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5.5 Emotionen und Enaktivismus

Ohne sich für eine bestimmte Emotionstheorie zu entscheiden, die auf die kognitive und emotionale Untersuchung von Themen angewendet werden könnte, bleibt die Beschäftigung mit Emotionen und ihrer Verbindung mit thematischer Bedeutung unvollständig. Das Gebiet der Emotionsforschung ist vielfältig und facettenreich. In den letzten Jahren wurde es durch die antidualistische Forschung um einen antikartesianischen Ansatz über die emotionalen Prozesse des Menschen erweitert (Johnson 2007; Thompson 2007; Scarinzi (ed.) 2015). Eine dezidiert antidualistische und daher antirepräsentationalistische Themenforschung muss die Wechselbeziehungen zwischen Kognition-Emotion und sensomotorischen körperlich bedingten Wahrnehmungsprozessen in den Mittelpunkt der Untersuchungsarbeit stellen können. Es wurde in dieser Arbeit bereits festgestellt, dass das Thema als schwache Repräsentation und daher als Schema, das eine Landkarte des Wissens des Lesers darstellen kann, die maßgebende Schematheorie in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft abschwächen kann und den Weg zu einer antidualistischen Auseinandersetzung mit Themen in der kognitiv-emotionalen Interaktion zwischen Lesern und Texten der Literatur ebnen kann. Die Rolle der Kontinuität zwischen Körper und Geist in der kognitivemotionalen Erschließung des Themas eines Textes der Literatur soll in den Blick genommen werden. Es soll hier betont werden, dass auch die Anerkennung der Kontinuität zwischen Kognition und Emotion zur Überwindung der dualistisch orientierten Kognitionswissenschaft bei der Untersuchung der Erkenntnisprozesse des Menschen und daher bei der Untersuchung der Entstehung thematischer Bedeutung beiträgt. Wie ich in dieser Arbeit bereits deutlich gemacht habe, ist in einem Theorieansatz ohne Repräsentationsbegriff im Bereich der Themenforschung das Thema als ‚embodied' Erkenntniselement in der Interaktion mit einer Textkohärenz in der Kontinuität zwischen körperlichen Prozessen der Wahrnehmung und Kognition und Emotion zu suchen. Aber wie ist Emotion nach dem Ansatz des ‚Enaktivismus' zu verstehen? Nach dem enaktiven Ansatz werden Emotion und Kognition nicht voneinander getrennt. Kognition ist, genauer genommen, nur dann möglich, wenn das Subjekt durch verkörperte Emotionen die Bedeutungen seiner Umgebung konstruiert und inszeniert, weil Emotion und Kognition sich gegenseitig bestimmen.432 Thompson (2007) formuliert die Wechselbeziehung zwischen Emotion und Kognition nach dem enaktiven Ansatz wie folgt: „Cognitive and emotional processes modify each other continuously on a fast timescale, while simultaneously being constrained by the global form produced by their coupling in a process of circular causality. This emergent form, the emotional interpretation, is a global state of emotioncognition coherence, comprising an appraisal of a situation, an affective tone, and an action”.433 Colombetti & Thompson (2008) ergänzen Thompsons Beobachtungen folgendermaßen: „Cognition is a form of embodied action (...). The enactive approach implies that we need to move beyond the head/body and subjective/objective dichotomies that characterize much of emotion theory. Appraisal is not a cognitive process of subjective evaluation “in the head” and arousal and behavior are not objective bodily concomitants of emotion. Rather, bodily events are constitutive of appraisal, both structurally and phenomenologically.”434 Nach den dualistischen Emotionstheorien ist eine Emotion dagegen durch zwei sich ergänzende Elemente gekennzeichnet: appraisal und arousal.435 Wie man Colombetti & Thompson (2008) entnehmen kann, ist in dualistischen Ansätzen arousal für die bloße körperliche Wahrnehmung der physiologischen Prozesse zuständig, denen durch appraisal – und daher durch mentale Prozesse – Bedeutung beigemessen oder zugewiesen wird. Mit anderen Worten: Physiologische Prozesse kann man nur durch mentale Prozesse bewerten und einordnen. Kognition wird auf körperlich erlebte oder erlebbare Prozesse angewendet, um diese zu interpretieren. Nach den dualistischen Ansätzen kann man nur durch Kognition die physiologischen Indikatoren von Angst, zum Beispiel, von den physiologischen Indikatoren von Freude unterscheiden.436 Auf das Thema der Literatur übertragen, bedeutet dies, dass die thematische emotionale Bewertung einer thematischen Bedeutung durch einen zweischichtigen Prozess erfolgt. Zuerst wird der physiologische Prozess getriggert und wahrgenommen und danach wird er durch Kognition interpretiert und in eine emotionale Kategorie eingeordnet. Der enaktive Ansatz macht aus diesem zweischichtigen dualistischen Prozess ein kognitiv-emotionales verkörpertes Phänomen, das den ‚gedankenlosen' Körper und reine Denkprozesse des Geistes, die die Welterscheinungen interpretieren können, nicht in den Mittelpunkt stellt. Das Subjekt als kognitiv-emotionale Größe wird dagegen als Maß aller Dinge betrachtet. Jede Wahrnehmung ist daher kognitiv-emotional, da Kognition und Emotion in einer Wechselbeziehung zueinander stehen und zugleich (und nicht nacheinander) als zwei gleichzeitig wirkende und sich gegenseitig beeinflussende Seiten derselben Medaille eine Rolle bei der Wahrnehmung spielen. Die Kontinuität zwischen Körper und Geist bestimmt den kognitiv-emotionalen und daher antidualistischen Erschließungsprozess des Themas eines Textes der Literatur. Dabei wird Emotion ein fester Bestandteil der Interpretation (bzw. des sense-making process437) bzw. der thematischen Bewertung. Aus meiner Sicht ist bzw. wäre das Thema in einem Ansatz ohne Repräsentationsbegriff insofern als ‚embodied' Erkenntniselement in der Interaktion mit einer Textkohärenz zu betrachten, als es aufgrund der Kontinuität zwischen körperlichen Prozessen der Wahrnehmung und Kognition und Emotion keine rein kognitive auf das Hintergrundwissen des Lesers zurückführende thematische Bedeutung gäbe, die emotional bewertet werden müsste, sondern diese als kognitiv-emotionale Bewertung in der Interaktion zwischen Leser und Text entstehen würde. Im Folgenden möchte ich auf eine offene Frage aufmerksam machen, die zukünftige Studien beantworten könnten. Dieser Abschnitt schließt mit der Frage ab, wie man literarisch relevante Themen mit allen Aspekten des Enaktivismus (Varela u. a. 1991) in Verbindung bringen kann. Wie kann man die Themenforschung an die Debatten über die Entwicklungen der antikartesianischen Kognitionswissenschaften anschließen?438 Obwohl diese Arbeit die klassische schematheoretische Auffassung von menschlicher Kognition nicht ganz abgelehnt hat, weil sie nach wie vor innerhalb der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft und Themenforschung maßgebend ist, wurde auf ihre Weiterentwicklung in den Kognitionswissenschaften hingewiesen. Der nächste Schritt innerhalb der kognitiv orientierten Themenforschung sollte darin bestehen, eine Auffassung von literarisch relevanten Themen in der Wissensstruktur des Lesers zu erarbeiten, die auch den jüngeren Entwicklungen in den nichtklassischen Kognitionswissenschaften gerecht werden kann. Eine solche Auffassung von Thema sollte anti-repräsentationalistisch orientiert sein. Sie braucht den kognitiv-emotionalen Aspekt der thematischen Bedeutungszuweisung in Betracht zu ziehen.439 Die Literaturwissenschaft kognitiver Prägung ist noch nicht so weit, als dass sie die nicht-klassische Kognitionswissenschaft dezidiert in die Themenforschung mit einbeziehen könnte und die analytische Literaturwissenschaft und die Komparatistik endgültig hinter sich lassen könnte. Für die zukünftige Entwicklung der Themenforschung sollte die Literaturwissenschaft in der Lage sein, nicht nur die Kognitionswissenschaften als Quelle von Studien und Theorien über menschliche Erfahrung zu betrachten, die bestimmt hilfreich für die Weiterentwicklung der literaturwissenschaftlichen Fragestellungen sind, sondern auch sie wiederum zu beeinflussen und zu bestimmen.440

 
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