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4 Wertende Argumentation

Argumente zu formulieren oder zu prüfen, die Werte (Values) oder Wertungen beinhalten, provoziert nicht selten Kontroversen. Wertende Aussagen, d. h. Werturteile sind grundsätzlich strittig und können nicht wie Aussagen über Fakten eindeutig (deduktiv) oder mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit (induktiv) als wahr oder triftig behauptet werden (vgl. Ennis 1996, S. 293). Dennoch ist die Auseinandersetzung mit dieser Problematik unumgänglich, da in den meisten unserer Aussagen und Argumente im Alltag Werte und Wertungen artikuliert werden. In wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzungen findet man Positionen, denen zufolge soziale Praxen generell auf (impliziten) Normen beruhen und damit stets auf Werte Bezug nehmen (Brandom 2000). Auch die gegenteilige Position ist zu finden, dass alle wertenden Aussagen sich letztlich auf faktische Aussagen zurückführen lassen. Unabhängig von diesen theoretischen, manchmal auch sophistischen Streitfragen ist es aber in den meisten praktisch relevanten Fällen möglich und wünschenswert (!), faktische und wertende Aussagen und Argumente zu unterscheiden.

An einigen Beispielen in Tab. 4.1 wird evident, dass beide Formen der Aussagen oft leicht unterschieden werden können.

Tabelle 4.1 Werteund Faktenbezug in Behauptungen

Quelle: Eigene Darstellung

an findet in der linken Spalte von Tab. 4.1 Aussagen, die wahre oder unwahre Tatsachen behaupten. Die Entscheidung, ob eine Sachaussage wahr oder falsch ist, ist nicht eine Frage des eigenen Wertbezugs, sondern hängt von der Übereinstimmung mit bekannten bzw. überprüften Tatsachen ab. Die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten ist historisch belegt (von diesen selbst), die Behauptung über die Schlafgewohnheiten von Kindern widerspricht dagegen der Alltagserfahrung in vielen Familien; möglicherweise gibt es zu den Schlafgewohnheiten von Kindern auch wissenschaftliche Befunde. Und über Bücherverkaufsstatistiken bzw. Lesehäufigkeiten dürften der Buchhandel oder Bibliotheken verlässliche Auskunft geben können. Die durch bestimmte Wertvorstellungen veranlasste Leugnung von Fakten, etwa der Evolution oder des Massenmords durch Nationalsozialisten, kann hier nicht erörtert werden. Die Beschäftigung mit dieser Thematik würde den Rahmen des Lehrund Studienbuches sprengen.

Dagegen enthalten die Aussagen in der rechten Spalte von Tab. 4.1 wertende Aussagen ganz unterschiedlicher Provenienz. Ist in Beispiel I.b eine ästhetische Bewertung für die Behauptung verantwortlich, spielen für das in Beispiel II.b wiedergegebene Urteil politische und moralische Werte eine Rolle. An Beispiel III.b ist zu erkennen, dass auch wissenschaftliche Aussagen herangezogen werden können, wenn eine Bewertung abgegeben wird. Aber man ersieht auch, dass III.b selbst noch kein Faktum beschreibt.

Das 4. Kapitel setzt sich im vorliegenden Rahmen das Ziel, Anregungen zu geben (und diese durch einige Aufgaben zu unterstützen), um Werturteile und wertende Aussagen in Argumentationen zu erkennen und möglichst vernünftig zu treffen. Diesem Ziel dient bereits die praktisch approximativ mögliche Unterscheidung von Sachaussagen und wertenden Aussagen. Vor allem sollen im Folgenden Vorschläge unterbreitet werden, wie vernünftige, plausible Wertungen in Aussagen, Handlungen und Zielen erreicht werden können. Damit wenden sich die Vorschläge gegen einen Werterelativismus, der nach dem Prinzip ‚Anything goes' operiert und das Anlegen eines Qualitätsmaßstabs an wertende Argumentationen für unmöglich erklärt oder dem Belieben des Einzelnen überlässt. Trotzdem: „Letzte Sicherheiten“ können von den folgenden Vorschlägen nicht erwartet werden.

 
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