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6.2.6 Kritische didaktische Akzente IV: Wirtschaftsordnung

Dies führt zur Grundsatzfrage, ob die herrschende Wirtschaftsordnung den Bedürfnissen der Menschen wirklich noch gerecht wird. Die Ordnung der Wirtschaft gehört nicht zum unveränderlichen Teil des Grundgesetzes, sondern wurde von den Verfassungsgebern bewusst offen gelassen. Sie wollten, dass die Wirtschaftsordnung den historisch sich relativ schnell wandelnden Anforderungen und den ebenso veränderlichen Vorstellungen der Menschen jeweils angepasst werden kann. Geht man von den Bedürfnissen der Menschen aus und fragt, welche Bedürfnisse in kapitalistischen Marktwirtschaften systematisch berücksichtigt werden und welche nicht, so zeigt sich die Begrenztheit dieser Wirtschaftsordnung sehr deutlich. Weltweit ist die Befriedigung vieler biologischer Grundbedürfnisse und des Bedürfnisses nach Schutz und Sicherheit mit der Ausbreitung der herrschenden Wirtschaftsordnung von den Risiken der Märkte abhängig geworden: der Märkte für den Grundbedarf, der Arbeitsmärkte und jetzt zunehmend auch der Finanzmärkte. In Bezug auf die Anerkennungsund Selbstverwirklichungsbedürfnisse lenkt die herrschende Wirtschaftsordnung die Anstrengungen von hunderten von Millionen Menschen in Richtungen, die nach den Erkenntnissen der modernen Glücksforschung ab einem bestimmten Punkt sich weitgehend als Sackgassen erweisen[1]. Genau aus diesem Grund wird seit Längerem auch an neuen Methoden zur Wohlstandsmessung gearbeitet[2].

Man kann die sehr begrenzte Fähigkeit der kapitalistischen Marktwirtschaft, menschliche Bedürfnisse zu berücksichtigen, auch noch aus einer anderen Perspektive betrachten: Der Tag hat 24 h, 8 h für den Konsum, 8 h für die Arbeit, 8 h für den Schlaf. Die Hebel, die die kapitalistische Marktwirtschaft dem Individuum zur Verfügung stellt, damit es seine Bedürfnisse zur Geltung bringen kann, erweisen sich vor diesem Hintergrund als sehr beschränkt: In Bezug auf den Konsum lebt das Individuum zwar im Schlaraffenland, es hat Zugriff auf eine gigantische Palette von Optionen (Lebensmittel, Kleidung, Spielzeug für Jung und Alt, Reisen etc.), vorausgesetzt freilich, es verfügt über die nötige Kaufkraft. In Bezug auf die Arbeit haben seine Bedürfnisse schon weit weniger Chancen, weil auf Arbeitsmärkten aus systematischen Gründen die Arbeitgeber am längeren Hebel sitzen[3]. Diese arbeitsbezogenen Bedürfnisse sind enorm: Wie viel möchte ich arbeiten? Wann (etwa in Abhängigkeit von Alter und Lebenssituation)? Welche Arbeit soll es sein (und das ganze Leben dieselbe)? Wie möchte ich arbeiten (Pausen, technische Hilfsmittel, Unterstützung, Kommunikation mit Kollegen usw.)? In Bezug auf den Schlaf nimmt der Kapitalismus schließlich überhaupt keine Rücksicht auf Bedürfnisse, wenn man den Schlaf hier als Metapher für das urmenschliche Bedürfnis sieht, sein Leben planen zu können und dazu über ein sicheres Einkommen zu verfügen. Die Befriedigung solcher Schutzund Sicherheitsbedürfnisse können Märkte nicht leisten. Das in sie eingebaute Risiko gilt dem Wirtschaftsliberalismus ja sogar als großer Vorzug der Marktwirtschaft gegenüber allen nicht marktgesteuerten Formen der Organisation von Arbeitsteilung[4].

Eine kritische Politische Bildung sollte den Blick auf die existierenden Alternativen zur kapitalistischen Marktwirtschaft öffnen, die seit einiger Zeit unter dem Begriff „Solidarische Ökonomie“ zusammengefasst werden. Als Stichworte seien einerseits Tauschringe, Komplementärwährungen, Genossenschaften genannt, die innerhalb der herrschenden Strukturen aufgebaut werden können, wie auch die Weiterentwicklung des Sozialstaats zum Wohlfahrtsstaat und die Demokratisierung der Wirtschaft durch „offene Unternehmensverfassungen“, in denen alle Betroffenen (Konsumenten, Produzenten, Anwohner und Kapitalgeber) prinzipiell auch zu Beteiligten der wirtschaftlichen Entscheidungen gemacht werden[5]. Ob im Zusammenhang mit einer grundlegenden Überwindung der kapitalistischen Spielregeln des Wirtschaftens der Begriff „Sozialismus“ verwendet werden sollte, ist eine andere Frage [6].

6.2.7 Fazit

Wie verhalten sich der Homo oeconomicus und das Zoon politikon zueinander? Beim Thema Wirtschaft und Staat stößt man auf die starke Dominanz der wirtschaftsliberalistischen Perspektive. Dies gefährdet die Umsetzung des fachdidaktischen Kontroversprinzips. Das beginnt schon bei Abgrenzungsfragen, wenn die strenge Funktionsteilung zwischen Wirtschaft und Staat unausgesprochen zur alleingültigen Sicht erhoben wird. Ein vertiefender Blick auf wirtschaftswissenschaftliche Ansätze jenseits des Mainstreams zeigt ein weites Spektrum an Auffassungen und Ideen. Sie sind auch für die Politische Bildung bedeutsam, wenn der mündige Bürger keine Worthülse bleiben soll. Am Beispiel einiger aktueller Themen an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Staat kann gezeigt werden, wie unterschiedlich die Sichtweisen und praktischen Konsequenzen für Individuum und Gesellschaft ausfallen können. Vor allem die Verengung der Sicht auf die menschlichen Bedürfnisse, die für die herrschende Theorie und Praxis des Wirtschaftens charakteristisch ist, muss aufgebrochen werden: Bedürfnisse haben Menschen nicht nur in Bezug auf den Konsum, sondern auch in Bezug auf die Arbeit, die Sicherheit, die Planbarkeit sowie nicht zuletzt auf die Sinnhaftigkeit des Lebens und die Qualität sozialer Beziehungen. Eine solche Ausweitung des Horizonts muss in einem Gemeinwesen, das menschenwürdig sein möchte, den mündigen Bürgern zugemutet und ermöglicht werden. Dabei darf auch die Wirtschaftsordnung kein Tabu bleiben, zumal da sie bekanntlich nicht zum unveränderlichen Kern des Grundgesetzes gehört.

  • [1] Z. B. Binswanger 2006
  • [2] Z. B. Human Development Index der UNO oder Happy Planet Index. Siehe auch die Vorschläge des im Frühjahr 2013 veröffentlichten Berichts der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. Deutscher Bundestag 2013
  • [3] Dies hängt damit zusammen, dass es über längere Zeiträume tendenziell mehr Nachfrage nach als Angebot von Arbeitsplätzen gibt, weil langfristig lebendige Arbeit durch tote (maschinelle) Arbeit ersetzt wird und weil über die Frage, wie dieser Zuwachs an menschlicher Verfügungsmacht (der sich dem technischen Fortschritt verdankt) genutzt werden soll, aufgrund des privaten Eigentums an den Produktionsmitteln und der Konkurrenzzwänge der marktgesteuerten Kapitalverwertung nicht demokratisch entschieden wird.
  • [4] Würden die Arbeitnehmer selbst Eigentümer ihrer Betriebe sein (z. B. in einem Genossenschaftssystem), könnten sie dort auch ihre arbeitsbezogenen Bedürfnisse einbringen. Weil in einem solchen nicht kapitalistischen, aber nach wie vor marktwirtschaftlichen System (Laborismus statt Kapitalismus) dann vermutlich langsamer und weniger gearbeitet würde, wären damit die Chancen auf Vollbeschäftigung größer. Vgl. Vogt 1986
  • [5] Einen Überblick bietet Reheis 2011, S. 146–154
  • [6] Durch den so genannten Realen Sozialismus ist dieser Begriff massiv beschädigt worden. Oskar Negt plädiert dafür, im Falle des Festhaltens am Sozialismusbegriff in Theorie und Praxis die Subjektivität des Menschen ins Zentrum zu stellen. Negt 2010, S. 523–544
 
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