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6.4.3 Elementare Zusammenhänge II: Vom Verhalten zu den Verhältnissen

Diese traditionelle Friedensund Umwelterziehung ist mit einigen Problemen konfrontiert: Erstens ist zweifelhaft, ob das vermittelte Wissen hinreichend Einfluss auf das Bewusstsein und dieses wiederum auf das Verhalten als Wirtschaftsbzw. Staatsbürger hat. Zumindest für das Umweltwissen wurde nachgewiesen [1], dass ein solcher Einfluss kaum existiert. Empirische Untersuchungen über die Auswirkungen des Europawissens von Schülern[2] legen ebenfalls nahe, dass auch im Bereich Friedensund Sicherheitspolitik der Einfluss des Wissens auf das Verhalten höchst begrenzt ist. Damit hängt zweitens zusammen, dass die auf Friedensund Umwelterziehung zielenden Bemühungen primär auf die Beeinflussung des individuellen Verhaltens ausgerichtet sind. Die strukturellen Verhältnisse jedoch, innerhalb derer das Verhalten stattfindet, werden weitgehend ausgeblendet. Der ausschließlich auf das Verhalten zielende individualistische Ansatz berücksichtigt das Ausmaß der Vergesellschaftung der Beziehungen zwischen Mensch und Mensch einerseits und der Beziehungen zwischen Mensch und Natur andererseits nicht. Er nimmt die Quellen und Senken des Naturhaushalts als gegeben hin und blendet aus, dass sie nicht nur von der Natur, sondern immer auch von der Kultur und Gesellschaft verwaltet, also geschont oder geplündert werden. Der individualistische Ansatz vertraut insgesamt auf die Fähigkeiten des real existierenden Marktes genauso wie auf die Fähigkeiten der real existierenden Demokratie (vgl. Kap. 6.2). So fehlt ihm als friedensund umweltpädagogischer Ansatz mit dem Sinn für Strukturen auch jeglicher Sinn für Ideologiekritik. Schlimmer noch:Er steht unter dem Verdacht, das an der gesellschaftlichen Oberfläche gebildete Bewusstsein nur zu verdoppeln, also selbst Ideologie zu produzieren.

Das dritte und immer dringlicher werdende Problem der traditionellen Ansätze ist die weitgehend getrennte Bearbeitung der beiden Politikfelder. Wie eng die Wechselbeziehung zwischen Friedensund Umweltpolitik in Wirklichkeit aber ist, wird umso offensichtlicher, je mehr die Umweltfrage an Bedeutung gewinnt. Je knapper lebenswichtige Ressourcen (Öl, Wasser, fruchtbarer Boden) in bestimmten Weltregionen oder weltweit werden, desto mehr Aufwand wird zu ihrer Verteidigung getrieben. Und je mehr Aufwand getrieben wird, desto mehr Ressourcen werden dafür benötigt[3]. Genau dieses Auseinanderdividieren von Frieden und Umwelt möchten die Ansätze des Globalen Lernens und der Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung die einander gut ergänzen und weiter unten vorgestellt werden von Vornherein vermeiden.

  • [1] Kuckartz 1998
  • [2] Oberle 2012
  • [3] Analoges gilt im Übrigen auch für die sozio-kulturelle Umwelt: Je brüchiger das Vertrauen zu den Nachbarstaaten ist, desto mehr wird für die eigene Absicherung unternommen Und je mehr ein Staat für seine Sicherheit tut, umso gefährlicher wirkt er wiederum auf seinen Nachbarn. Wir haben es hier also mit einem klassischen Sicherheitsdilemma zu tun, das sich in Verbindung mit der ökologischen Dimension noch einmal verschärft
 
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