der aktuelle disziplinäre Offenbarungseid etwas Positives bewirken. Man soll ja die Hoffnung – in diesem Falle auf eine geistige Erneuerung – nicht aufgeben; nur aus dem Innern der Politikwissenschaft selbst wird sie vermutlich nicht kommen.

Joachim Perels:

 
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