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6.4.2 Elementare Zusammenhänge I: Traditionelle Friedensund Umweltpädagogik

„Friede ist das einzige Ziel von Politik, aber Politik ist auch der einzige Weg zum Frieden[1].“ Dieses Zitat des Politologen Dolf Sternberger beinhaltet zwei für die Politik fundamentale Erkenntnisse: Erstens besteht ein enges Wechselverhältnis zwischen Friede und Politik, beide brauchen einander, beide müssen deshalb gehegt und gepflegt werden. Und zweitens ist der Satz nur verständlich, wenn ein weiter Politikbegriff zugrunde gelegt ist. Auch scheinbar unpolitische Aspekte des Gemeinwesens zielen auf den Frieden. Sternberger fährt fort: „Der Anfang der Friedensphilosophie ist das Erschrecken.“ Der Zusammenhang zwischen Friede und Politik ist den Beteiligten und Betroffenen meist nicht hinreichend bewusst. Erst wenn der Friede wirklich verloren ist fragen wir, was da eigentlich mit uns geschehen ist. Erst dann kommt auch die Umwelt in den Blick: Traditionellerweise ist es die soziale Umwelt, die das Heraufziehen der Kriegsursachen und –anlässe ankündigt. Heute aber müssen wir erkennen, dass auch die natürliche Umwelt in die Suche nach den Ursachen eines verlorenen Friedens einbezogen werden muss. Buchtitel der letzten Jahre wie „Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird[2]“ oder „11 drohende Kriege: Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung[3]“ könnten uns heute schon erschrecken lassen.

Für eine solide Sachanalyse der Friedensund Umweltpädagogik ist es hilfreich, sich zunächst die traditionellen Konzeptionen der Politischen Bildung in diesem Bereich bewusst zu machen. Als wichtiges Ziel der Friedenserziehung gilt in diesen Konzepten, Menschen zu befähigen, in Konfliktsituationen sich nicht von blinden Gefühlen leiten zu lassen, sondern der Vernunft eine Chance zu geben. Das erfordert vor allem die Bereitschaft und Fähigkeit, gedanklich und emotional in die Haut des vermeintlichen oder tatsächlichen Kontrahenten zu schlüpfen. Man geht davon aus, dass durch einen beiderseitigen Perspektivenwechsel die Wahrscheinlichkeit von Kompromissen steigt und sich Gewaltübergriffe erübrigen[4]. Dieses Prinzip bildet auch die Leitlinie der offiziellen staatlichen Sicherheitspolitik, wie sie vor allem Schülern und Soldaten vermittelt und in der Öffentlichkeit meist auch geglaubt wird: Das Militär ist zwar dazu da, einen möglichen Angreifer von Vornherein abzuschrecken, aber gleichzeitig ist man um Kooperation bemüht und versucht dabei, die Interessen des Gegenübers ernst zu nehmen. Diese sicherheitspolitische Doppelstrategie aus „robusten“ und „sanften“ Elementen zeigt sich im Übrigen auch bei der NATO[5], wenn sie in ihren Selbstdarstellungen Wert darauf legt, nicht nur ein militärisches, sondern auch ein ziviles politisches Sicher heitsbündnis zu sein[6]. Klassische Friedenspädagogik ist immer ein Plädoyer für die wechselseitige Ergänzung von kooperativem Konfliktmanagement und militärischer Abschreckung, also für die bewährte Kombination von Zuckerbrot und Peitsche. Zu prüfen wäre freilich, ob diese Kombination wirklich in sich konsistent ist. Sie hat Kriege bisher jedenfalls nicht aus der Welt geschafft.

Eine ähnliche Doppelstrategie verfolgt die traditionelle Umwelterziehung. Einerseits will sie die Lernenden dazu befähigen, in erster Linie das eigene Konsumverhalten so auszurichten, dass ökologische Schäden so gering wie möglich gehalten werden. Das ist gewissermaßen die sanfte Strategie. Andererseits sieht man im Wirtschaftswachstum und dem mit ihm einhergehenden Verbrauch an Naturressourcen eine unverzichtbare Grundlage für unseren Wohlstand, aus dem letztlich auch der Umweltschutz erst finanziert werden kann. Das könnte man als Analogon zur robusten Strategie in der Sicherheitspolitik interpretieren. Auch hier müssen Zweifel angemeldet werden, ob sich beide Strategien wirklich miteinander vereinbaren lassen. Vertreter der Postwachstumsökonomie bzw. –gesellschaft wie

z. B. Niko Paech [7] plädieren für eine radikale Abkehr vom Wirtschaftswachtum und setzen ganz auf eine kulturelle Revolution, deren Kern ein völlig verändertes Konsumverhalten ist. In einer teilweise oder ganz auf die Beeinflussung des Konsumverhaltens zielenden Umwelterziehung kommt es in erster Linie darauf an, Wissen über die Verletzlichkeit der natürlichen Grundlagen des Lebens und ein allgemeines Verantwortungsbewusstsein für das eigene Tun zu vermitteln. Insofern ist Umwelterziehung auch eine fachübergreifende Aufgabe mit naturwissenschaftlichen, ökonomischen und ethischen Bildungsinhalten. Für die Politische Bildung kommt die Rolle hinzu, die der Mensch als Staatsbürger in Hinblick auf den Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen spielt. Als mündiger Wähler muss er die umweltpolitischen Konzepte der Parteien und die Funktionsweise umweltpolitischer Maßnahmen (Handel mit Umweltnutzungszertifikaten, Steuern/ Abgaben, Subventionen, Geund Verbote, Infrastrukturpolitik) kennen, als zivilgesellschaftlich Engagierter über jene Kompetenzen verfügen, die ihn zur umweltpolitischen Partizipation befähigen. Dies schließt mittlerweile den Diskurs um das Dogma des Wirtschaftswachstums und die Alternativen dazu mit ein.

  • [1] Sternberger 1986, S. 7, zitiert nach Negt 2010, S. 11
  • [2] Welzer 2010
  • [3] Rinke/Schwägerl 2012
  • [4] Man beruft sich dabei oft auf einen auf die römische Gerichtsbarkeit in der Antike zurückgehenden Grundsatz, nach dem der Richter bei Beschuldigungen stets auch die andere Seite anhören soll (audiatur et altera pars)
  • [5] Z. B. Woyke 2001
  • [6] Die Zusammenarbeit zwischen dem militärischen Teil der NATO und der ganz und gar zivilen UNO ist entsprechend den rechtlichen Vorgaben so konzipiert, dass die UNO in einem ernsten Konfliktfall zuerst all ihre Vermittlungsbemühungen ausreizen muss, ehe durch eine Resolution im UNO-Sicherheitsrat militärische Maßnahmen erlaubt werden können
  • [7] Paech 2012
 
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