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4.2.2 Systematisierung wertbezogenen Urteilens

Bierman und Assali (1996, S. 403 ff.) rekonstruieren aus dem üblichen Vorgehen bei reflektiert getroffenen Entscheidungen die Elemente, die bei einer Evaluation von Zielen und Handlungen berücksichtigt werden sollten. Die Autoren unterscheiden sieben allgemeine Elemente für solche Evaluationen, um den Kontext der Ziele und Handlungen abzudecken und um zu einer angemessenen Entscheidung zu kommen:

1) Fakten und Gegebenheiten, von denen in der Situation zu auszugehen ist.

2) Angestrebte Ziele (wobei die Ziele selbst angestrebt werden oder aber Etappenziele darstellen, um ein anderes Ziel, etwa ein Letztziel wie „Glück“ zu erreichen: Beispielsweise kann das Ziel, im Wald spazieren zu gehen, das übergeordnete Ziel haben, Ruhe und Glück zu empfinden).

3) Die Handlungen, die als Mittel zum Erreichen des jeweiligen Ziels zu betrachten sind.

4) Welche und wie viele andere Menschen von der beabsichtigten Handlung betroffen sein werden.

5) Die Wirksamkeit der Handlung in Bezug auf den Betroffenen selbst und auf andere. Dabei sollten neben den ursprünglich intendierten Wirkungen auch mögliche unbeabsichtigte Wirkungen (Nebenwirkungen) erwogen und abgewogen werden.

6) Die Prooder Contra-Einstellungen gegenüber den eigenen Zielen und Handlungen und gegenüber denen anderer.

7) Die Bedeutung der Begriffe, die variieren kann, um Fakten, Handlungen, Personen, Wirkungen und Einstellungen zu verstehen (ein Afrikaner etwa kann mit „Kolonialismus“ anderes als ein Europäer verbinden, sowohl in Bezug auf die Einstellung zum Begriff als auch auf dessen Ziele und Wirkungen).

Am Beispiel eines geplanten Autokaufs sollen die sieben evaluativen Schritte kurz erläutert werden.

Fakten: Franz, ein vierzigjähriger Angestellter, lebt in einer Familie mit zwei Kindern. Um zu seiner neuen Arbeitsstelle an einem 35 km entfernter Ort zu gelangen, benötigt er ein neues Auto, zumal sein 20 Jahre altes Automobil nicht mehr verkehrstüchtig ist.

Ziele: Das Auto soll die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern (die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel würde jeden Tag mindestens die dreifache Zeit in Anspruch nehmen). Das Auto soll darüber hinaus auch für die Familienfreizeit nutzbar sein. Franz ist daran gelegen, ein für die vielen Fahrten sicheres und zugleich ein familienfreundliches Auto zu erwerben. Das Ziel des Autokaufs dient also auch dem übergeordneten Ziel von Franz, ein gutes Familienleben zu führen. Ein untergeordnetes Ziel ist für ihn dagegen der Umweltschutz; er möchte die Umwelt möglichst nicht mit Schadstoffen belasten, sieht für sich aber keine Alternative zum Autokauf.

Handlungen: Franz entscheidet sich nach dem Studium von Prospekten und in Absprache mit Frau und Kindern für ein Kombi-Fahrzeug der sog. Mittelklasse, das die notwendigen Sicherheitsmerkmale aufweist und zudem im Verbrauch akzeptabel ist.

Betroffene: In erster Linie ist Franz, in zweiter Linie seine Familie vom Kauf betroffen. Beides hat Franz berücksichtigt, auch dass der Kaufpreis das Familienbudget nicht unangemessen belastet. Vom Pkw-Verkehr sind aber auch die Mitmenschen und die Umwelt betroffen. Franz ist sich dessen bewusst, hat sich aber wegen der Kosten und der Verkehrsinfrastruktur für ein konventionell angetriebenes Fahrzeug entschieden.

Wirksamkeit: Der Kauf des Autos ermöglicht Franz, seine Aktivitäten an seiner neuen Arbeitsstelle zu entfalten. Auch die Familie freut sich, an Wochenenden die Fahrräder auf dem neuen Auto an den Stadtrand befördern zu können. Mögliche weitergehende Nebenwirkungen des Autokaufs sind Franz bewusst („Wenn jeder nur an sich denkt …“), glaubte jedoch, diese zurückstellen zu können.

Einstellungen: Franz steht seinem Autokauf positiv gegenüber. Obwohl er insgeheim auch ein Autofan war und noch ist, hält er sich aus Rücksicht auf Umweltprobleme zurück, seine Einstellung offensiv zu vertreten und sich hiervon in seiner Entscheidung lenken zu lassen. Beruf und Familie sind ihm wichtiger als die Automarke.

Bedeutung der Begrifflichkeit: Für Franz ist der Autokauf ein notwendiges, aber auch erfreuliches Übel. Ohne ein neues Auto könnte er Familie und Beruf nicht gut vereinbaren. Ihm sind die ökologischen Probleme bewusst, die der Individualverkehr mit sich bringt. Er wägt die Bedeutung materieller und immaterieller Güter gegeneinander ab.

Die Methode und auch das Beispiel scheinen fast selbstverständliche Abwägungsprozesse zu umschreiben, wenigstens für einen reflektiert Urteilenden. Vielfach sind bei persönlichen Wertund Präferenzentscheidungen die verschiedenen Bewertungsgesichtspunkte jedoch undurchsichtig und bedürfen mitunter der Mithilfe eines Beraters oder – bei ernsthaften persönlichen Konflikten – eines Psychotherapeuten, um Transparenz über Grundlagen biografi ch bedeutsamer Wertungen und Entscheidungen herzustellen.

 
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