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6.3 Europa und Welt

Wo liegen eigentlich die räumlichen Grenzen eines Gemeinwesens? Sie ergeben sich nicht automatisch durch Natur, Kultur, Sprache oder Ähnliches. Es sind die Menschen, die letztlich festlegen, wie weit das Gemeinsame reicht. Dabei orientieren sie sich freilich immer auch an natürlichen und kulturellen Gegebenheiten. Bei einem weiten Begriff von Gemeinwesen (vgl. Kap. 2) besteht das Gemeinsame in allen gemeinsamen Bezügen, die zwischen den Menschen existieren: die Vorkehrungen für die öffentliche Sicherheit, die technische Infrastruktur, der Austausch von Gütern und Ideen, alle dauerhaften wechselseitigen Beeinflussungen also. Bei einem engen Gemeinwesenbegriff ist lediglich der Staat mit seinem Gewaltmonopol gemeint. Die historische Erfahrung lehrt, dass die Grenzziehung sowohl im weiten wie im engen Sinn oft eine Frage von Krieg und Frieden war. Allein deshalb ist dieses Thema mit außerordentlichen Emotionen befrachtet. Für die Politische Bildung müssen wir deshalb mit besonders harten „Bearbeitungsblöcken“ (Oskar Negt) rechnen.

6.3.1 Begriffliche Grundlagen

Der Terminus „Europa“ stammt aus der griechischen Mythologie. Danach war Europa eine Tochter des Königs von Phönizien. Diese gefiel dem höchsten Gott der Griechen so gut, dass er sie nach Kreta entführen ließ und sie zu seiner Geliebten machte. Als politischer Begriff wurde Europa erstmalig im 6. Jahrhundert vor Christus in Griechenland erwähnt, wobei der Begriff der Abgrenzung des griechischen Festlands gegen die „Barbaren“ diente[1]. Die Wortgeschichte zeigt also bereits, dass der Europabegriff der Aufwertung des Eigenen dienen sollte. Heute wird zwischen einem geografischen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Europa unterschieden. Die gegenwärtige Diskussion um die Europäische Union und den Euro ist längst zur Bühne für Populisten geworden. Wer darf im Euroraum bleiben, wer muss raus? Wer hat seine Hausaufgaben nicht gemacht und muss endlich das Arbeiten und das Sparen lernen? Wer schwingt sich zum Lehrmeister auf und darf anderen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben? Das sind die Fragen, die die Stammtische in ganz Europa erhitzen.

Das Wort „Welt“ begegnet uns seit gut zwei Jahrzehnten besonders im Zusammenhang mit dem Begriff der Globalisierung. Ursprünglich bezeichnete Welt alles, was es gibt bzw. alles, was bekannt und relevant ist. Die Welt der alten Griechen umfasste im Wesentlichen den Mittelmeerraum, das westliche Asien und das nördliche Afrika. Seit der Entdeckung Amerikas gehört auch die so genannte Neue Welt dazu. Die russische Revolution brachte für rund 70 Jahre eine politische Teilung der Welt in Ost und West. Seit diese beendet ist, wird eine beschleunigte Globalisierung, also eine weltweite ökonomische, kulturelle und politische Vernetzung und die damit einher gehende zunehmende wechselseitigen Abhängigkeiten und Uniformierung konstatiert. Diskutiert wird, welche Chancen und Risiken dies alles mit sich bringt und wie sich Chancen und Risiken auf der Erde verteilen. Gestritten wird auch darüber, welche Möglichkeiten der Gestaltung der Globalisierung es überhaupt gibt, welche Interessen das eigene Land dabei hat und welche anderen Länder diesen Interessen am meisten im Wege stehen.

Überall, wo Grenzen um ein Gemeinwesen gezogen werden, werden ein Innenund ein Außenbereich geschaffen. Damit geht eine starke Tendenz einher, die Unterschiede und Gegensätze, die es innerhalb jedes dieser Bereiche gibt, nivellieren zu wollen. Diese Tendenz zeigte sich im 18. Jahrhundert in Europa im Zusammenhang mit der Bildung von Nationalstaaten, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Imperialismus, der schließlich in die beiden Weltkriege mündete. Du bist nichts, dein Volk ist alles, hieß ein offizieller Leitspruch in Deutschland zwischen 1933 und 1945, der die bedingungslose Unterordnung des Einzelnen unter die Volksgemeinschaft zum Ziel hatte. Mit der Nivellierung im Innern und Äußern geht meist auch das Bestreben einher, das eigene Gemeinwesen von seiner Umwelt möglichst unabhängig zu machen. Es soll sich selbst bestimmen können, autonom, vielleicht sogar autark sein. Gleichzeitig möchte man aber von der Außenwelt profitieren und bleibt von ihr abhängig, allein schon deshalb, weil Grenzen immer nur relativ dicht sind und von, Schmugglern, Flüchtlingen, Waffen und Krankheitskeimen sowie klimatischen Veränderungen überwunden werden können. Deshalb müssen Grenzen politisch gestaltet werden, muss das Verhältnis zwischen angestrebter Selbstständigkeit (Autonomie) und faktischer wechselseitiger Abhängigkeit (Interdependenz) zwischen den abgegrenzten Gemeinwesen vereinbart werden.

  • [1] Weidenfeld 1999, S. 22
 
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