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10. Gesegneter Boden ideologischer Verwirrung (Geiger)? Der Extremismus der Mitte

Oliver Decker, Johannes Kiess und Elmar Brähler

10.1 Die„Neue Mitte“

Wahlkämpfe werden spätestens seit der Bundestagswahl 1998 in Deutschland mit einem klaren Ziel geführt: Sie sollen die „Neue Mitte“ (Selbstbezeichnung der damals siegreichen SPD) erreichen. Der mehr oder minder ausgeprägte Erfolg an den Urnen führte wohl dazu, dass die damalige Opposition das „Mitte-Mantra“, wie die Berliner Tageszeitung „Der Tagesspiegel“ am 3.12.2007 titelte, aufgriff. Die Wahlkämpfenden konnten und wollten „die Mitte“ so wenig verpassen wie die Mehrheit in den Parlamenten. Nicht nur über vermutete Mehrheiten erhält man durch diesen Adressaten Auskunft bei den WahlkämpferInnen. Auch über den geistigen Zustand dieser Mehrheiten erhält man Informationen. Nach der Wahl ist vor der Wahl und so warf sich auch ein FDP-Minister in einem Gastbeitrag für „Die Welt“ in die Presche für die, „die alles erarbeiten“: „Die Missachtung der Mitte ist brandgefährlich“ (Guido Westerwelle in „Die Welt“ vom 10.2.2010).

Das deutsche Nachrichtenmagazin „Focus“ titelte 2009 zu Recht: „Die Mitte

– ein deutscher Fetisch“. Wie recht die Autorin dieses titelgebenden Beitrags mit dieser eher flapsigen, denn analytisch gemeinten Formulierung hatte, wird sich im Folgenden noch zeigen. Ein Verständnis dessen, was die „Mitte“ auszeichnet, ist dringend geboten, weil die Formulierung in mehrfacher Hinsicht richtig lag – wenn auch anders, als es wohl gemeint war. Nur: Was ist mit der viel beschworenen Mitte und der gesellschaftlichen Lage eigentlich gemeint?

10.2 Die Mitte als WählerInnenschaft der NSDAP

Ganz egal, ob als Klasse, Milieu oder Schicht bezeichnet: Die Bestimmung einer gesellschaftlichen Position und die Untersuchung der politischen Einstellung ihrer Angehörigen waren von Anfang an miteinander verschränkt. Nicht erst für den modernen Rechtsextremismus gilt der Zusammenhang von gesellschaftlicher Lage und politischer Einstellung, schon die TrägerInnen faschistischer und nationalsozialistischer Bewegungen waren am Vorabend des „Dritten Reichs“ analysiert und beschrieben worden. So mündete die vor 1930 von dem Soziologen Theodor Geiger vorgenommene Untersuchung des „alten“ und des „neuen Mittelstandes“ in eine Analyse beider Teile als „gesegneten Boden[s] ideologischer Verwirrung“ (Geiger 1930, S. 641). Diese „Verwirrung“ rührt, so schon Georg Simmel vor über 100 Jahren aus der Lage der Mitte: „Der Mittelstand allein hat eine obere und eine untere Grenze, und zwar derart, dass er fortwährend sowohl von dem oberen wie von dem unteren Stand Individuen aufnimmt und an beide solche abgibt.“ (Simmel 1908, S. 451 f.). An diesen Gedanken schließt Geiger an. Die „Verwirrung“ ist Folge der drohenden Abstiegserfahrung aus der Mitte in die Armut: „Die falsche Scham über den Abstieg äußert sich oft genug in Hass und Verachtung […]“ (Geiger 1930, S. 646). Der Ökonom Fritz Marbach hat 1942 auf die Schwierigkeiten einer klaren Abgrenzung des Mittelstandsbegriffs hingewiesen, aber gleichzeitig ebenfalls hervorgehoben, wie wichtig das Verständnis der sozialen Lage dieser Gruppe zum Verständnis der nationalsozialistischen Bewegung ist (Marbach 1942, S. 11). An Geigers Beschreibung der panikartigen Wählerwanderung einer Mittelschicht, die – ihren ökonomischen Abstieg befürchtend – ihren Weg von den bürgerlichen Parteien zur NSDAP einschlug, schloss dann der US-amerikanische Soziologe und Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset an. Zunächst ist festzuhalten, dass Lipsets Untersuchungen des Wahlverhaltens und der WählerInnenbewegungen am Ende der Weimarer Republik dingfest machten, was Geiger bereits bei einer oberflächlichen Betrachtung vermutet hatte: Die WählerInnen der NSDAP waren aus den Parteien der Mitte nach rechts abgewandert. Er gab diesem Befund den Namen „Extremismus der Mitte“ (Lipset 1959) und versuchte mit einem Irrglauben aufzuräumen, der bis heute weit verbreitet ist: „Gemäß dieser Auffassung neigen die Extremisten […] zur Diktatur, während die Gemäßigten in der Mitte die Demokratie verteidigen.“ (Lipset 1959, S. 450). Das krasse Gegenteil, so Lipset, ist jedoch der Fall. Die inhaltliche Nähe des Liberalismus ließ ihn im Nationalsozialismus nicht etwa den Gegenpart, sondern seinen Wiedergänger finden: „Hitler, ein Extremist der Mitte […]“ (Lipset 1959, S. 456), der mit wachsender Anerkennung in derselben rechnen konnte, „je weiter die wirtschaftliche und soziale Krise in Deutschland sich ausbreitete“ (Lipset 1959, S. 461). Der Begriff des „Extremismus der Mitte“ kennzeichnete schon bei Lipset und Geiger weniger die ideologische als die gesellschaftliche Lage der AnhängerInnenschaft faschistischer Parteien. Ersteres, die Ideologie, war schon immer durch eine radikalisierte Ideologie der Ungleichwertigkeit gekennzeichnet.

In Nachkriegsdeutschland gewann dieses Konzept teilweise zustimmende Aufmerksamkeit, etwa durch Ralf Dahrendorf, der im Anschluss an Lipset feststellte:

„Die Zerstörung der Demokratie ist ein Werk des Mittelstandes“ (zit. n. Kraushaar 1994, S. 34). Aber mehr noch als Zustimmung war Lipsets Befund vom „Extremismus der Mitte“ die Ablehnung sicher.

Zwar fand seine Feststellung auch in der weiteren Forschung empirische Bestätigung und ist bis heute Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Arbeit zum Rechtsextremismus (Falter 1981; Lohmann 1994; Butterwegge 2002), doch löste

„bereits eine bloße Erwähnung [der Theorie Lipsets, A.d.V.] […] in vielen Fällen massive Gegenreaktionen aus. Offensichtlich wird mit der These vom Extremismus der Mitte ein neuralgischer Punkt getroffen. Schon der abstrakte Gedanke, daß auch die Mittelschichten der Bundesrepublik ein antidemokratisches Potential in sich bergen könnten, wird als Zumutung, ja als Provokation verstanden.“ (Kraushaar 1994, S. 49). Bereits die von Lipset gewählte, eigentlich paradox anmutende Verbindung von „Mitte“ und „Extremismus“ zielte ins Zentrum der bestehenden Gesellschaft und keinesfalls nur auf den zwischen Unterund Oberschicht angesiedelten sozialen Ort. Denn der Begriff der Mitte bzw. des Mittelstandes ist nicht nur eine analytische Kategorie der Soziologie, sondern verbunden mit – zumeist mehr implizit, denn explizit formulierten – normativen und ordnungspolitischen Vorstellungen der Gesellschaft von sich selbst (exemplarisch Backes 2006). „Die Mittelklasse ist Maß und Mäßigung gleichermaßen, sie besänftigt die Extreme und garantiert sozialen Ausgleich.“ (Vogel 2009, S. 38).

 
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