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6.3.3 Kritische didaktische Akzente I: Berührungspunkte und Bildungsebenen

In Hinblick auf die Politische Bildung stellt sich beim Thema „Europa und die Welt“ zunächst die Frage, welche Berührungspunkte die Lernenden mit diesen historischen Entwicklungen überhaupt haben[1]. Hier sollen einige Stichworte genügen, die die Risiken und Chancen der europäischen und der globalen Integration benennen. Einerseits: die Bevölkerungszunahme, die Migration, die Angst vor Überfremdung, die Niedriglohn-Konkurrenz, die Produkt-Piraterie, die Inflationsgefahr, der internationale Terrorismus und die ökologischen Belastungen. Andererseits: die gigantisch angewachsenen Möglichkeiten der globalen Kommunikation und des nahezu grenzenlosen Reisens, die Chancen von Konsumenten, Produzenten, Arbeitnehmern und Investoren, global zu agieren, oder die Erwartung, dass durch die umfassende weltweite Vernetzung langfristig auch zivilisatorische Standards einschließlich der Menschenrechte und der staatlichen Strukturprinzipien Rechtsstaat, Demokratie, Bundesstaat und Sozialstaat weltweite Geltung erlangen. Angesichts dieser Vielfalt an Berührungspunkten ist es sinnvoll, drei Ebenen des europabezogenen und globalen Lernens zu unterscheiden[2]: Erstens die Ebene der Gesamtgesellschaft und der Politik, zweitens die Ebene der Lebenswelt des Lernenden und drittens die Ebene des Lernsubjekts selbst. Auf der gesamtgesellschaftlich-politischen Ebene geht es vor allem um die kognitive Erweiterung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Horizonte in Richtung auf politische Inhalte, Prozesse und Ordnungen, die die nationalen Grenzen überschreiten. Dies schließt auch das Bewusstmachen der Auflösung alter Sicherheiten und der Gefahren, die aus diesem Integrationsprozess erwachsen, mit ein: die Neigung zur Ausgrenzung Andersartiger, die Erwartung der Assimilation der Einwanderer, das Versteigen in chauvinistische und rassistische Haltungen. Auf der Ebene der eigenen Lebenswelt sind vor allem affektive Anerkennungsund Selbstwirksamkeitserfahrungen im Nahraum bedeutsam: in der Familie, der Schule, am Arbeitsplatz und in der Kommune. In der Regel stabilisieren solche Erfahrungen die Psyche und verhindern, dass Menschen sich als Opfer übermächtiger Gewalten fühlen und für chauvinstische und rassistische Tendenzen empfänglich werden. Auf der Ebene der psychosozialen Entwicklung des Subjekts geht es um die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst: die Reflexion der eigenen Ängste, Wünsche, Zukunftsperspektiven, also um die Stärkung der eigenen Person als Voraussetzung für den Umgang mit Mehrdeutigkeiten, Widersprüchen und Flexibilitätszumutungen. Die Kunst der Bildungsarbeit besteht in der gelungenen Integration dieser drei Ebenen.

  • [1] Grundlegend zur Globalisierung als Herausforderung der Politischen Bildung: Steffens 2010
  • [2] Vgl. z. B. Rappenglück 2005
 
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