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4.3 Moralische Urteile und Kritik

Die Frage, ob und welche moralischen Werte universelle Geltung besitzen, ist seit der Antike Gegenstand philosophischer Kontroversen. Von daher wäre es vermessen in der gebotenen Kürze Vorschläge zu unterbreiten, mit denen über die Moralität von Zielen und Handlungen apodiktisch entschieden werden könnte. Es gibt hierzu in der Philosophie unzählige und umstrittene Detailvorschläge. In der Pädagogik am bekanntesten ist vielleicht der entwicklungspsychologische Ansatz zum moralischen Urteil von L. Kohlberg, der eine Schulung moralischen Urteils unter anderem durch die Auseinandersetzung mit sog. Moralischen Dilemmata propagiert. Auf diesen Ansatz wird nur verwiesen, zumal darin primär das Niveau zu bestimmen versucht wird, das eine Person in seinem moralischen Urteil erreicht hat. Nur mittelbar geht es darin um die Vorbereitung und Prüfung der Moralität von Zielen und Handlungen. Gleichwohl darf man aufgrund der zahlreichen Untersuchungsergebnisse zum Kohlbergschen Ansatz vermuten, dass es einer entwickelten, hohen moralischen Urteilskompetenz bedarf, um die im folgenden Abschnitt skizzierten Prüfungen vorzunehmen.

Für die nachfolgenden Vorschläge zum moralischen Argumentieren und Urteilen, die auf Ausführungen von Bierman und Assali (1996, S. 490 ff.) basieren und dort relativ ausführlich erörtert werden, ist der Kategorische Imperativ Immanuel Kants Drehund Angelpunkt. Auch wenn der Bezug auf Kant einseitig erscheinen mag, stimmt sein Postulat, sich seines Verstandes zu bedienen, jedenfalls mit der hier vertretenen Zielsetzung überein, auch Fragen der Moral möglichst rational zu bearbeiten. Die moralischen Prinzipien sind nicht einfach vorgegeben; es bedarf zu ihrer Prüfung und Umsetzung der Fähigkeit des Menschen, sich Pflichten aufzuerlegen, mit anderen Worten, den Wert von Handlungen kritisch zu prüfen und danach zu handeln. Inhaltlich ist als moralisches Prinzip vorab nur die ‚Würde' der Lebewesen festgelegt, die zu dieser moralischen Leistung – faktisch oder, im Falle von Kindern, potenziell – befähigt sind.

Bierman und Assali bestimmen den moralischen Wert einer Handlung mit verschiedenen „Tests“, wobei als Entscheidungshilfe der Kategorische Imperativ in seinen verschiedenen Fassungen dient, so in der bereits zitierten Fassung:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Zudem wird die sog. Selbstzweckformel des Kategorischen Imperativs herangezogen, „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“, um so das Beurteilungsspektrum zur Bestimmung des Moralwerts von Handlungen zu erweitern.

Ob eine Handlung verboten, erlaubt oder verpflichtend ist, prüft Kant beispielsweise mit einem Universalisierungstest. Damit soll festgestellt werden, ob sich die in Frage stehende Handlung bei ihrer Verallgemeinerung (im Sinne des Kategorischen Imperativs) praktisch noch realisieren lässt oder sich logisch von selbst aufhebt.

In der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (1785) verdeutlicht dies Kant an einem Beispiel, das er in Form einer Maxime formuliert:

„Wenn ich mich in Geldnot zu sein glaube, so will ich Geld borgen, und versprechen es zu bezahlen, ob ich gleich weiß, es werde niemals geschehen.“

Die Maxime lässt sich nicht verallgemeinern, denn, so Kant, „die Allgemeinheit eines Gesetzes, dass jeder, nachdem er in Not zu sein glaubt, versprechen könne, was ihm einfällt, mit dem Vorsatz, es nicht zu halten, würde das Versprechen und den Zweck den man damit haben mag, selbst unmöglich machen, indem niemand glauben würde, dass ihm etwas versprochen sei.“ Mit anderen Worten, der Sprechakt des Versprechens verlöre im Falle, dass der geschilderte subjektive Grundsatz zur allgemeinen Regel würde, seine Bedeutung. Demnach ist die mit der geschilderten Maxime verbundene Handlung nicht erlaubt.

Mit Bezug auf die zweite angeführte Formulierung des Kategorischen Imperativs lässt sich zeigen, dass Handlungen, die Menschen – ohne deren Einwilligung – zum Objekt, zum Mittel für eigene Zwecke machen, moralisch nicht gerechtfertigt sind. Dazu gehören etwa Mord, Raub oder Sklaverei. Bei der moralischen Beurteilung solcher Handlungen kommt es nach Kant darauf an, nicht seine Empörung über die Handlung auszudrücken, sondern möglichst logisch zu prüfen, wie die Handlung und die dahinter stehende Maxime moralisch zu bewerten sind. Im Falle des Raubes mag die Handlung einer Person dadurch motiviert sein, dass sich jemand zuvor vom Opfer als stark benachteiligt fühlte. Doch lässt sich die so motivierte Maxime nicht verallgemeinern. Es würde bedeuten, dass jeder, der sich benachteiligt fühlt, zu einem Raub berechtigt ist. Hinzu kommt, dass durch Raub der Täter das Opfer zum bloßen Mittel seiner Ziele macht. Begrifflich ist es unmöglich, als Opfer seine Zustimmung zu geben, ausgeraubt zu werden. Dann würde die Tat nicht mehr Raub, sondern etwas anderes, etwa ein „vorgetäuschtes Verbrechen“ oder „Beihilfe zu einem masochistischen Unterfangen“ darstellen. Zusätzliche Überlegungen sind anzustellen, wenn etwa ein mit einer Handlung verfolgtes Ziel zwar gerechtfertigt werden kann, aber andere Wirkungen hinzukommen. Einen Wasserschutzdeich zu bauen, ist ein moralisch unbedenkliches Unternehmen. Wenn aber die Auslegung des Deichs absichtlich (z. B. um den Gewinn zu erhöhen) oder fahrlässig (weil die Berechnungen nicht überprüft wurden) so geplant wird, dass er möglichem Hochwasser nicht hinreichend standhalten kann, dann genügt die Handlung nicht mehr moralischen Prinzipien.

Allerdings zeigen sich auch Grenzen moralischen Räsonierens, wenn der Kategorische Imperativ Kants zu formalistischen Folgerungen verführt. Das ist auch Kant selbst unterlaufen, der in seiner mehrfach kritisierten Schrift „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ (1797) das absolute Verbot zu lügen verteidigt, selbst wenn die Lüge sich an einen potenziellen Mörder richten würde, der fragt, ob die von ihm verfolgte Person sich in das Haus des Befragten geflüchtet habe.

 
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