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6.5.2 Konservatismus

Am Liberalismus entzündete sich einerseits die konservative, andererseits die sozialistische Kritik. Das Wort Konservatismus (auch Konservativismus) kommt vom lateinischen „conservare“ für „erhalten, bewahren“. Der Konservatismus des 18. und 19. Jahrhunderts wurde ursprünglich vor allem durch Adel und Klerus, später auch von Teilen des Bürgertums vertreten[1]. Er orientierte sich grundsätzlich an vorbürgerlichen Ordnungsvorstellungen und lehnte die aufklärerischen, von angeborenen Menschenrechten ausgehenden und auf Vertragstheorien beruhenden Ordnungskonzepte der Liberalen ab.

Nicht die natürliche Freiheit des Menschen zur Selbstbestimmung über sein Leben, sondern dessen Eingebundenheit in eine durch Schöpfung und Tradition gegebene Ordnung kennzeichnen nach Edmund Burke (1729–1797), einem der wichtigsten Theoretiker des Konservatismus, die Stellung des Menschen im Gemeinwesen. Damit verbunden ist die Überzeugung von einer natürlichen und durch die Tradition aufrechtzuerhaltenden Ungleichheit der Menschen. Ideengeschichtlich orientieren sich die Konservativen vor allem an der Lehre des griechischen Philosophen Platon (428/427 − 348/347 v. Chr.) und an mittelalterlichen Kirchenvätern. Gesellschaft und Staat gelten ihnen als geistig-sittlicher Organismus, der gepflegt und erhalten werden muss. Dabei kommt den kirchlichen und weltlichen Autoritäten eine führende Rolle zu.

Am Liberalismus kritisiert der Konservatismus vor allem dessen Geringschätzung gegenüber überindividuellen Gemeinschaftswerten, die uns in der bestehenden Kultur und Tradition begegnen. Dazu gehört aus konservativer Sicht all das, was über lange Zeit historisch gewachsen ist und sich dadurch ganz offensichtlich bewährt hat: die alterhergebrachten Lebensformen, Bräuche und Sitten, die Ehe, die Familie und die Nation. Konservativ sein ist aber nicht ein „Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt“.61 Weil der Konservative seine Aufgabe darin sieht, diese ewig gültigen Werte zu pflegen und die Welt zu „veredeln“, ist er skeptisch gegenüber allen schnellen Veränderungen. Diese bringen nämlich die Gefahr mit sich, dass auch Errungenschaften, die über die Jahrhunderte gewachsen sind, mit einem Schlag verloren gehen. Veränderungen werden also im Konservatismus nicht rundweg abgelehnt, aber mit großen Vorbehalten betrachtet und strengen Prüfungen unterzogen.

Die für die liberalen so wichtige Trennung zwischen Wirtschaft und Staat war dem konservativen Denken völlig fremd, da man sich noch lange Zeit an der mittelalterlichen Ständeordnung orientierte, in der wirtschaftliche und politische Aufgaben im Prinzip durch ein und dieselben Autoritäten bewältigt und durch ein und dieselben Strukturen geordnet wurden. Der moderne politische Konservatismus des 20. Jahrhunderts versöhnte sich schrittweise mit den politischen und wirtschaftlichen Errungenschaften des Bürgertums, hielt aber vor allem am religiösen und ethischen Fundament des Gemeinwesens fest.

Auch die Konservativen müssen eine Antwort auf das Problem ungleicher Chancen bzw. ungleichzeitiger Entwicklungen geben. Was haben sie der liberalen Vorstellung von der Klugheit des Marktes, insbesondere von seiner im Preismechanismus verborgenen wundersamen Ausgleichfähigkeit, entgegenzuhalten? Wenn im konservativen Denken die Ordnung des Gemeinwesens über Autoritäten und deren Orientierung an Traditionen und Tugenden gewährleistet wird, dann kann auch nur hier die Kraft des Ausgleichs zu finden sein: in der Orientierung aller an der christlichen Nächstenliebe, am Auftrag zur Pflege der Tradition, zur Bewahrung der Schöpfung. Es ist also letztlich das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen, das dafür zu sorgen hat, dass keiner zu kurz kommt und die Werte der Gemeinschaft respektiert bleiben. Die Konservativen setzen somit auf das Gewissen des aufgeklärten Fürsten, des verantwortungsbewussten Staatsoberhaupts und Wirtschaftsführers, des unbestechlichen Abgeordneten und des mündigen Staatsbürgers. Der Schwachpunkt dieser Lösung liegt auf der Hand: Es ist ihre Unverbindlichkeit, weil es in dieser Konzeption keine irdische Instanz gibt, die, wenn das Gewissen versagt, an dessen Stelle zuständig wäre.

Beim Thema Europa und Globalisierung ist der Konservative vorsichtig, aber nicht grundsätzlich gegen den Fortschritt. Einerseits begrüßt er es, wenn die konservativen Werte sich ausbreiten und andere Werte zurückdrängen. Andererseits hat er Angst vor zuviel Öffnung und einer zu schnellen Integration, weil dies die eigene kulturelle und nationale Identität gefährden könnte. Heimat und Nation sind für den Konservatismus nach wie vor die wichtigsten räumlichen Bezugsgrößen.

Was den Frieden betrifft, so wird dieser aus konservativer Perspektive am besten durch die Stärke des eigenen Gemeinwesens gesichert. Dieses sorgt dafür, dass die Gefahren, die von Terror und Krieg drohen und letztlich aus „dem Bösen“ in der Welt resultieren, abgeschreckt und notfalls abgewehrt werden können. Umweltprobleme entstehen, so die konservative Sicht, aus einem Mangel an Aufklärung und Verantwortung. Ihre Bekämpfung ist deshalb in erster Linie eine Frage der Bildung, der Erweiterung der sachlichen und moralischen Kompetenzen des Menschen.

  • [1] Im Folgenden z. B. Fritsche 1977
 
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