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2.1 Themen und Kognition

Brinker (1995) siedelt das Thema an der unscharfen Schnittstelle zwischen Sprachmaterial eines Textes und dem Erfassungsvermögen des Lesers an. Er befasst sich der analytischen Tradition gemäß mit dem referenziellen Wissen des Lesers.

Um die kognitiv orientierten Entwicklungsmöglichkeiten für die Themenforschung diskutieren zu können, die sich dezidiert von der analytischen Literaturwissenschaft abgrenzen sollen, soll im Folgenden Brinkers Beobachtung über die Rolle des Erfassungsvermögens des Lesers berücksichtigt werden. Brinker stellt Folgendes fest:

„A literary theory cannot be expected to yield criteria for the identification of the theme. (…). Expecting a theory of literature or a narratology to supply us with theme-identification criteria is analogous to expecting a theory of painting to supply us with criteria for determining that a given figurative painting is a depiction of a cow while its neighbour is a depiction of a horse.” (Brinker in Bremond u. a. (eds.) 1995, S. 44)

Brinker betont, dass eine Theorie, die die Identifikation eines Themas zum Gegenstand habe, eine Theorie erkenntnistheoretischer Prägung sei. Hiermit bringt er seine Gedankengänge auf den Punkt: Obwohl literarische Texte sowie jede andere Kommunikationsform ohne Themen nicht existieren können, da das Thema die inhaltliche Seite jeder Kommunikationsform gestaltet, hat es weder eine literarische Herkunft noch ist es eine für Literatur kennzeichnende Erscheinung. Aus diesem Grund beschäftigen sich Literaturwissenschaftler nur widerstrebend mit der Themenforschung, so Brinker.

Nach Brinker ist die Fähigkeit des Lesers, ein Inhaltselement als Thema zu erkennen, durch seine eigenen Wissenskategorien über die reale Welt bestimmt. Diese ermöglichen einem Leser, die poetische Vision nicht-poetischer Realitäten in Texten fiktionaler Literatur wiederzuerkennen.105 Da die Identifikation des Themas eines Werkes, d. h. des Inhaltselements, wovon das Werk handelt, bei der Bedeutungszuweisung von dem Wissen des Lesers über die reale Welt abhängig ist, kann es nicht allein an werkimmanenten, textuellen und sprachlichen Merkmalen erkannt werden. Aus diesem Grund lässt es sich nicht anhand des Instrumentariums ergründen, das Literaturwissenschaftler für die werkimmanente Untersuchung eines literarischen Textes zur Verfügung haben, so Brinker.106 In seinem Beitrag setzt Brinker referenzielles Lesen mit thematischem Lesen gleich. In Anlehnung an Wittgensteins Philosophische Untersuchungen und an seine Auffassung von „seeing as“ 107 geht Brinker davon aus, dass sich der Leser im Prozess des Lesens von den eigenen Vorstellungen leiten lässt. Brinker zufolge abstrahiert der Leser das Thema eines Textes nach assoziativen Gedankengängen als Referenz und nicht als Signifikat, daher spielen die sprachlichen Äußerungen im Text insofern eine wichtige Rolle, als sich sprachliche Korrelate der abstrahierten Referenz im Text erkennen lassen, die den Prozess der thematischen Abstraktion leiten.108 Bei der Interaktion mit der fiktionalen Welt des Textes bringt der Leser Brinker zufolge ein Bündel Inhaltselemente aus der fiktionalen Welt des Textes mit einer Referenz in der eigenen realen Welt in Verbindung. Dadurch bildet der Leser eine mentale Repräsentation des nach assoziativen Gedankengängen das Verstehen und Interpretieren des Textes leitenden Begriffes.109 Unkontrollierte und willkürliche assoziative Gedankengänge werden dadurch vermieden, dass die mentale Repräsentation des leitenden Begriffes aus der Interaktion der fiktionalen Welt des Textes mit dem referenziellen intersubjektiven Wissen des Lesers über die reale Welt entsteht.110 Die Möglichkeit, die eigene thematische Abstraktion mit anderen Lesern zu teilen, die über dasselbe referenzielle Wissen über die reale Welt verfügen, schützt den Leser vor referenziell falschen Bedeutungszuweisungen.111

Brinkers Überlegungen stehen aus meiner Sicht mit Wittgensteins Überlegungen im Einklang. Wittgenstein (1980) macht auf die Rolle des intersubjektiven Sprachgebrauchs aufmerksam, der dasjenige bestimmt, was über die Welt und uns selbst ausgesagt wird.112 Brinker scheint die Tatsache anzuerkennen, dass sprachliche Referenz ein sozialer Akt ist, der nur in einem Kontext sozialer Interaktion verstanden werden kann. Der Entwicklungspsychologe Tomasello (2002) bezeichnet diese Art sozialer Interaktion als Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit, die er in einem Zwischenbereich ansiedelt. Sie enthalten eine geteilte soziale Wirklichkeit, aber nur Teilmenge von Gegenständen aus der Wahrnehmungswelt und mehr Dinge als jene, die von sprachlichen Symbolen explizit angezeigt werden.113 Die Szene gemeinsamer Aufmerksamkeit ist strikt von der Szene der Referenz zu unterscheiden. Die erstere stellt einfach den intersubjektiven Kontext bereit, innerhalb dessen der Symbolisierungsprozess stattfindet. Die letztere wird explizit in einem sprachlichen Ausdruck symbolisiert.114 Bei Brinker (1995) übernimmt das referenzielle System von gemeinsamem Wissen über die reale Welt bei der Interaktion mit einer fiktionalen Welt eine Kontrollfunktion bei der Bedeutungszuweisung. Dass jeder Leser sich nicht zuletzt aufgrund geteilten Sprachgebrauchs auf gemeinsames referenzielles Wissen über die reale Welt bezieht, bedeutet aber nicht, dass der Text einem einzigen Thema zugeordnet werden kann. Ein Text sowie mehrere Texte können von unterschiedlichen Lesern mehreren Themen zugewiesen werden, die eine plausible Referenz in der realen Welt des Lesers haben. Jeder Leser kann assoziativ einen anderen Begriff als leitend anerkennen oder empfinden.115 Man darf hier hinzufügen, dass dies das Prinzip der Vieldeutigkeit oder Polyvalenz von Literatur widerspiegelt.116

Bei Brinker (1995) wird Thema sowohl als textueller semantischer Treffpunkt als auch als Treffpunkt des kulturellen Hintergrundwissens des Lesers betrachtet. Nach seiner Definition befindet sich das Thema an der Schnittstelle zwischen Sprachmaterial des Textes und Erfassungsvermögen des Lesers. Im Folgenden Brinkers Definition von Thema:

„‚Themes' are loci where artistic literary texts encounter other texts: texts of philosophy, or the social and human science, texts of religion and social ideologies, journalistic texts, including gossip columns, and personal texts such as diaries and letters. The various degrees to which a specific theme obviously dominates and generates other elements of an individual work indicate the various degrees to which the work allows, seeks, or resists consideration as an artistic equivalent of nonartistic texts.” (Brinker 1995, S. 36)117

Bei Brinker bleibt die Frage unbeantwortet, wie die Rolle des Wissens des Lesers in der Interaktion mit dem Text dazu beiträgt zu erklären, wie im Rezeptionsprozess die Struktur des Textes mit dem wissensbedingten Erfassungsvermögen des Lesers in Verbindung gebracht werden soll. Brinker stellt Überlegungen zu der Art und Weise an, wie die Aktivierung von Begriffen und Wissensgehalten über Referenzen in der intersubjektiven realen Welt des Lesers durch im literarischen Text enthaltene durch Sprache ausgedrückte Korrelate ausgelöst wird. Um zur Abstraktion des Themas eines Textes gelangen zu können, sind dieser Auffassung zufolge der Verweis auf die im Wissensgehalt des Lesers enthaltenen Kenntnisse über die Referenzobjekte der realen Welt und daher das intersubjektive referenzielle Wissen des Lesers unabdingbar. In Bezug auf die Identifikation des thematischen Patterns eines Textes der Literatur schafft diese kognitive Bedingung eine Grenze zwischen der fiktionalen und der nicht-fiktionalen Welt. Zusammenfassend kann man feststellen, dass Themen in fiktionalen Texten die Rolle übernehmen, die Verbindung zwischen fiktionalen Textwelten und der realen Welt des Lesers zu gewährleisten.118

Brinkers Standpunkt lässt darauf schließen, dass sogenannte ‚fiktive Gegenstände' aus den auf die Erfahrung eines Lesers in der Interaktion mit seiner Umwelt zurückführenden Wissenskategorien mit thematischem Anspruch auszuschließen sind. Unter ‚fiktiven Gegenständen' versteht man Ausdrücke ohne Anspruch auf Referenzialisierbarkeit, die nicht über wirkliche Gegenstände, sondern nur über fiktive Begriffe wie den Osterhasen oder auch Rotkäppchen etwas aussagen.119 In dieser Studie werde ich die Frage nach der Überschreitung der Referenzialisierbarkeit nicht in Bezug auf Fiktionalität/Wirklichkeit bzw. Fiktionalität/Wahrheit, sondern in Bezug auf die Erfahrungen des Lesers120 und auf deren Aktivierung behandeln, denn die Dichotomie Fiktionalität/Wirklichkeit bzw. Fiktionalität /Wahrheit ist weder mit der antidualistischen Kognitionswissenschaft noch mit den klassischeren kognitionswissenschaftlichen Ansätzen vereinbar. In dieser Studie wird in Bezug auf Texte der Literatur nicht von fiktionalen Texten, sondern im Allgemeinen, wenn möglich, von Texten der Literatur die Rede sein.121 Der Grund dafür liegt darin, dass das Spezifikum der Literatur nicht in der Gegenüberstellung von Fiktion und Wirklichkeit bzw. Wahrheit gesucht wird. In Anlehnung an den Russischen Formalismus wird es dagegen in der Interaktion zwischen der stilistischen Sprachform und den dadurch aktivierten kognitiven Prozessen, Erfahrungsund Wissensstrukturen des Lesers gesucht.122

In seinem Beitrag erwähnt Brinker (1995) die Funktion der Sprache eines fiktionalen Textes. Er erkennt der poetischen Sprache eines literarischen Werkes die Rolle zu, die fiktionale Welt von der realen Welt abzusondern. Die Identifikation des Themas eines fiktionalen Textes erfordert daher nach Menachem Brinker die Wiederherstellung der Verbindungen zur nicht-fiktionalen Welt durch eine durch Assoziationsvorgänge gesteuerte kognitive Aktivität des Lesers. Unklar bleibt bei Brinker aber, wie sprachlicher Ausdruck und Repräsentation von Begriffen in Form von Referenzen bei der Identifikation des Themas miteinander zusammenhängen und wie sie zusammenwirken. Unbeantwortet bleibt bei Brinker auch die Frage, welche kognitiven Kriterien das assoziative Denken als kognitiven Mechanismus steuern, damit die Assoziationen des Lesers kognitiv nicht außer Kontrolle geraten. Brinker erklärt nur, wie sie referenziell unter Kontrolle bleiben können. Er erkennt dem gemeinsamen referenziellen System des Lesers bei der Interaktion mit der fiktionalen Welt eine Kontrollfunktion zu. Dies reicht aber nicht aus, um die Mechanismen der Aktivierung literarisch relevanter Assoziationen zu erklären, die ein Leser kognitiv verwendet. In seiner Studie gibt Brinker ‚Ehebruch' und ‚St. Petersburg' als Beispiele für Themen an. Obwohl sich Brinker bezüglich der sprachlichen Form des vom Leser abstrahierten Themas nicht äußert, entnimmt man seinem Beitrag, dass ein abstrahiertes Thema als Lexem vergegenständlicht wird.123 Die Romane Madame Bovary und Anna Karenina, zum Beispiel, können der Referenz ‚Ehebruch' zugeordnet werden, während Dostoyevskys Romane ‚St. Petersburg' zugeschrieben werden können. Beide Referenzen werden durch ein Lexem vergegenständlicht. Brinker scheint daher, die thematische Identifikation eines Werkes allein auf die Zuordnung zu einem Referenzobjekt zu reduzieren. Er betont aber auch, dass ohne die Identifikation des Themas keine emotionale Reaktion des Lesers auf das Werk ausgelöst werden könne.124 Brinkers Beobachtung lässt meines Erachtens darauf schließen, dass es sehr wahrscheinlich sein könnte, dass ein auf ein Werk emotional reagierender Leser eine emotionsgeladene thematische Aussage über den Inhalt des Werkes zum Ausdruck bringen kann. Obwohl Brinker diesbezüglich nicht in die Tiefe geht und seine Arbeit zu allgemein ist, als dass sie auf konkrete Überlegungen in Bezug auf menschliche Emotionen und thematische Rezeption zurückgeführt werden kann, bietet sie einen Übergang zu Forschungsergebnissen aus der Textverarbeitungsforschung. Um ein Beispiel für eine emotionsgeladene thematische Aussage im Sinne Brinkers angeben zu können, bediene ich mich hier der Textverarbeitungsforschung. In Anlehnung an die Ergebnisse der Textverarbeitungsforschung aus dem Sammelband von Louwerse & van Peer (eds.) (2002) kann man behaupten, dass die Antwort auf die Frage‚ wie lautet das Thema von Madame Bovary?' folgendermaßen formuliert werden kann: ‚Untreue ist unmoralisch'. Diese deskriptive bewertende Aussage über den Inhalt des Romans vermittelt hervorgerufene Emotionen des Lesers durch die Identifikation des Themas. Mir scheint, dass sie Brinkers Beobachtungen veranschaulichen kann.

Brinkers angedeutete Position verweist meines Erachtens auf den sogenannten emotivistischen Ansatz, was die Einflüsse der analytischen Philosophie auf Brinkers Arbeit sichtbar macht. Die emotivistische Position werde ich in dieser Studie nicht in meine Argumentation mit einbeziehen, denn sie transportiert dualistische Untertöne, die hier abgeschwächt bzw. abgelehnt werden sollen. Allerdings entscheide ich mich an dieser Stelle für eine Abschweifung von der Besprechung von Brinkers Beitrag, um die Grenzen der analytisch orientierten emotivistischen Position in den Vordergrund zu rücken, damit Brinkers kognitive Anhaltspunkte hervorgehoben werden können und sich abheben können.

 
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