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4.1 Eine Hierarchie der Werte

Bierman und Assali (1996, S. 437 ff.) (und diesen Autoren implizit folgend: Astleitner 1998) entwerfen eine Wertehierarchie, die für die Bewertung von Zielen und Handlungen herangezogen werden kann. Die Autoren unterscheiden universelle moralische Werte auf Hierarchiestufe 3 (wobei sie sich explizit auf Immanuel Kant beziehen) von gruppenbezogenen Wertvorstellungen und Normen (die in der utilitaristischen Ethik behandelt, dort allerdings begrifflich nicht von universellen Normen und Werten unterschieden werden) (Stufe 2) und individuellen Präferenzen (Stufe 1). Alle Wertentscheidungen, die moralisch erlaubt sind (also weder verboten noch verpflichtend sind), beziehen sich auf gruppenbezogene oder individuelle Präferenzen. Dieser Hierarchievorschlag vereinfacht sicherlich die Positionen und Kontroversen innerhalb der praktischen Philosophie, kann aber im Alltag hilfreich sein, wenn Handlungen und Ziele möglichst vernünftig bewertet werden sollen. Es gilt danach also der Grundsatz: Diejenige Handlung/dasjenige Ziel ist unter Alternativen zu wählen bzw. als angemessen zu beurteilen, die/das in der Wertehierarchie höher zu lokalisieren ist. Ich darf also keinen anderen verletzen (moralischer Wert), auch wenn ich dazu Lust und Laune hätte (individuelle Wertsetzung).

Auf der obersten Hierarchie-Ebene lokalisieren die Autoren also universelle moralische Werte, deren Geltung sie mit dem Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant begründen („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“). Bekanntlich werden darunter moralische Normen gefasst wie z. B. niemanden zu töten, die Verpflichtung die Wahrheit zu sagen oder die Würde des Mitmenschen zu achten.

Eine Ebene unter den moralischen Werten liegen für die beiden Autoren Wertpräferenzen von formellen oder informellen Gruppen. In Staaten fallen darunter etwa Ziele und Entscheidungen, die eine Gruppe (die Bürger) insgesamt betreffen und die zum Teil in Gesetzesform gefasst sind. Z. B. ist die Bestechung eines Abgeordneten oder eines Beamten durch einen Lobbyisten als ungesetzlich zu bewerten, wenn die gesetzgebenden Instanzen eines Staates ein entsprechendes Gesetz verabschiedet haben. Interessanterweise unterscheiden sich in dieser Hinsicht Staaten (Bestechung von Abgeordneten ist in der Bundesrepublik Deutschland erst seit Mitte der 1990er Jahre und auch nur eingeschränkt ein Straftatbestand). Allerdings rechtfertigt das Fehlen einer gruppenspezifischen Norm nicht die Bestechung politischer Entscheidungsträger; denn gemessen an höherwertigen, universellen Werten ist Bestechung – gleich, ob legal oder illegal – unmoralischen Handlungen zuzurechnen (was sich nach Bemessen von Bestechung am Kategorischen Imperativ zeigen ließe).

In informellen Gruppen gelten z. B. Freundschaft oder gegenseitige Unterstützung als Ziele selbst oder als Basis gemeinsamer konkreter Ziele (z. B. bezüglich des Naturschutzes oder in Form einer Bürgerinitiative etwa zur Errichtung eines Denkmals). Handlungen, die diesen Zielen dienen, sind vom Standpunkt der jeweiligen Gruppe aus als richtig und als angemessen zu beurteilen.

In großen, vor allem formellen Gruppen (z. B. in Staaten oder auch in sog. Volksparteien) entsteht das Problem, dass die Wertvorstellungen der Mitglieder divergieren (vgl. Bierman und Assali 1996, S. 461 ff.). Bindende Norm könnten dann Vorstellungen der Mehrheit werden, sofern sie in angemessener Weise ermittelt werden (z. B. durch Wahlen). Allerdings ist es ratsam, Spielräume für abweichende Ziele und Handlungen zuzulassen und nicht als „abnorm“ zu werten. In bestimmten Gruppen etwa gilt vegane Ernährung als Norm, und Fleischkonsum wird als unzulässig beurteilt. In westlichen, Fleisch konsumierenden Staaten sind sich vegan ernährende Gruppen jedoch in der Minderheit. Einstellungen und Handeln dieser Minderheit könnten von der Mehrheit als „abwegig“, aber auch als „zu tolerieren“ beurteilt werden. Die Bewertung ist somit abhängig davon, ob die betreffende Normvorstellung der Mehrheit strikt gilt oder Ausnahmen zulässt. Dabei ist stets auch zu berücksichtigen, dass das universelle Recht auf eine Privatsphäre gewahrt wird.

Auf der untersten Ebene der Wertehierarchie sind persönliche Einstellungen und damit verbundene persönliche Wertvorstellungen und Ziele angesiedelt. Es ist jedermann gestattet, persönlichen Zielen und entsprechenden Handlungen Wert beizumessen, sie als gut zu bewerten, andere Ziele und Handlungen als schlecht zu bewerten oder zu bestimmten Zielen keine Einstellung zu haben. Zu lernen, um die Note 1 zu erhalten, ist für jemanden gut, vorausgesetzt, dass er das Ziel durch Lernen erreichen kann. Genauso kann es für jemanden gut sein, wenn er ein naives Landschaftsbild einem Druck von Andy Warhol vorzieht und das Bild kauft, auch wenn Kenner deswegen die Nase rümpfen. Diese persönlichen Werte gelten für die betreffende Person und fallen in deren Entscheidungssphäre, solange und selbstverständlich nur solange diese Ziele und Handlungen nicht Gruppennormen oder moralische Werte tangieren. Wenn der Haupternährer der Familie sich ein teures Auto kauft, weil er dies für sich gut findet, handelt er unzulässig, sofern er durch das Ausschöpfen des verfügbaren Finanzbudgets das Wohlergehen der Familie, etwa eine gute Ausbildung der Kinder oder den Konsum hochwertiger Nahrungsmittel in der Familie gefährdet. Dass mit dem Autokauf auch moralische Debatten entfacht werden können (Umweltgefährdung, globales Wohlstandsgefälle), sei hier nur am Rande erwähnt.

Die Berücksichtigung persönlicher Wertvorstellungen mag auf den ersten Blick banal erscheinen; in gewöhnlichen alltäglichen Entscheidungen spielen persönliche Wertvorstellungen jedoch eine dominante Rolle. Sie sollten aber gegebenenfalls sorgfältig abgewogen werden, auch dahingehend, ob sie mit höherwertigen Wertvorstellungen vereinbar sind.

Im Übrigen weist die von Bierman und Assali favorisierte Wertehierarchie Parallelen zu entwicklungspsychologischen Theorien des moralischen Urteils auf, das sich vom Ausgangspunkt einer egozentrischen Moral über konventionelle (gruppenspezifische) Urteile hin zu einer universellen Moral entwickeln kann (vgl. Kohlberg 2001). Allerdings enthält die Wertehierarchie von Bierman und Assali keine entwicklungspsychologischen Annahmen. Sie dient der Evaluation konkreter wertbezogener Entscheidungen und ist als Hilfsmittel für die Beurteilung von Zielen und Handlungen weniger voraussetzungsvoll als das Bemessen von Werturteilen an einer Entwicklungsnorm.

 
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