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6.4.5 Kritische didaktische Akzente II: Zuständigkeiten

Ein weiterer kritischer didaktischer Akzent könnte darin bestehen, gezielt nach der Zuständigund Verantwortlichkeit sowohl für den Frieden wie für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zu fragen. Aus der Sicht der so genannten realistischen Schule der Internationalen Beziehungen sind im Wesentlichen die einzelnen Staaten und die von ihnen gegründeten Bündnisse für die Friedenssicherung zuständig. Konsequenz dieser Strategie ist freilich, dass der Einsatz von Militär immer parteilich ist. Solche Kriege sind in der Regel nur die Fortsetzung von Interessenspolitik mit anderen Mitteln und deshalb wird mit jedem Krieg bereits die Grundlage für die Revanche gelegt. Aus kritischer Sicht kann man überzeugend erklären, warum diese Strategie immer wieder scheitern muss: weil die Steigerung der Sicherheit des Einen die Unsicherheit des Anderen steigert, und, indem jeder nur an der Erhöhung seiner eignen Sicherheit interessiert ist, ein sich selbst verschärfendes Sicherheitsdilemma entsteht. Kritiker der realistischen Schule, die einen normativen Ansatz vertreten, setzen auch aus diesem Grund auf eine andere Strategie: die Entwaffnung der Staaten und die Einrichtung einer Weltpolizei, die gegenüber den Einzelstaaten und ihren Verteidigungsbündnissen den großen Vorteil hat, dass sie neutral sein kann. Dies würde allerdings so etwas wie ein Gewaltmonopol der UNO voraussetzen, das rechtsstaatlich kontrolliert und demokratisch legitimiert sein müsste. Dieses Konzept kann sich auf keinen Geringeren als Immanuel Kant berufen, der in seiner wichtigen Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) begründet, warum ein solcher auf Dauer gestellter Bund zwischen den Völkern die einzige Friedenslösung ist, die der menschlichen Vernunft genügt.

Auch beim Thema Umwelt könnte die Frage nach Zuständigkeit und Verantwortung aus der Sicht einer Kritischen Theorie der Gesellschaft anders gestellt werden, als dies im wirtschaftsliberalen Mainstream geschieht. Wer dem Konsumenten die ganze ökologische – wie im Übrigen auch die soziale – Verantwortung aufbürdet, der unterschlägt, wie sehr seine Möglichkeiten zum vernünftigen Handeln tatsächlich beschränkt sind: Meist weiß der Konsument fast nichts über die Bedingungen der Produktion, des Transports und der Vermarktung des Produkts, oft gibt es keine alternativen Produkte, und oft fehlt ihm die Kaufkraft dazu, wenn es solche Produkte denn wirklich geben sollte. Und wenn der Konsument all diese Hindernisse erfolgreich überwunden hat und er zu einem ethisch einwandfreien Produkt greifen kann, kann es geschehen, dass die Hersteller oder Händler der weniger einwandfreien Produkte die Preise senken und sich so neue Märkte mit neuen Kunden erschließen. Dann haben die moralischen Bemühungen unseres ethisch vorbildlichen Konsumenten der Umwelt nichts gebracht. Dies ist im Übrigen auch der Fall, wenn der Konsument der Versuchung erliegt, das Produkt mit dem geringeren ökologischen Fußabdruck dafür umso mehr zu nutzen (ReboudEffekt): wenn zum Beispiel der niedrige Spritverbrauch eines Autos durch weitere Fahrstrecken kompensiert wird. Aus all dem folgt, dass aus einer kritischen Sicht nicht primär der Konsument, sondern der Produzent für die ökologische – und soziale – Verträglichkeit der Produkte verantwortlich ist, genauso wie für die gesundheitliche Unbedenklichkeit. Wenn der Produzent seiner Verantwortung nicht nachkommen will oder kann, müssen jene Spielregeln korrigiert werden, nach denen er spielt (vgl. Kap. 6.2). Auch hier geht es wieder um eine kritische Analyse der herrschenden Wirtschaftsordnung, deren zugrunde liegende Verwertungslogik wenig Rücksicht auf die innere und äußere Natur des Menschen nimmt[1].

  • [1] Reheis 2011, Kap. 9
 
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