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10.3 Die Mitte – Woraus resultiert die Gefahr für die Demokratie?

Der erste Teil der Aussage – die Mitte als „Maß“ und „Mäßigung“ – stand immer im Verdacht, als bloße Behauptung die potenzielle Anfälligkeit des Mittelstandes für antidemokratische Bewegungen in Zeiten der „Panik“ (Geiger) zu überdecken. Der zweite Teil, das Integrationspotenzial der Mitte, kommt ihr aber genau durch das zu, was gleichzeitig das von Geiger und Lipset beschriebene Gefahrenpotenzial für die Demokratie ausmacht. „Die Mitte“ ist in ihrer namensgebenden Position zwischen gesellschaftlichem Oben und Unten Ausdruck und Beleg der sozialen Mobilität. In Zeiten wirtschaftlichen Wachstums vermittelt ihre Existenz, dass es auch Angehörigen der Unterschicht potenziell möglich und gestattet ist, ihr Los abzuschütteln und sozial aufzusteigen. Aber es gibt auch eine andere Richtung der sozialen Mobilität. Der soziale Abstieg ist nicht nur individuelles Schicksal, sondern in Zeiten wirtschaftlicher Krise für viele die vorgegebene Richtung. Und so ist, anders als die Formulierung von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ vermuten lässt, der Mittelstand nur solange ein Hort der Ruhe und des Ausgleichs, wie der Abstieg Einzelschicksal bleibt. Das galt zum Beispiel für die solcherart von dem Soziologen Helmut Schelsky (1955) beschriebenen 1950er Jahre der Bundesrepublik. Es war aber eine Diagnose mit kurzer Halbwertszeit. Ende der 1960er Jahre, mit der ersten wirtschaftlichen Krise, war sie bereits überholt.

Die soziale Mobilität in einer Gesellschaft entscheidet über die politische Einstellung – weniger in den Aufwärts-, dafür aber sehr stark in den Abwärtsbewegungen. So deuten zahlreiche Befunde auf den Zusammenhang von drohenden oder tatsächlichen wirtschaftlichen Deprivationsund Desintegrationserfahrungen und politischem Extremismus hin (Heitmeyer 1994; Rippl und Baier 2005).

Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Krise seit 2008 drängt sich zunehmend die Frage auf, wie das Verhältnis von wirtschaftlicher Desintegrationserfahrung und antidemokratischer Einstellung begründet ist. Seit Jahren ist eine Entwicklung beobachtbar, die mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zu Recht als „Polarisierung“ bezeichnet werden kann. Entlang der Einkommensentwicklung als Maß für die Schichtung der Gesellschaft macht das DIW eine stetige Abnahme der Gruppen mit mittlerem Einkommen, dafür aber eine deutliche Zunahme der untersten und höchsten Einkommen aus. Die Richtung dieser Einkommensmobilität ist nach Ansicht der Autoren eindeutig: Der Mittelstand schrumpft (Grabka und Frick 2008) und es kommt zu einer „Polarisierung der Einkommen: Die Mittelschicht verliert“ (Goebel et al. 2010). Oder, je nach Vorliebe für griffige Bilder, wird „die Mitte und der Abgrund“ (Drieschner 2003) beschrieben. Diese Entwicklung hat einen gesellschaftspolitischen Hintergrund, der eingangs dargestellt wurde: Bis zur aktuellen wirtschaftlichen Krise hat sich eine sta-bile antidemokratische, rechtsextreme Einstellung in jenen Bevölkerungsschichten gezeigt, die als Mitte bezeichnet werden kann. Entlang eines Schichtindex von Einkommensgruppen zeigten sich für Ostund Westdeutschland ein gemeinsamer Befunde: Die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen im Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung (Decker et al. 2013) war in allen Schichten gleichermaßen ausgeprägt. In Westdeutschland fanden rechtsextreme Aussagen von der prekarisierten Unterschicht bis hin zur oberen Mittelschicht gleichermaßen hohe Zustimmung. In den Jahren 2002 und 2004 erreichte die Aussagen bei der mittleren Mittelschicht und bei der prekarisierten Unterschicht die höchste Zustimmung, 2008 und 2010 bei der unteren Mittelschicht (Decker und Brähler 2010). Es ist also höchste Zeit, die Suche nach den Ursachen zu intensivieren. Das veraltende Konzept des Autoritären Charakters hat bereits einen Hinweis auf die große Bedeutung des Wohlstands geliefert.

 
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