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4.2 Hilfen zur Bestimmung des Werts von Handlungen und Zielen

Um den Wert von Zielen und Handlungen auf möglichst reflektierte und vernünftige Weise zu beurteilen, ist eine gründliche Abwägung der jeweiligen Situation und der möglichen Folgen von Handlungen angezeigt. Es existieren verschiedene Vorschläge, unter Einschluss von deduktiven und induktiven Methoden zu einem überlegten Werturteil in einer gegebenen Situation zu kommen. Hier werden zwei Methoden vorgestellt, um zu vernünftigen wertbezogenen Folgerungen, Urteilen oder Entscheidungen zu gelangen.

4.2.1 Das„Ben Franklin System“

Ennis (1996, S. 302 ff.) stellt unter anderem das „Ben Franklin System“ vor. Danach wird die Bewertung einer strittigen Situation erleichtert, indem möglichst alle relevanten für und gegen ein Urteil sprechenden Gesichtspunkte explizit einander gegenübergestellt werden. Ennis schlägt eine schriftliche Auflistung dieser Gesichtspunkte vor. Als Gesichtspunkte können angeführt werden:

■ Fakten, die in dem einen und in dem anderen Fall eintreten, ausbleiben oder abgeschwächt werden;

■ mögliche Konsequenzen der Entscheidung;

■ moralische oder gruppenbezogene Wertvorstellungen, die durch das Urteil tangiert werden;

■ Praktikabilität der mit dem Urteil verbundenen Konsequenzen.

Die Entscheidung zugunsten einer Alternative hängt davon ab, für welche mehr Gründe sprechen. Dabei lässt sich die unterschiedliche Wichtigkeit von Gründen berücksichtigen, indem wichtige Gründe doppelt gezählt werden. Ergänzend zu dem strittigen Urteil können alternative Entscheidungen aufgeführt werden, die aus bestimmten Gründen verworfen wurden.

Die etwas mechanistisch erscheinende Beurteilungsmethode ist in ihrem Anwendungsspektrum sicherlich eher für strittige Alltagsentscheidungen und Alltagskonflikte geeignet. Komplexe, weitreichende Entscheidungen – etwa das Pro und Contra für die Einführung eines zweistatt dreigliedrigen Schulsystems oder angemessene Sanktionen bei Jugendkriminalität – können mit dieser Methode nicht getroffen werden. Ein passendes Beispiel könnte dagegen sein:

In der Mensa der Universität/Schule sollten an einem Wochentag nur fleischlose Gerichte angeboten werden.

Tabelle 4.2 Gründe für Urteil über fleischlosen Mensa-Wochentag

Quelle: Eigene Darstellung

In Tabelle 4.2 sind einige Gründe für und gegen die Argumentation aufgeführt. Wie man der Tabelle entnehmen kann, mögen unterschiedliche Personen zu einem unterschiedlichen Urteil über die exemplarisch vorgestellte Frage kommen, weil sie unterschiedliche Pround Contra-Gründe vorziehen oder unterschiedlich gewichten. Auch ist es sicherlich möglich, weitere Argumente für das angeführte Beispiel zu finden. Vorteilhaft an der systematischen Abwägung des Pro und Contra erscheint jedoch, dass keine unüberlegten oder übereilten Entscheidungen getroffen und wichtige Gründe außer Acht gelassen werden. Positiv ist an der vorgeschlagenen Methode weiterhin, Alternativen in Erwägung zu ziehen, insbesondere wenn man sich nicht eindeutig für die in Frage stehende Forderung entscheiden kann.

 
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