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1 Einführung

Intuitiv gilt uns kritisch-analytisches Denken und vernünftiges Argumentieren als eine kulturelle Errungenschaft. Wir müssen unsere kritischen und argumentativen Kompetenzen einsetzen, wenn ein Sachverhalt strittig ist, wenn also für uns selbst oder für verschiedene Personen die Geltung, Richtigkeit oder Wahrheit einer Aussage nicht evident ist. Dass die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt, ist dagegen für uns ein schlichtes Faktum und keine strittige Frage mehr, über die räsoniert werden müsste (das war bekanntlich nicht immer der Fall, nämlich mindestens solange noch keine beweiskräftigen astronomischen Erkenntnisse vorlagen).

Mit dem vernunftgeleiteten Denken – sofern es nicht machtorientiert missbraucht wird – steht uns eine zivilisierte Form der Auseinandersetzung über strittige Sachverhalte zur Verfügung. Wenn wir im Alltag darüber debattieren, ob beispielsweise die öffentliche Infrastruktur ausreichend gepflegt wird, so gebrauchen wir dabei mehr oder weniger geeignete und überzeugende Argumente und nicht etwa tödliche Waffen. Leider kann man sich nicht immer aufgrund vorgebrachter Argumente auf eine Position einigen oder einen Kompromiss finden. Insofern sind der Wirksamkeit von vernunftgeleiteten Auseinandersetzungen faktische Grenzen gesetzt. Kulturell akzeptable Alternativen zum vernunftgeleiteten Denken gibt es dennoch nicht.

Die Aufgaben und Vorzüge des kritischen, vernunftgeleiteten Denkens und Argumentierens liegen indessen auf der Hand und fließen etwa in gängige Definitionen von „Argumentation“ ein. Nach Kopperschmidt (1989, S. 5) „wird unter

‚Argumentation' eine spezifische Form sprachlicher Kommunikation (Diskurs) verstanden, die der expliziten Herstellung eines rational motivierten Einverständnisses (Konsens) dient.“ Ähnlich sieht es Zarefsky (2014, S. 28), der dem Argumentieren die Rechtfertigung (justification) von Behauptungen (claims) unter der Bedingung von Unsicherheit aufgibt.

Wie es sich in den genannten Definitionsversuchen andeutet, ist der kritische Diskurs eine Errungenschaft, die zur „condition humaine“ zu gehören scheint und dementsprechend auch ein viel bedachter Gegenstand philosophischer und wissenschaftlicher Anstrengungen ist und war. Unter den Termini „Logik“ und „Rhetorik“ ist das Beschäftigen mit Denkmethoden mindestens seit Aristoteles bis heute verbreitet. Verbindungen bestehen auch zu modernen Disziplinen wie z. B. der Psychologie des Denkens und Problemlösens. Diese lange Tradition der Beschäftigung belegt die Bedeutung des Themas, erschwert allerdings auch eine umfassende theoretische Würdigung und Berücksichtigung im Rahmen einer praktisch-pädagogisch intendierten Einführung. Das Übungsbuch konzentriert sich deshalb auf wichtige Kernpunkte.

Grundsätzlich, so viel sei hier nur ausgeführt, kann man sich dem Thema kritisch-analytischen Denkens und vernünftigen Argumentierens von zwei Richtungen, von der Logik und der Rhetorik her nähern. So betont die Rhetorik den kommunikativen Aspekt des Argumentierens, bei dem es um das Überzeugen eines realen Gegenüber oder eines nur vorgestellten, potenziellen Publikums geht (etwa bei politischen Reden oder bei Zeitungskolumnen). Die Rhetorik berücksichtigt neben dem Aufbau von Aussagen und Begründungen auch deren kommunikative und situative Begleitumstände. Die in der Rhetorik angenommene Kontextabhängigkeit und (dadurch beeinflusste unterschiedliche) Überzeugungskraft von Argumentationen birgt ein Folgeproblem in sich: Wenn ein universeller Maßstab für die Vernünftigkeit von Argumentationen fehlt, kann ein Relativismus oder eine Beliebigkeit gegenüber dem Inhalt von Argumenten entstehen. Eine Schwierigkeit für die Rhetorik besteht dann darin, angemessene Kriterien zu finden, um beispielsweise für uns offensichtlich krude und verbrecherische nationalsozialistische Pseudo-Argumentationen als solche zu kennzeichnen und ihnen die Seriosität abzusprechen, wenngleich sie bei Millionen Bürgern auf Zustimmung stießen (Zarefsky 2014, S. 17). Die beiden zitierten Autoren (Kopperschmidt, Zarefsky) können im Übrigen der rhetorischen Richtung zugeordnet werden.

Der (formalen) Logik geht es dagegen um eine Analyse der Wahrheitsbedingungen von Aussagen und Argumentationen, unter Absehen ihrer lebenspraktischen Bedeutsamkeit. Das Anwendungsund Entwicklungsfeld der Logik ist heute eng mit der Mathematik verbunden. Ein großer Vorteil der logischen Herangehensweise liegt in der Konzentration auf die ‚Anatomie' von Aussagen, wodurch die herkömmliche Sprache – unabhängig von situativen und institutionellen Gegebenheiten und von Bereitschaften von Sprecher und Publikum – auf formale Korrektheit überprüft werden kann. Der Vorteil bringt gleichzeitig auch einen Nachteil der formalen Logik mit sich, dass nämlich von alltäglichen, praktischen Anwendungsfällen des Sprechens und Argumentierens abgesehen wird.

Alltagssprachliche Aussagen lassen sich mit den Mitteln der formalen Logik nur unzureichend beurteilen. Ob etwa die Argumentation eines Strafverteidigers angemessen ist, hängt nicht allein von der Logizität seiner Argumente, sondern auch vom situativen und vom rechtlichen Kontext ab (seine Argumente müssen klar vorgetragen werden, um das Gericht zu überzeugen; im bestehenden Rechtssystem hat ein Verteidiger nicht die Unschuld seines Mandanten zu beweisen, sondern „nur“ die Annahme von dessen Schuld zu widerlegen bzw. wirksam zu bezweifeln). Hinzu kommt, dass die formale Logik als Wissenschaftsgebiet für den Anwender eine beinahe unüberschaubar gewordene wissenschaftliche Ausdifferenzierung erfahren hat. Wenn man sich mit der Logizität von praktischen Argumentationen befasst, muss sie deshalb um Methoden der sog. informellen Logik erweitert werden, um zur rationalen, wenngleich weniger sicheren Beurteilung von Aussagen und Argumenten zu gelangen.

In den USA wird dieser informellen Logik unter der Bezeichnung „critical thinking“ oder „critical analytical thinking“ Rechnung getragen. Die Förderung dieser Kompetenzen wurde in den USA bereits in den 1990er Jahren zum „nationalen Bildungsziel“ erklärt (Halpern 1998). „Critical thinking“ wird fachspezifisch oder fächerübergreifend in tertiären Ausbildungsphasen zu Beginn der College-Phase gelehrt. Ennis (2011) versteht – wie viele anderen Autoren auch – unter „critical thinking“ ein vernünftiges und reflektiertes Denken, das zu Entscheidungen darüber führt, was von einer Sache zu halten ist oder was zu tun ist (im Original: „Critical thinking is reasonable and reflective thinking focused on deciding what to believe and what to do“). Dieser Definition ist zu entnehmen, dass es einem so verstandenen kritischen Denken um durchaus praktisch relevante Handlungsentscheidungen geht, die andererseits unter dem Vorzeichen von Vernunft („reasonable“) und reiflicher Überlegung („reflective“) getroffen werden. Damit hebt sich „critical thinking“ ab von einer unzureichenden, „trivialen“ Kritik um der Kritik willen, wie sie gelegentlich von pädagogischer Seite beklagt wird (Masschelein 2003).

Bei der Gliederung und den Inhalten des Übungsbuches mussten wir uns beschränken. Wir haben uns an ein bewährtes Muster gehalten. Wir nehmen als Ausgangspunkt formale Argumentationsmuster, wie sie in der Logik behandelt werden, die – wie erwähnt – jedoch für das praktische, alltägliche Argumentieren und Entscheiden nicht ausreichen und ergänzt werden müssen. Dabei orientiert sich das Übungsbuch an bewährten amerikanischen Vorlagen aus dem College-Bereich. Anregungen für die Texte und für die Konzeption der Aufgaben konnten vor allem dem The Critical Thinking Handbook von A. K. Biermann und R. N. Assali (1995) sowie dem Lehrund Übungsbuch Critical Thinking von R. H. Ennis (1996) entnommen werden, beides umfangreiche Werke, die nichts an Aktualität eingebüßt haben und sich für eine ergänzende und vertiefende Lektüre eignen.

Wir behandeln deshalb in den nachfolgenden Kapiteln die folgenden Denkmuster, die auch den praktischen Aufgabenstellungen und Herausforderungen des (wissenschaftsbezogenen) Alltags Rechnung tragen. Im Einzelnen haben wir folgenden Aufbau des Buches gewählt:

■ Zunächst erfolgt eine Einführung in deduktive Denkmethoden (2. Kapitel). Hier werden die logischen Schlussweisen und die damit verbundenen Fallstricke behandelt.

■ In 3. Kapitel werden induktive Methoden vorgestellt, die die Unsicherheit von Folgerungen und Entscheidungen in faktischen Angelegenheiten – etwa bei der Erkenntnisgewinnung in den empirischen Wissenschaften – berücksichtigen.

■ Anschließend beschäftigt sich das 4. Kapitel mit dem Sachverhalt, dass unsere Aussagen und Argumentationen in der Regel ausdrücklich oder unausgesprochen wertende Urteile enthalten. Ziel des Kapitels ist es, aufzuzeigen, dass trotz der damit verbundenen Perspektivität ein vernünftiges Vorgehen möglich und erstrebenswert ist.

■ Im letzten Teil (5. Kapitel) wenden wir uns dem Problem gewollt und ungewollt unfairer Debatten und Argumente zu. Es sollen die Aufmerksamkeit auf derartige Vorgehensweisen gelenkt und analytische Hilfen zur Vermeidung und Kritik solcher problematischer Argumentationsstrategien gegeben werden. Dabei kann und soll auch gelernt werden, vernünftiges Denken und Argumentieren inhaltsloser, bloß taktisch eingesetzter Rhetorik vorzuziehen.

Diesen Aufbau des Übungsbuches haben wir gewählt, weil es uns in erster Linie darum ging, ein Verständnis für vernünftiges Denken und Argumentieren zu vermitteln und so analytische Werkzeuge für die Beurteilung von Aussagen und Denkweisen bereitzustellen. Unsere Orientierung an der Logizität des Denkens und Argumentierens ist auch mit bekannten Modellvorstellungen aus der Psychologie kompatibel, die die Entwicklung des Urteilens und Wertens bei Heranwachsenden zum Gegenstand haben. Sowohl im Ansatz Kohlbergs (1976) und in seinen Adaptionen als auch bei King und Kitchener (1994) wird die Entwicklung des moralischen bzw. reflektierten Urteilens stufenförmig konzipiert und von der sich allmählich anbahnenden Fähigkeit zum logischen Denken abhängig gedacht. Bei der Verwendung des Übungsbuches im schulischen Kontext kann es empfehlenswert sein, entwicklungspsychologisch bedingte Beschränkungen und Unvollkommenheiten beim Urteilen und Argumentieren zu beachten. Der Monographie von King und Kitchener könnten hierfür aufschlussreiche Hinweise zu entnehmen sein.

 
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