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6.3.5 Kritische didaktische Akzente III: Internationale Ungleichgewichte und Konflikte

Ein dritter kritischer didaktischer Akzent im Themenfeld „Europa und Welt“ könnte das Thema „Ungleichheit und Konflikt“ sein. Die aktuelle Konfliktlage in Europa wie auch weltweit hat bekanntlich sehr viel mit Sozialer Ungleichheit zu tun, sowohl auf nationaler wie hier vor allem auch auf internationaler Ebene. Für Europa ist offensichtlich, dass Deutschlands hohe, im Wesentlichen industriell ausgerichtete Produktivität den Ländern mit niedrigerer Produktivität, vor allem den stärker agrarischen Ländern in Südeuropa zu schaffen macht. Wenn Hersteller von Luxuslimousinen und Hersteller von Olivenöl miteinander in Austausch treten, ist schwer vorstellbar, wie auf Dauer beide gleichermaßen profitieren können, erst recht nicht, wie die Olivenbauern wirtschaftlich aufholen können sollten. Die private und öffentliche Verschuldung in Südeuropa einerseits und die hohen privaten Vermögen sowie die relativ moderate öffentliche Verschuldung im Norden andererseits dürften zu allererst genau diesem extrem unterschiedlichen Produktivitätsniveau geschuldet sein. Dass dazu noch ein grobes Staatsversagen in Griechenland, Spanien und auch Italien zum Beispiel in der Steuerpolitik kommt, ist eher als Folge dieser ökonomischen Asymmetrie der Produktivitäten als deren Ursache zu verstehen. Im Übrigen ist bezeichnend, dass die privaten Vermögen Europas etwa vierbis fünfmal so hoch wie die öffentlichen Schulden sind. Allein die Privatvermögen in Deutschland, die sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt haben, würden ausreichen, die Staatsschulen aller Eurostaaten zu bezahlen [1].

Bezieht man die Zeitgeschichte mit ein, so zeigt sich zudem, dass Deutschland bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts in Europa immer wieder brachiale Hegemonialpolitik betrieben hat. Sowohl die Kriegspläne des Ersten wie die des Zweiten Weltkriegs zielten nicht zuletzt auf die Ausschaltung aller europäischen Wirtschaftskonkurrenten und die Etablierung eines „mitteleuropäischen Wirtschaftsverbands“ unter deutscher Führung[2]. Dahinter stand das Interesse der deutschen Industrie, ganz Europa in eine von Deutschland abhängige, zum Teil vasallenähnliche wirtschaftliche Stellung zu zwingen. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die deutsche Wirtschaft an die Stelle des Militärs als Gestalter Europas getreten. Ein wirkliches Interesse an einer nachholenden Entwicklung Südeuropas konnte sie nicht haben, wohl aber an willigen Arbeitskräften, billigen Südfrüchten, Urlaub in der Sonne und – zum erheblichen Teil mit Krediten finanzierte – an Absatzmärkten für deutsche Industrieprodukte. Schon weit vor Einführung des Euro fielen die Wachstumsraten Südeuropas immer mehr zurück. Mit seiner Einführung hat sich daran nichts Wesentliches geändert, außer dass den schwächeren Volkswirtschaften die Möglichkeit genommen wurde, durch das Drucken von Geld und die Abwertung der eigenen Währung einen gewissen Ausgleich für die unterlegene Produktivität zu schaffen.

Der Bonner Historiker Dominik Geppert kommt zu dem Schluss, dass die seit Ende des 19. Jahrhunderts existierenden und sich verstärkenden wirtschaftlichen Ungleichgewichte notwendigerweise dazu führen mussten, dass der deutsche Staat eine „halbhegemoniale“ Politik betreibt. Folge ist, dass der reale europäische Integrationsprozess die Nationalismen nicht „abschleift“, sondern „zuspitzt“[3]. Auch das Vordringen islamistischer Bewegungen im nördlichen Afrika wird von vielen Beobachtern als Folge der fehlenden Wirtschaftsperspektiven gedeutet, die nicht unwesentlich durch den Kolonialismus und Neokolonialismus der Europäer verursacht sind und viele junge Männer in ihrer Verzweiflung in die Arme von Terrorgruppen treibt.

Wer die Funktionsweise einer kapitalistischen Wirtschaft versteht, kann über diese Entwicklung wenig überrascht sein. Motor des kapitalistischen Wirtschaftens ist das „Produzieren um der Produktion willen“ (Marx), also die Vermehrung von Geld. Nicht der Bedarf nach Gütern und Diensten ist also der Zweck des Wirtschaftens, sondern die Akkumulation von Wert. Bedürfnisse werden nur registriert, wenn sie mit Kaufkraft ausgestattet sind, weil sie nur dann als Mittel der Geldvermehrung taugen. Entscheidend für die Entstehung der wirtschaftlichen und sozialen Asymmetrien ist der spezifische Rückkoppelungsmechanismus zwischen Gewinn und Investition: Je mehr Geld aufgehäuft ist, desto besser werden die Chancen, in der nächsten Runde noch mehr Geld aufzuhäufen. Natürlich gibt es dabei immer auch Risiken und gegenläufige Kräfte, aber am Ende geht es um die Akkumulation von Wert, eben das Wachstum der Wirtschaft. Empirisch lässt sich dies z. B. daran sehen, dass sich seit Beginn der Durchsetzung des Kapitalismus im 17. Jahrhundert sowohl in Europa [4] als auch in der Welt insgesamt[5] die Produktivitätsniveaus nicht angeglichen, sondern dramatisch auseinanderentwickelt haben. Geändert hat sich im Laufe der Jahrhunderte zwar immer mal wieder die Rollenverteilung, die Kluft aber zwischen den Starken und Schwachen hat sich vervielfacht. Aus einer kritischen Perspektive ist es also völlig illusorisch, auf eine vom Markt selbst ausgehende nachholende Entwicklung der Schwachen zu hoffen. Vielmehr sorgen die kapitalistischen Märkte – zum Beispiel auch über die Höhe von Kreditzinsen – letztlich dafür, dass die Schwachen noch schwächer, die Starken noch stärker werden [6]. In Bezug auf Europa kann deshalb gefordert werden: Nur der politische Wille und eine entsprechende politische Gestaltung der Wirtschaft könnte Europa wirklich zusammenführen.

  • [1] spiegel.de/wirtschaft/soziales/8−5-billionen-euro-besitz-deutsche-koenntenschulden-der-euro-zone-tilgen-a−815556.htmlundattac.org/de/verm%C3%B6gens- abgabe, beide zuletzt aufgerufen am 22.03.2013
  • [2] Z. B. Kriegszieldenkschrift des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg vom 9.9.1914, in: Kühnl 1975, S. 24 f.Vgl. Reheis 1996
  • [3] Geppert zeigt am Beispiel der Integration der deutschen Länder zum Deutschen Reich im 19. Jahrhundert und am Beispiel der Integration Ostund Westdeutschlands nach der Wiedervereinigung, dass im Falle einer wirklichen Angleichung der europäischen Volkswirtschaften ungleich größere Anstrengungen erforderlich wären. Geppert 2013
  • [4] Z. B. Hesse 1982
  • [5] Um das Jahr 1000 waren alle Länder Europas noch ungefähr gleich arm, um 1500 betrug das Verhältnis zwischen Italien und Finnland, dem damals ärmsten Land Europas 2,5:1, 500 Jahre später, im Jahr 2007, lag die größte Differenz zwischen den Regionen der EU bei einem Verhältnis von 12:1. Nolte 2013, S. 36
  • [6] Zur Erklärung der Auseinanderentwicklung von Zentrum und Peripherie durch einen strukturell bedingten und sich verschärfenden „ungleichen Tausch“ zwischen beiden Sphären vgl. v. a. Wallerstein 1974 und 1986
 
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