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5.3 (Verkörperte) thematische Bedeutung und Emotionen

Bevor der Zusammenhang zwischen verkörperten Emotionen und thematischer Bedeutung hier hergestellt wird, werde ich zuerst den Begriff von ‚Emotionen' in den Blick nehmen. Ich werde dann den in der Literaturwissenschaft und Psychologie etablierten Begriff von Emotionen erläutern. Im Anschluss daran soll erklärt werden, wie Enaktivismus384 den Umgang mit dem Begriff ‚Emotion' geändert hat. Es soll die Frage beantwortet werden, wie enaktive Emotionen auf die Untersuchung von thematischer Bedeutung angewendet werden können.

5.3.1 Emotionen als mehrschichtiger Prozess

Wie Gerhard Roth (2003) betont, ist eine Definition von Emotionen nicht einfach.385 Nach den traditionellen Emotionstheorien mag der Grund wohl darin liegen, dass Emotionen Prozesse sind, die als zusammengesetzt aus physiologischen und mentalen Prozessen konzipiert werden. Emotionen entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel von Hirnaktivität und sensorischem, motorischem und hormonellem System. Sie beeinflussen nachweislich die höheren kognitiven Funktionen, die als Denken bezeichnet werden.386 In der Biologie sind emotionale Zustände im Bereich überlebenswichtiger Funktionen mit körperlich-vegetativen Zuständen verbunden, zum Beispiel bei Bedrohungszuständen mit erhöhter Reaktionsbereitschaft, Schwitzen, Herzklopfen, Kurzatmigkeit, erhöhtem Blutdruck, der Tendenz zur Flucht oder Abwehr. Sie haben in diesem Fall eine Signalwirkung. Als Triebe und Instinkte sind sie dazu da, das Überleben des Einzelnen, der Gruppe oder der Art zu sichern. Hierzu gehören der Nahrungstrieb, das Bedürfnis nach Schlaf, Wärme und Schutz, nach sozialem Kontakt, Verteidigung, Flucht, Angriff, Sexualität und Vieles mehr. Emotionen steuern unsere Gedanken, Vorstellungen und unsere Erinnerungen.387 Besonders auf Erinnerungen, Gedächtnis und Emotionen hat sich die psychologische Forschung konzentriert. Sie hat nachweisen können, dass bestimmte gefühlsbesetzte Situationen beim Wiedererleben bzw. Erinnern dieselben Gefühle hervorrufen wie beim ersten Erleben.388 Der Zusammenhang zwischen Emotionen und Gedächtnis wurde in der Psychologie während der letzten drei Jahrzehnte in Teilaspekten ausführlich untersucht. Hierbei geht es vor allem um die generelle Auswirkung von Emotionen bzw. Stimmungen auf den Erwerb, die Konsolidierung und den Abruf von Gedächtnisinhalten. Es geht um die Frage, ob die Gefühlslage, in der man sich beim Lernen von irgendwelchen Inhalten gerade befindet, einen Einfluss auf den Lernerfolg hat, und zwar abhängig und unabhängig von der Art der Inhalte. Auch wird gefragt, ob es hilft, sich beim Erinnern an irgendwelche Dinge in dieselbe Stimmung hineinzuversetzen, in die man sich beim Lernen dieser Dinge hineinversetzt hatte. Die Resultate solcher Untersuchungen unterstützen die Alltagserfahrung, dass Dinge umso besser erinnert werden, je deutlicher sie von emotionalen Zuständen begleitet werden. Dies trifft für das Erlernen sinnloser Silben genauso zu wie für Wortlisten, Bildergeschichten und persönliche Erinnerungen.

Allerdings sind einige nicht triviale Einschränkungen zu machen. Zum Beispiel dürfen die emotionalen Zustände nicht zu stark sein, sonst behindern sie möglicherweise den Erinnerungserfolg. Dies bedeutet, dass emotional überwiegende Erlebnisse unsere Gedächtnisleistung eher trüben als befördern.389 Alfes (1995) macht auf die folgenden Merkmale von Emotionen aufmerksam: Emotionen sind leib-seelische Zuständigkeiten einer Person, an denen sich je nach Betrachtungsebene verschiedene Aspekte oder Komponenten unterscheiden lassen. Diese sind eine subjektive Erlebniskomponente, eine neurophysiologische Erregungskomponente, eine kognitive Bewertungskomponente und eine interpersonale Ausdrucksund Mitteilungskomponente.390 Grundsätzlich werden daher drei Dimensionen unterschieden: Die physische, die psychische und die soziale Ebene emotionaler Prozesse und Zustände. Angesichts des komplexen Zusammenspiels mehrerer verschiedener Faktoren bei der Entstehung von Emotionen lässt sich eine interdisziplinäre Erklärung für Emotionen auch in der Literaturwissenschaft nicht vermeiden.391 Ein mehrschichtiger Emotionsbegriff, der die Sichtung der Textphänomene leitet, wurde von Winko (2003a) vorgeschlagen. Im Anschluss an semiotische Modelle fasst sie Emotionen als weder ursprünglich noch rein subjektive psychophysische Größen, sondern als abhängige Variablen einerseits der biologischen Gegebenheiten des Menschen, andererseits der historisch relativen Zeichensysteme einer Gesellschaft oder Kultur auf. Winko (2003a) zufolge sind Emotionen kulturell kodiert. Diese Kodes repräsentieren das gemeinsame kulturelle Wissen über Emotionen, formen und kontrollieren die Wahrnehmung und den Ausdruck von Emotionen und prägen das Wissen über emotionsauslösende Situationen. Sprache ist ein Medium der Kodierung von Emotionen und für Literatur das wichtigste. Kulturell geprägte, typisierte Emotionen sind in literarischen Texten sprachlich präsent und nicht von der semiotischen Bedeutung des Wortes getrennt.392 Die zentrale Bedeutung eines Wortes setzt sich aus wenigen Eigenschaften bzw. Komponenten zusammen, die den kognitiven Gehalt des Ausdruckes bestimmen, während zu den Randbedeutungen soziale, situationsabhängige oder affektive Komponenten beitragen, die für weniger wichtig gehalten werden.393 Bestimmte sprachliche Ausdrücke wie ‚Liebe' oder ‚Hass' entsprechen danach sogenannten basalen Emotionen, weil sie in keine weiteren sprachlichen Einheiten zerlegt werden können. Der Begriff ‚basale Emotionen'394 ist in der Forschung ziemlich kontrovers. Die Annahme, dass es basale Emotionen gebe, ist mit der Überzeugung verbunden, dass einige Emotionen primär und andere sekundär bzw. abgeleitet seien. Es ist allerdings problematisch herauszufinden, welche Emotionen als neuro-physiologische und auch kognitive Erscheinungen als primär und welche als abgeleitet gelten.395 Aus diesem Grund ist es ratsam, die Bezeichnung ‚basale Emotionen' zu vermeiden, wie auch Hogan (2003) feststellt.

Es fragt sich an dieser Stelle, wie eine thematische Abstraktion mit den drei Dimensionen von Emotionen in Verbindung gebracht werden kann. Was sagt eine kognitiv verarbeitete und emotionale Zustände auslösende thematische Abstraktion darüber aus, was für eine weltbezogene Erfahrung der Leser in einem Text der Literatur wiedererkennen kann? Die Formulierung ‚Untreue ist unmoralisch' als thematische Abstraktion stellt die Vergegenständlichung eines thematischen Wissensgehalts des Lesers dar. Sie vermittelt dessen Bewertung durch Sprache.396 Beide (Wissensgehalt und dessen Bewertung) werden durch die Interaktion mit dem Text aktiviert. Eine thematische Abstraktion ist aufgrund der subjektiven Wissensstruktur des Lesers durch die Aktivierung des Wissensgehalts ‚Untreue' zustande gekommen und vermittelt eine ebenfalls subjektive emotionale weltbezogene Erfahrung des Lesers. Nach den etablierten Emotionstheorien innerhalb der Literaturwissenschaft wird die subjektive Nuance einer Erfahrung mit dem sogenannten phänomenologischen Ton von Emotionen in der Rezeption von Literatur in Verbindung gebracht.397 Dies soll im Folgenden näher erläutert werden.

 
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