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Die Diskussion in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ (2013/2014)

Hubertus Buchstein und Tine Stein:

Die „Gnade der späten Geburt“?

Politikwissenschaft in Deutschland und die Rolle Theodor Eschenburgs

[Erstveröffentlichung: Blätter für deutsche und internationale Politik 9/2013, S. 101-112. Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.Besonderer Dank geht an Albrecht von Lucke.]

In der Fachöffentlichkeit wie auch in einer (wenngleich begrenzten) publizistischen Öffentlichkeit wird seit einigen Monaten über die Frage diskutiert, ob die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) den von ihr alle drei Jahre verliehenen Wissenschaftspreis für das Lebenswerk einer Politikwissenschaftlerin oder eines Politikwissenschaftlers weiterhin mit dem Namen eines ihrer Gründerväter schmücken soll: mit Theodor Eschenburg.

Eschenburg (1904-1999) war von 1952 bis zu seiner Emeritierung Professor in Tübingen und weit über die Grenzen seines Fachs hinaus bekannt. Er bildete Generationen von Studentinnen und Studenten aus, schrieb regelmäßig in der

„Zeit“, hielt Kontakt mit zahlreichen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Verwaltung und galt als ein public intellectual, dessen Stimme in der Öffentlichkeit gehört wurde. Seine von vielen so wahrgenommene Rolle ist mit dem Titel des praeceptor Germaniae auf den Begriff gebracht worden.

Warum sollte die Fachvereinigung nun nicht mehr ihren Wissenschaftspreis nach Eschenburg benennen? Wie könnte dieser einflussreiche, als liberal-konservativ eingeordnete Professor mit seinen streitbaren Ansichten, seinem wissenschaftlichen Oeuvre, in dem er das Funktionieren der Verfassungsinstitutionen erklärte und für die Westbindung argumentierte, nicht als Vorbild erachtet werden? Und hat die deutsche Politikwissenschaft nicht allen Grund, ihm durch die Namensgebung des Preises schon deswegen ein Denkmal zu setzen, weil er sich wie kaum ein anderer der Gründerväter für die Etablierung der Politikwissenschaft als Universitätsfach verdient gemacht hat, indem er sich für das Schulfach Gemeinschaftskunde in Baden-Württemberg eingesetzt, sich für Einrichtungen der Politischen Bildung auch jenseits der Schule stark gemacht hat und so überhaupt erst einen größeren Bedarf an professionell ausgebildeten Absolventen dieses Fachs mitgeschaffen hat? Sukzessive konnte auch in den anderen Bundesländern Gemeinschaftsbzw.

Sozialkunde im Schulcurriculum verankert werden, was der jungen Universitätsdisziplin in den frühen Jahren der Bundesrepublik eine Überlebensgarantie nicht zuletzt gegenüber den kritisch argwöhnenden Vertretern der Nachbarfächer Geschichte, Rechtswissenschaft, Soziologie und Nationalökonomie verschaffte. Eschenburg also als ein Fachgründer im wahren Sinne des Wortes – warum sollte sich die DVPW nun des symbolischen Kapitals, das sich mit diesem Namen verbindet, entäußern?

 
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