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3 Induktive Methoden

Generelles Ziel des Argumentierens ist es – unabhängig davon ob es deduktiv oder induktiv geschieht –, angemessene, verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen bzw. Folgerungen zu finden, welche durch wahre Prämissen unterstützt und gefestigt werden. Damit eine Konklusion angemessen ist, benötigt man demnach wahre und stichhaltige Prämissen. Anders als bei der Deduktion können induktiv gewonnene Schlussfolgerungen jedoch Wahrheit nicht garantieren. In induktiven Argumentationen stützen die Prämissen die Wahrscheinlichkeit, dass die gezogene Konklusion wahr ist. Stets wird in den Folgerungen eines induktiv gewonnenen Arguments ein Mehr an Information ausgedrückt, als in den Aussagen der Prämissen tatsächlich enthalten ist. Diese Besonderheit lässt sich an einem einfachen Beispiel aufzeigen (vgl. hierzu Bierman und Assali 1996, S. 183 ff.): Alle bisher beobachteten Krähen sind schwarz. Die Folgerung, alle Krähen sind schwarz, bezieht die bisher nicht beobachteten und künftig beobachteten Krähen mit ein und kann deshalb nur als vorläufige Aussage betrachtet werden und, von der Logik aus beurteilt, nicht als bestätigt gelten.

Ein Großteil menschlichen Wissens basiert auf induktiven, durch Erfahrungen gewonnenen Konklusionen. Man akzeptiert solche Konklusionen, wenn sie hinreichend fundiert sind, trotz des Risikos, dass sie falsch sein könnten. Neu gewonnene Erfahrungen können Menschen jedoch veranlassen, auch lange vertretene und scheinbar bewährte Annahmen aufzugeben.

Der hypothetische Charakter von induktiven Argumentationen kann nochmals durch Kontrastierung zu dem bekannten deduktiven Syllogismus verdeutlicht werden (siehe Tab. 3.1).

Tabelle 3.1 Deduktiver und induktiver Syllogismus

Quelle: Eigene Darstellung

Zwar ist in diesem Fall die durch Induktion gewonnene Folgerung, dass alle Menschen sterblich sind, richtig; die Wahrheit dieser Aussage folgt jedoch keineswegs sicher aus den beiden voran stehenden Prämissen, wie man leicht nachvollziehen kann. An diesem Beispiel kann man weiterhin ersehen, dass die beiden Prämissen zwar auf anerkannten Fakten beruhen; gleichwohl ist die induktive Argumentation schwach bzw. inakzeptabel, da die Folgerung aus den Prämissen auf unzulässige Weise geschieht.

Häufig kommt es vor, dass in induktiven Argumenten die Prämissen fehlerhaft oder wenig verlässlich sind. Werden falsche, fehlerhafte Messwerte verwendet, kann etwa eine darauf beruhende Wetterprognose (die Folgerung) nicht gut fundiert sein. Hinzu kommt, dass als Prämissen von induktiven Folgerungen nicht nur unbezweifelbare Fakten herangezogen werden, sondern oft auch Konventionen, Erinnerungen o. Ä., die per se eine nur eingeschränkte Gültigkeit und Konsistenz besitzen. Ist keine sichere Aussage über die Wahrheit bzw. Zuverlässigkeit der Prämissen möglich (ohne jedoch sie als falsch abtun zu können), wird die gesamte Argumentation fragwürdig.

Zwar kann man versuchen, in Anlehnung an die wissenschaftliche Statistik (die sog. Inferenzstatistik) die Wahrscheinlichkeit und Plausibilität von induktiven Argumenten abzuschätzen (vgl. Bierman und Assali 1996, S. 235 ff.). Praktisch hilfreich ist ein solches Vorgehen im Alltag jedoch nur sehr bedingt.

Um induktiv gut zu argumentieren, sollten die folgenden allgemeinen Empfehlungen beachtet werden (vgl. Bierman und Assali 1996, S. 185, S. 235):

1) Man bemühe sich darum, alle verfügbaren Informationen (als Prämissen) zu sammeln;

2) andere konkurrierende Konklusionen, die sich ebenfalls aus Prämissen ergeben könnten, sollten geprüft und möglichst ausgeschlossen werden;

3) sind die Prämissen nur schwach und stellen sie nur sehr unsichere Belege dar, dann sollte auf die Formulierung einer Konklusion oder Hypothese verzichtet werden;

4) die Qualität eines induktiven Arguments sollte durch sorgfältige Prüfung sowohl der Prämissen, der Schlussfolgerungen als auch des gesamten argumentativen Designs evaluiert werden.

In vielen Fällen des induktiven Vorgehens (so auch im Beispiel von Tabelle 3.1) wird von speziellen oder individuellen Erfahrungen auf allgemeine Zusammenhänge (Gesetzmäßigkeiten) geschlossen. Da solche Annahmen über Zusammenhänge mit Unsicherheit behaftet sind, besitzen sie den Status von Hypothesen. Induktiv gewonnene Konklusionen über verallgemeinerte Zusammenhänge werden deshalb meist als Hypothesen bezeichnet. Ein anderes gebräuchliches Ziel beim induktiven Verallgemeinern besteht in der Bildung von Kategorien oder Klassen. Weiterhin kann das Ziel induktiven Denkens der Einzelfall sein, zu dem eine

„Diagnose“ oder Prognose abgegeben werden soll. In der Literatur findet man für diesen speziellen Fall häufig die Bezeichnung „Abduktion“. Als Formen induktiver Methoden werden im Folgenden die induktive Verallgemeinerung, die statistische Argumentation und die diagnostische Induktion vorgestellt.

 
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